ArguKompakt "Feindbild Israel - Antisemitismus von links"
Wie sich Israelkritik und Judenfeindlichkeit tarnen
Politische Botschaft gegen Antisemitismus an einer Laterne in Form eines beschädigten Stickers. Der Schriftzug wurde offenbar von politisch Andersdenkenden mit einem spitzen Gegenstand beschädigt.
© Müller-Stauffenberg/Imago
Antisemitismus ist kein ausschließlich rechtsextremes Phänomen. Auch im linken politischen Spektrum finden sich antisemitische Denkmuster, die häufig hinter Kapitalismuskritik, Antizionismus oder vermeintlich legitimer Israelkritik verborgen bleiben. Besonders seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sind diese Entwicklungen verstärkt in den Fokus gerückt. Doch wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Kritik an der israelischen Politik und Antisemitismus? Und wie äußert sich Judenfeindlichkeit im linken politischen Spektrum?
Wir haben die Autoren Dr. Benjamin Hahn und Thomas Haslböck zu den ideologischen Hintergründen, Erscheinungsformen und Akteuren des linken Antisemitismus befragt.
HSS: Antisemitismus wird häufig mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht. Wie äußert sich Antisemitismus im linken politischen Spektrum und warum wird er dort häufig weniger deutlich erkannt?
Dr. Benjamin Hahn, Thomas Haslböck: Antisemitismus kann in allen Teilen der Gesellschaft auftreten, nicht nur im Rechtsextremismus. Allerdings unterscheiden sich seine Erscheinungsformen. Im Rechtsextremismus begegnet er uns meist offen als Rassismus. Im linken Spektrum ist das anders. Einerseits versteckt er sich hier häufig hinter sozioökonomischen oder kulturellen Deutungen. Andererseits richtet er sich vordergründig gegen den Staat Israel. Dieser wird dabei – bewusst oder unbewusst – zum Stellvertreter für die jüdische Gemeinschaft insgesamt gemacht.
Beide Erscheinungsformen verbinden sich beispielsweise dann, wenn Israel pauschal als Symbol kapitalistischer Ausbeutung oder als grundsätzlich illegitimer Kolonialstaat dargestellt wird. Antisemitisch wird eine solche Kritik insbesondere dann, wenn sie traditionelle judenfeindliche Stereotype aufgreift, etwa die Vorstellung einer geheimen jüdischen Macht, die das Weltgeschehen steuert. Da der Antisemitismus in der Sprache politischer Kritik und nicht als offene Abwertung der Juden auftritt, ist ihr antisemitischer Gehalt häufig schwerer zu erkennen.
HSS: Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat sich die Debatte über den Nahostkonflikt deutlich verschärft. Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Kritik an der israelischen Regierung und antisemitischen Aussagen?
Dr. Benjamin Hahn, Thomas Haslböck: Genau hier liegt die große Schwierigkeit: Auch scharfe Kritik an der israelischen Regierung ist legitim. Die Grenze zum Antisemitismus wird allerdings überschritten, wenn daraus eine Feindschaft gegen Juden wird oder antisemitische Vorstellungen auf Israel übertragen werden.
Anhaltspunkte dafür, wo diese Grenze verläuft, bietet der sogenannte Drei-D-Test. Die drei D stehen für Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung: Wird Israel dämonisiert, etwa durch die Gleichsetzung seiner Politik mit den Verbrechen des Nationalsozialismus? Wird sein Handeln nach anderen Maßstäben beurteilt als vergleichbares Handeln anderer Staaten? Wird Israel grundsätzlich das Existenzrecht abgesprochen?
Diese Kriterien liefern allerdings keinen automatischen Beleg für Antisemitismus. Nicht jede einseitige oder überzogene Aussage ist bereits antisemitisch. Wir müssen deshalb immer den Zusammenhang und die dahinterliegenden Vorstellungen in den Blick nehmen.
HSS: Ihre Analyse zeigt, dass sich linksextremistische und islamistische Akteure zunehmend vernetzen. Welche Gefahren entstehen daraus für unsere Gesellschaft und wie können Politik und politische Bildung darauf reagieren?
Dr. Benjamin Hahn, Thomas Haslböck: Die gemeinsame Feindschaft gegen Israel kann Akteure zusammenbringen, die in anderen Fragen weit auseinanderliegen. Solche Querfronten zeichnen sich insbesondere im Umfeld propalästinensischer Demonstrationen ab. Der Verfassungsschutzbericht 2025 beschreibt einen zunehmend radikalisierten und gewaltbereiten Kern der Demonstranten sowie eine wachsende Vernetzung extremistischer Strömungen. Es besteht die Gefahr, dass sich diese Bündnisse verfestigen und die Bedrohung für jüdische und israelische Menschen und Einrichtungen weiterwächst.
Die Politik muss jüdisches Leben schützen und konsequent gegen Bedrohungen und Gewalt vorgehen. Zugleich brauchen wir in der politischen Bildung eine breitere Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Israelfeindschaft. Sie muss neben dem Rechtsextremismus auch den Islamismus und den Linksextremismus berücksichtigen. Dazu gehört, die ideologischen Verbindungen zwischen diesen Akteuren offenzulegen und zu erklären, wie Judenfeindschaft als vermeintlicher Einsatz für Gerechtigkeit und Befreiung auftreten kann.
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