35 Jahre Deutsche Wiedervereinigung
Als die Mauer fiel, kam die Freiheit
Trabbi im Schrottcontainer, gesehen nach dem Fall der Mauer in Berlin.
© Bundesstiftung Aufarbeitung, Ann-Christine Jansson
Friedliche Revolution
Geteiltes Schicksal: 40 Jahre lang lebten die Deutschen in einem gespaltenen Land, die Bundesrepublik im Westen, die DDR im Osten. Der Kalte Krieg, spürbar als geographische Realität mit tragischen Auswirkungen: getrennte Familien, zerrissene Schicksale, tödliche Mauern. Noch im Sommer 1989 ahnten nur wenige, dass das Ende der SED-Herrschaft bevorstand. Doch die mutigen Proteste der Bürgerinnen und Bürger in Leipzig, Dresden und Berlin, die Fluchtbewegungen über Ungarn und die Tschechoslowakei und der stetig wachsende Druck der Zivilgesellschaft brachten das System ins Wanken. Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 war der sichtbare Wendepunkt – ein Symbol der Befreiung, das sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Es war eine Revolution, die in ihrer Friedlichkeit und Geschwindigkeit weltweit Aufsehen erregte. Innerhalb weniger Monate folgte der politische Prozess, der in den Einigungsvertrag und schließlich am 3. Oktober 1990 in den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik mündete. Seither feiern wir an diesem Tag unseren Nationalfeiertag, der Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie gewidmet ist.
Nach dem Fall der Mauer wird das amerikanische Kontrollgebäude Checkpoint Charlie abtransportiert.
© Bundesstiftung Aufarbeitung, Ann-Christine Jansson
Mehr als ein Verwaltungsakt
Die Einheit war kein reines Staats- oder Verwaltungsprojekt, sondern die Verwirklichung eines jahrzehntelang unerfüllten Traums. Sie bedeutete den Sieg der Freiheit über die Diktatur, das Ende der jahrzehntelangen Spaltung von Familien und Regionen und den Beginn eines neuen Kapitels in der europäischen Geschichte. Mit der deutschen Einheit fiel auch ein entscheidender Stein aus der Mauer, die Europa in zwei Blöcke trennte. Der Kalte Krieg endete, viele Staaten Mittel- und Osteuropas konnten ihre Souveränität zurückgewinnen und ihren Weg in die Europäische Union und die NATO einschlagen. Deutschland selbst rückte vom Grenzstaat ins Zentrum Europas und übernahm damit neue Verantwortung für Frieden, Integration und Stabilität.
In Ostberlin werden nach der Wiedervereinigung Straßenschilder ausgetauscht. Aus der Leninallee wurde beispielsweise die Landsberger Allee.
© Bundesstiftung Aufarbeitung/Daniel Biskup
35 Jahre später – Licht und Schatten
Heute, 35 Jahre später, ist die Bilanz vielschichtig. Politisch ist die Demokratie in ganz Deutschland fest verankert. Rechtsstaatlichkeit, Grundrechte und freie Wahlen sind selbstverständlich geworden. Gleichzeitig war der ökonomische und gesellschaftliche Transformationsprozess im Osten tiefgreifend und schmerzhaft. Die Abwicklung großer Teile der DDR-Industrie führte zu Arbeitsplatzverlusten, viele Menschen fühlten sich entwurzelt und nicht selten abgehängt. Dennoch entstanden neue Chancen: Infrastrukturen wurden modernisiert, Hochschulen neu aufgebaut, Mittelstand und innovative Unternehmen entwickelten sich, Regionen entdeckten ihre kulturelle und touristische Attraktivität.
Gesellschaftlich sind Ost und West in vielerlei Hinsicht zusammengewachsen. Millionen Menschen sind umgezogen, beruflich oder privat in den jeweils anderen Teil des Landes gegangen, Freundschaften und Familiengeschichten haben Brücken gebaut. Doch Unterschiede sind geblieben. Unterschiede im Einkommen und Vermögen, in den politischen Einstellungen und auch in den Mentalitäten sind weiterhin sichtbar. Manche sprechen von „unsichtbaren Mauern“, die noch existieren. Zugleich wächst jedoch eine Generation heran, die die Teilung nur aus Geschichtsbüchern kennt. Für sie ist Deutschland selbstverständlich vereint, und genau das ist vielleicht die größte Errungenschaft der vergangenen 35 Jahre.
Auch kulturell hat die Einheit das Land bereichert. Ostdeutschland brachte nicht nur wirtschaftliche Probleme mit, sondern auch eine lebendige Erinnerungskultur, starke zivilgesellschaftliche Netzwerke und eigene Traditionen, die heute zum gesamtdeutschen Erbe gehören.
Demokratie lebendig halten
Die Hanns-Seidel-Stiftung hat diesen Prozess von Anfang an begleitet. Ihre Aufgabe war immer, Demokratie zu festigen, politische Bildung zu fördern und die Aufarbeitung der SED-Diktatur voranzubringen. In Seminaren, Tagungen, Zeitzeugenprojekten und Publikationen wird sichtbar, wie die Diktatur funktionierte, wie mutig Menschen dagegen Widerstand leisteten und warum diese Erfahrungen für unsere Gegenwart relevant bleiben. Denn wer die Mechanismen von Unfreiheit kennt, wird die Bedeutung von Demokratie besser schätzen.
Darüber hinaus bietet die Stiftung Räume für den Dialog zwischen Ost und West, zwischen Jung und Alt, zwischen Politik und Gesellschaft. Sie trägt damit dazu bei, die Einheit nicht nur als historischen Fakt, sondern als gelebte Realität zu begreifen. Gerade am 3. Oktober ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Freiheit und Rechtsstaatlichkeit nie selbstverständlich sind.
Einheit als Auftrag
Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Feiertag, aber er ist mehr als das. Er ist ein Prüfstein und Auftrag. Er erinnert an das Wunder der friedlichen Revolution und an die Kraft, die von engagierten Bürgerinnen und Bürgern ausgehen kann. Er mahnt uns aber auch, die offenen Baustellen der Einheit weiter anzugehen: die Angleichung von Lebensverhältnissen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die gemeinsame Verantwortung für ein starkes Europa. Richard von Weizsäcker hat 1990 gesagt: „Die Einheit ist kein Zustand, sie ist eine Aufgabe.“ Drei Jahrzehnte später gilt dieser Satz unverändert.
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