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Diskussionsveranstaltung
70 Jahre Ungarischer Volksaufstand: Warum Freiheit für Leslie Mandoki keine Selbstverständlichkeit ist

Autorin/Autor: Katja Zirkel

70 Jahre nach dem Ungarischen Volksaufstand von 1956 spricht Musiker und Produzent Leslie Mandoki über seine Kindheit in Budapest, seine Flucht vor der kommunistischen Diktatur und die Bedeutung von Freiheit. Im Interview mit der HSS erklärt er, wie ihn diese Erfahrungen bis heute prägen und warum Musik für ihn ein Mittel gegen Unterdrückung und gesellschaftliche Spaltung ist. Dabei appelliert er an die junge Generation, Demokratie und Freiheit nicht als selbstverständlich zu betrachten.

Leslie Mandoki berichtet im Rahmen der HSS-Veranstaltung "„Ungarn und die Freiheit. 70 Jahre Mut, Aufbruch und europäische Verantwortung“ von seinen Erlebnissen im kommunistischen Ungarn.

Leslie Mandoki berichtet im Rahmen der HSS-Veranstaltung "„Ungarn und die Freiheit. 70 Jahre Mut, Aufbruch und europäische Verantwortung“ von seinen Erlebnissen im kommunistischen Ungarn.

Copyright: Red Rock Production

Vor 70 Jahren, im Herbst 1956, erhoben sich die Menschen in Ungarn mutig gegen die sowjetische Unterdrückung und für die Werte, die auch das Fundament der Arbeit der Hanns-Seidel-Stiftung bilden: Freiheit und Demokratie. Obwohl der Aufstand blutig niedergeschlagen wurde, blieb der Funke des Widerstands lebendig und prägte unzählige Lebenswege – so auch den des weltbekannten Musikers, Sänger, Schlagzeuger und Produzenten Leslie Mandoki. Seine Karriere startete er in der Munich Sound Ära der 1970er Jahre mit Unterstützung von Klaus Doldinger, feierte die ersten Welterfolge mit der Popgruppe Dschinghis Khan und produzierte später Weltstars wie Jennifer Rush, Lionel Richie, Phil Collins, aber auch Newcomer wie die No Angels. Seit 1992 vereint er in seinem Bandprojekt Mandoki Soulmates Ikonen des Progressive Rock und Jazz, und wurde für das aktuelle Album „A Memory Of Our Future“ im vergangenen Jahr in der American Rock’n’Roll Hall Of Fame ausgezeichnet. Sein Vater war Freiheitskämpfer während des Ungarischen Volksaufstandes von 1956. 1975 floh Leslile Mandoki vor der kommunistischen Diktatur durch den Karawankentunnel nach Deutschland. Bis heute ist seine Musik mit den Mandoki Soulmates ein Sprachrohr gegen Intoleranz und Unterdrückung. 

Anlässlich des 70. Jahrestages des Ungarnaufstands spricht Mandoki im Rahmen der Diskussionsveranstaltung „Ungarn und die Freiheit. 70 Jahre Mut, Aufbruch und europäische Verantwortung“ darüber, wie ihn die Ereignisse von damals persönlich geprägt haben und warum das Erbe der ungarischen Freiheitskämpfer gerade für die heutige Jugend in Europa aktueller ist denn je. Für Mandoki ist klar: „Wir müssen aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen.“

Das Programm der Veranstaltung „Ungarn und die Freiheit. 70 Jahre Mut, Aufbruch und europäische Verantwortung“:

Eröffnung durch Prof. Klaus Holetschek, MdL, Vorsitzender der HSS, Fraktionsvorsitzender der CSU im Bayerischen Landtag

Panelisten:

Dr. Gerhard Hopp, MdL, Vorsitzender der Europäischen Akademie Bayern e.V.

Leslie Mandoki, International renommierter Musiker, Produzent und musikalischer Brückenbauer; Träger der Bayerischen Europamedaille 2017 sowie der Auszeichnung „Pro meritis scientiae et litterarum“ 2025; Initiator des Projektes „Sehnsucht nach Freiheit“

Dr. h.c. Bernd Posselt, MdEP a.D., Präsident der Paneuropa Union Deutschland, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe

Bence Kocsev, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Otto von Habsburg Stiftung, Historiker mit Forschungsschwerpunkt Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Kalten Krieges

Moderation: Dr. Markus Ehm, Regionalprojektleiter der HSS im Projekt Donauraum mit Sitz in Budapest

Anmeldung zur Veranstaltung “Ungarn und die Freiheit”

 

HSS: Herr Mandoki, der ungarische Volksaufstand von 1956 und die Sehnsucht nach Freiheit haben Ihre Jugend und Ihren späteren Lebensweg tief geprägt. Welche konkreten persönlichen Erinnerungen oder Bilder aus Ihrer Kindheit und Jugend in Budapest haben Sie bis heute vor Augen, wenn Sie an diesen historischen Aufbruch und den anschließenden Mut zur Flucht durch den Karawankentunnel im Jahr 1975 zurückdenken?

 

Leslie Mandoki: Ich war 1956 noch nicht ganz vier Jahre alt. Naturgemäß hat man da keine wirklich zusammenhängenden Erinnerungen, dafür aber eingebrannte Bilder. und Bruchteile des Geschehens. Dass ich zum Beispiel auf den Schultern meines Vaters saß, als die riesige Stalin-Statue umgestürzt wurde, oder auch wie bei uns in der Wohnung junge Studenten starben, die von den Russen angeschossen waren. Natürlich hat mich in der Jugend diese Sehnsucht nach Freiheit in der Diktatur geprägt. Auch wenn es „Gulaschkommunismus“, oder „die Lustigste Baracke des Ostens“ genannt wurde, die Einschränkungen waren erdrückend, die Bespitzelung, der Schießbefehl an den Grenzen, die angedrohte Folter, die allgegenwärtige Zensur und die fehlende Reisefreiheit, gerade für mich als jungen Musiker. Denn ich wollte mich mit der Welt messen und nicht nur mein Leben träumen, sondern meine Träume leben. Die Flucht war natürlich hochdramatisch und extrem emotional, wenn man trotz Schießbefehl einfach durch einen Tunnel rennt. Aber viel spannender ist es, heute zurückzudenken, wie es war, als ich damals hier in Deutschland als ankam. Und da gibt es auch viele substantielle Lehren daraus. Ich habe hier 1975 ein Land vorgefunden, das verliebt war in das Gelingen. Es war für mich ein pluralistisches Paradies, in dem die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung nur zu zwei Themen einer Meinung waren, nämlich zum Fernsehprogramm und zum Wetterbericht. Das Land war friedfertig, dennoch war es selbstverständlich, Stärke zu zeigen, wie zum Beispiel durch den Nato-Doppelbeschluss, aber gleichzeitig auch die Hand zu Verhandlungen auszustrecken. Da ich gerade einer russisch-besetzten, militanten, zensierten, dysfunktionalen Gesellschaft aus dem Ostblock entflohen war, empfand ich diese Friedfertigkeit und dieses neue Lebensgefühl als sehr bereichernd. Ich habe mich in das Land, die Kultur und die Mentalität der Menschen geradezu verliebt. Und es sollte uns heute alle miteinander nachdenklich machen, dass ich dreieinhalb Wochen nach meiner Antragstellung auf politisches Asyl noch vom Zentrallager aus über den Künstlerdienst, eine spezielle Abteilung des Arbeitsamtes, schon direkt vermittelt wurde als Schlagzeuger an das Schwäbische Landestheater, wo ich dann sofort auf Lohnsteuerkarte gearbeitet habe. Und zweieinhalb Monate später habe ich meinen Asyl-Pass erhalten. Also gehöre ich zu der glücklichen Flüchtlingsgeneration, die keine Willkommenskultur „erleiden“ musste, kein Plüschtier und auch keine Angebote für Integrationskurse bekam, sondern etwas wesentlich Bedeutenderes: Ich durfte sofort meine Selbstwirksamkeit auf den Prüfstand stellen und ein aktives Mitglied der Wertschöpfungskette dieser Gesellschaft werden.

HSS: Sie haben einmal gesagt, dass Musik immer auch ein Sprachrohr gegen Unterdrückung sein muss. Inwiefern hat der Geist des ungarischen Freiheitskampfes von 1956 – den Ihre Eltern miterlebt haben – Ihren eigenen künstlerischen Kompass und die Gründung der ‚Mandoki Soulmates‘ beeinflusst? War die Musik für Sie von Anfang an ein Mittel, um das fortzuführen, was 1956 auf den Straßen von Budapest begann?

 

Leslie Mandoki: Die gedankliche Gründung der „Soulmates“ fand eigentlich im Zentrallager für Asylbewerber in Zirndorn statt. Bei der Antragstellung gab ich zu Protokoll, dass ich eigentlich hierhergekommen bin, um die Freiheit zu haben, mit Ian Anderson von Jethro Tull, Jack Bruce von Cream und Al di Meola von Return To Forever eine Band zu gründen, die künstlerisch-musikalische Werte von Britischem Progrock und amerikanischem Fusion-Jazz verbindet. Ich bleibe dabei, dass ein Künstler immer Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein muss, und ein Leitplanken-Erweiterer, ein Gegen-den-Strom-Schwimmer, aber zuallererst ein Brückenbauer. Und Brücken müssen wir selbst dort bauen, wo die Brückenpfeiler durch Hass, Spaltung und Auseinandersetzung schon kaum mehr sichtbar sind. Wir müssen lernen, den offenen Diskurs wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Wenn jemand eine gegensätzliche Meinung vertritt als wir, so ist derjenige noch lange nicht unser Feind, sondern jemand, bei dem es uns nur noch nicht gelungen ist, ihn zu überzeugen. Wir müssen uns aus unseren urbanen, akademischen, kosmopolitischen Echokammern hinauswagen, in denen wir nur durch Algorithmus bespielte Filterblasen mit Weltbildern berieselt werden. Denn das hinterlässt in unserer Gesellschaft eine riesige Repräsentationslücke, in der sich viele Menschen mit ihren tatsächlichen Lebensrealitäten nicht gesehen und gehört fühlen. Deshalb müssen wir immer hinterfragen, wenn wir von rechts und links Botschaften bekommen, die sehr stark davon abweichen, wie wir das Leben in unserem Wertesystem wahrnehmen, wie wir die Menschen durch Überzeugungsarbeit wieder für die Mitte gewinnen. Dementsprechend ist es mein künstlerisches Credo, Lieder zu schreiben, die uns verbinden, das Gemeinsame repräsentieren und den Zusammenhalt der Gesellschaft widerspiegeln.

Cover des soeben erschienene Bildbands "Sehnsucht nach Freiheit" von Leslie Mandoki. Der Musiker  schildert auf Einladung der HSS zur gleichnamigen Veranstaltung, wie ihn der Ungarn-Aufstand vor 70 Jahren musikalisch und persönlich geprägt hat.

Cover des soeben erschienene Bildbands "Sehnsucht nach Freiheit" von Leslie Mandoki. Der Musiker schildert auf Einladung der HSS zur gleichnamigen Veranstaltung, wie ihn der Ungarn-Aufstand vor 70 Jahren musikalisch und persönlich geprägt hat.

HSS: Als Hanns-Seidel-Stiftung liegt uns die politische Bildung und das Erreichen der nächsten Generation besonders am Herzen. 70 Jahre sind eine lange Zeit – die Zahl der Zeitzeugen nimmt ab. Wie können wir es schaffen, den tiefen Freiheitsdrang und den Mut der Menschen von damals für junge Menschen von heute greifbar zu machen, damit der Geist von 1956 nicht verblasst?

 

Leslie Mandoki: Das Allerwichtigste ist, zu verstehen, dass es sowohl 1956, als auch 1989 in Ungarn vor allem junge Menschen waren, die diese Veränderungen herbeigeführt haben. Heute würde ich sagen, es entspricht der Altersgruppe der Instagram-Generation. Deshalb ist es wichtig, diesen Spirit wiederzugeben, denn die jungen Generationen sind über Jahrzehnte in wachsendem Wohlstand, Frieden und Freiheit aufgewachsen. Und jetzt befinden wir uns in einem Labyrinth der Krisen, viele bisherige Gewissheiten wackeln und der Kompass scheint verloren gegangen. Deshalb ist es sehr wichtig und bedeutsam, so ein Beispiel aus der Vergangenheit in unsere Komfortzone hinein zu holen und zu fragen: Wie war es damals, als junge Menschen, die von der ungarischen Armee verteilten Waffen eingesetzt haben, um die sowjetische Rote Armee in die Flucht zu schlagen? Auch wenn anschließend Nikita Sergejewitsch Chruschtschow als schrecklicher sowjetischer Diktator, der auch die Kuba-Krise ausgelöst hat, diesen Volksaufstand der Ungarn in Blut ertränken ließ, so konnte dennoch der Geist dieses Aufstands und die Sehnsucht nach Freiheit der Menschen nicht ausgelöscht werden. Das ist unsere Botschaft für heute.

HSS: Der ungarische Volksaufstand wurde damals brutal niedergeschlagen, doch der Drang nach Freiheit ließ sich nicht ersticken. Sie haben diese Fackel durch Ihre Musik und Projekte wie die ‚Mandoki Soulmates‘ in die Welt getragen. Welches Signal möchten Sie den Menschen mitgeben, um zu zeigen, dass der Kampf für Demokratie und gegen Totalitarismus niemals aufhören darf?“

 

Leslie Mandoki: Eigentlich würde sich diese Frage, wenn wir seit 1989 alles richtiggemacht hätten, gar nicht stellen. Und als Wahlbayer neige ich dazu, mit ein klein wenig Selbstbewusstsein auf die stolze Geschichte vom ärmsten Bundesland zum wohlhabendsten Geberland zu verweisen. Eine große Vision des Wandels vom strukturschwachen, reinen Agrarland, hin zu Zukunftstechnologien bei gleichzeitiger Traditionsverbundenheit. Dies, verbunden mit einem klarem Narrativ von „Laptop und Lederhose“ brachte etwa meinem väterlichen Freund Edmund Stoiber bis zu über 60% Zustimmung bei den Landtagswahlen. Also, es geht!

Heute ist die Botschaft von Freiheit und ihrem Zwillingsbruder Frieden leider sehr bedeutsam, weil das alles nicht mehr so selbstverständlich ist.

Viel Vertrauen ist verloren gegangen. Deshalb müssen wir zurückkehren zu den großen Visionen, mit klarem Narrativ und damit werben für eine große Mehrheit. Das ist die Lehre. Das ist der Kern unserer Demokratie.

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