Kampf gegen Corona
Blick in den Rückspiegel hilft nicht weiter
HSS: Sehr geehrter Herr Lange, wir sind in einer völlig neuen Situation. Wie schätzen Sie die Reaktionen der Politik auf die Corona-Pandemie ein?
Sascha Lange: Bei uns in Deutschland hat die Politik zunächst nicht in voller Konsequenz reagiert. Nachdem Ende Januar die ersten COVID-19 Fälle im bayrischen Landkreis Starnberg auftauchten, wurden zwar die ersten deutschen Rückkehrer aus dem chinesischen Wuhan isoliert, doch dies galt nicht für alle Einreisenden aus China. Dabei hatte die Infektionskette in Starnberg gezeigt, dass sie von einer Dame aus Shanghai verursacht worden war. Hierdurch war klar, dass sich die Infektionen innerhalb Chinas bereits weit ausgebreitet haben musste. Jeder Einreisende von dort war damit potentiell infektiös. Aber in den Rückspiegel schauen hilft uns aktuell nicht weiter. Ich kenne niemanden, dem das tatsächlich historisch pandemische Ausmaß bereits Anfang Februar bewusst gewesen wäre.
Sascha Lange: Der Molekular- und Zellbiologe hat seine Diplomarbeit zur Detektion und Analyse gefährlicher Infektionskrankheiten verfasst. Er ist außerdem von der WHO hinsichtlich von Richtlinien und Bewältigungsmaßnahmen zur Reaktion auf COVID-19 zertifiziert. Als professioneller Berater analysiert er komplexe Datenlagen und erarbeitet konkrete Problemlösungen für eine Vielzahl von Fragestellungen.
Sascha Lange
Europaweit wurde die Bedeutung der Krise erst mit den drastischen Ausgangsverbots-Maßnahmen der italienischen Regierung Mitte bis Ende Februar klarer, die in Folge der dort stark steigenden Todeszahlen durch COVID-19 beschlossen worden waren. Seitdem hatten wir alle Mühe, mit der unheimlichen Geschwindigkeit der Veränderungen umzugehen.
Weltweit ist aber zu beobachten, dass Politik und Gesellschaften in Staaten, die bereits durch SARS- und MERS-Infektionen in den 2000ern getroffen worden sind, besser vorbereitet waren. Dies gilt materiell, organisatorisch und vom Bewusstsein der Öffentlichkeit her. Südkorea zeigt vorbildlich, mit welchen Methoden und Maßnahmen ein erfolgreiches Bekämpfen von COVID-19 möglich ist. Es beeindruckt mich sehr, wie vergleichsweise niedrig die dortigen Infektions- und Todesopferzahlen sind, obwohl kein Shutdown, das generelle Einfrieren der gesellschaftlichen Aktivitäten, stattfand.
HSS: In China scheint es keine lokalen Neuinfektionen mehr zu geben. Kann man diesen Zahlen trauen?
Das kann ich selbst nicht einschätzen. Der amerikanische Geheimdienst CIA lässt allerdings durchsickern, dass die Zahlen aus China nicht sehr belastbar seien. Bei den Zahlen ist internationale Transparenz notwendig, bei möglichst jedem Staat.
HSS: Bei uns sind die Ausgangsbeschränkungen ja noch recht liberal gehalten. Können Sie sich noch stärkere Beschränkungen vorstellen?
Verordnete staatliche Beschränkungen sehe ich als deutliches Signal für jeden, dass die Lage wirklich sehr ernst ist. Letztendlich ist es zwar unmöglich, jeden immer zu kontrollieren aber das deutliche Signal der Dringlichkeit an die Gesellschaft ist wichtig. Aus meiner Sicht hat die politische Linie des Laissez-faire in Schweden Menschenleben gekostet und die Mortalitätszahlen in vergleichbaren Nachbarländern wie Finnland, Dänemark und Norwegen sprechen leider für diese These. Gut, dass man dort gerade umsteuert.
Wir brauchen also in erster Linie ein breites Bewusstsein in der gesamten Bevölkerung, dass wir alle gemeinsam für uns sorgen müssen. Wenn jeder darauf achtet, den Sicherheitsabstand einzuhalten, wäre bereits viel gewonnen. Das Virus braucht räumliche Nähe zur Verbreitung. Abstand hält es in Schach. Dieses Bewusstsein kann durch konsequent sachliche Information der Öffentlichkeit deutlich gestärkt werden.
HSS: Wie lange, denken Sie, wird es dauern, bis bei uns wieder so etwas wie Alltag einkehren kann?
Wir sollten uns nichts vormachen. Dies ist eine große Krise, mit der wir noch lange kämpfen müssen. Aber es gibt positive Beispiele. Schauen wir nach Südkorea. Dort läuft das gesellschaftliche Leben bislang relativ ungebremst weiter. Wenn es uns in Deutschland und Europa gelingt, bei Schutzausrüstung, Virus-Tests und digitaler Kontaktrückverfolgung zum südkoreanischen Vorbild aufzuschließen, dann könnten wir womöglich zu einem relativ normalen Alltag des gesellschaftlichen Lebens zurückkehren. Für Verdachtsfälle würde dies allerdings zeitweise zu Isolierung führen, um potentielle Weiterinfektionen zu unterbinden. Die damit einhergehenden Probleme mit Ausfällen von Arbeitskräften und Anpassungsbedarf für uns alle wären zwar ebenfalls belastend, aber die negativen Auswirkungen wären gesellschaftlich weitaus geringer als noch längeres und oder wiederholtes Einfrieren des gesellschaftlichen Lebens. Wir müssen am Ball bleiben und unbedingt vermeiden, dass unser gesellschaftlicher Wohlstand durch kurzsichtiges Handeln gefährdet wird, etwa durch ein überstürztes Zurücknehmen der Maßnahmen.
HSS: Wenn wir es durch Maßnahmen wie „Social Distancing“ und Ausgangsbeschränkungen schaffen, die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, könnte uns die Krise nicht viele Monate begleiten (incl. Schutzmaßnahmen)?
Der englische Begriff des „Social Distancing“ gefällt mir nicht. Wir brauchen ja das genaue Gegenteil, wir müssen alle dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft an einem Strang zieht, damit wir alle möglichst gesund bleiben. Wir für uns sozusagen. Dafür können wir durch das Einhalten eines gesellschaftlichen Sicherheitsabstandes von mindestens zwei Metern alle Sorge tragen. Dort, wo dies nicht möglich ist, wie in der Medizin oder Pflege, müssen wir schleunigst dafür sorgen, dass sichere medizinische Schutzausrüstung in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht. Insgesamt wird die COVID-19-Krise die Menschen auf der ganzen Welt noch viele Monate, wenn nicht gar Jahre beeinträchtigen. Diese herausfordernde Gefahr muss uns zum entschlossenen Handeln motivieren.
Das Saarland, Baden-Württemberg und Bayern haben Grenzen zu Nachbarländern, die eine höhere Infektionsdichte aufweisen. Nördliche Bundesländer wie Niedersachsen, Bremen oder Mecklenburg-Vorpommern haben es leichter. Noch besser schaut es in der Mitte oder im Osten der Republik aus.
Sascha Lange
HSS: Was wäre der optimale Weg damit unsere Gesellschaft wieder Tritt fasst und von den Beschränkungen wieder Abstand nimmt?
Da sollten wir uns nichts vormachen - wir werden noch lange mit Beschränkungen leben müssen. Wir können allerdings starre Ausgangsbeschränkungen, die das ganze Land einfrieren, durch schlaue, flexible Beschränkungen austauschen, um generell wieder an Bewegung zuzulegen.
Dafür benötigen wir aber zunächst ein differenziertes Lagebild von Stand und Entwicklung des Infektionsgeschehens. Hierbei helfen die täglich verkündeten Rekordzahlen der Johns Hopkins Universität allein nicht viel. Wir müssen jeweils den regionalen Stand und Trend des Infektionsgeschehens betrachten. Um diese Trajektorien vergleichbar zu machen, müssen diese auf die Bevölkerungszahl umgerechnet werden, so bekommen wir einen guten Überblick.
Bundesländer wie das Saarland, Baden-Württemberg und Bayern haben Grenzen zu Nachbarländern, die eine höhere Infektionsdichte aufweisen und somit belastend wirken können. Nördliche Bundesländer wie Niedersachsen, Bremen oder Mecklenburg-Vorpommern haben generell eine einfachere Ausgangssituation. Noch besser schaut es in der Mitte oder im Osten der Republik aus.
Die Isolierungsmaßnahmen müssen wir abgestimmt und schrittweise zurückfahren. Sie dürfen nicht zu lange auf die ganze Gesellschaft ausgeweitet bleiben. Isolierungen sollten so nur bei viruspositiv Getesteten und deren Kontaktpersonen durchgeführt werden. Hier wird ein verbessertes Testen sowie die digitale Kontaktrückverfolgung nach südkoreanischem Vorbild eine ganz bedeutende Rolle haben, dies wird auch von neusten wissenschaftlichen Arbeiten bestätigt.
Zusätzlich müssen wir aber auch die personellen Kapazitäten der Gesundheitsämter aufstocken, damit wir mehr Fallverfolgungen bewältigen können. Denn wir stehen ja erst noch ganz am Anfang der Pandemie. Den Zahlen des Robert-Koch-Institutes nach ist in Deutschland aktuell ja noch nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung infiziert. Das wird ein anstrengender Marathon.
HSS: Wo liegen momentan Probleme bei der Umsetzung dieser Maßnahmen?
Schwierig ist besonders, dass es aktuell zu Lieferengpässen bei den Reagenzien für die Viren-Tests in den Labors kommt. Tatsächlich gehen manche Testzahlen deshalb aktuell zurück. Das ist nicht gut. Das anzustrebende weitere Testwachstum ist dadurch gefährdet und die deutsche Politik sollte versuchen hier zu unterstützen.
HSS: Die Mortalität scheint ja in einzelnen Ländern ganz unterschiedlich hoch zu sein. Woran liegt das?
Zum einen befinden sich verschiedene Länder, Regionen und Landkreise jeweils an unterschiedlichen Punkten des Infektionsgeschehens. China liegt zum Beispiel vor Deutschland. Zum anderen ist der Umfang des Infektionsgeschehens sowie die jeweiligen medizinischen Kapazitäten sehr unterschiedlich. In Deutschland stehen wir besser da als Italien. Italien wiederum steht besser da als die USA.
Außerdem sind die Zeitpunkte, zu denen Gegenmaßnahmen eingeleitet wurden, unterschiedlich. Bei exponentiellem Infektionswachstum können hier wenige Tage bereits sehr große Auswirkungen auf die Opferzahlen haben.
Auch Altersstrukturen der Gesellschaften oder das unterschiedliche soziale Verhalten haben erheblichen Einfluss. Mit dem Voranschreiten des Infektionsgeschehens ist aber damit zu rechnen, dass sich die relativen Zahlen angleichen werden.
HSS: Wie stehen die Chancen, dass man immun wird, wenn man die Infektion mit dem Virus einmal überstanden hat?
Prof. Dr. Drosten von der Charité in Berlin kennt sich mit Coronaviren ja hervorragend aus. Der Mann ist da einfach unglaublich gut. Er geht davon aus, dass eine Immunität für einen vorübergehenden Zeitraum von vielleicht fünf Jahren bestehen kann. Danach würden mögliche Wiederinfektionen wahrscheinlich milder verlaufen, aber auch dieser Schutzeffekt würde sich mit der Zeit wohl verlieren. So oder so brauchen wir demnach einen wirkungsvollen Impfstoff, besser noch zusätzliche Medikamente.
HSS: Wo kann ich mich schnell und zuverlässig über den Stand der Dinge informieren?
Natürlich auf der Seite der Robert-Koch-Institutes, es ist für mich der Goldstandard für sämtliche medizinischen und epidemiologischen Fragen zu COVID-19. Des Weiteren natürlich das Bundesgesundheitsministerium oder öffentlich rechtliche Medien. Hier mag ich zum Beispiel Prof. Dr. Harald Lesch sehr, da er Fachinformationen gut verständlich für die Öffentlichkeit darstellt. Wer sich für die aktuellsten medizinischen Details interessiert, findet aber natürlich auch bei den einschlägigen Wissenschaftszeitschriften Tonnen von Material.
HSS: Welche Fehler sollte jeder Einzelne von uns unbedingt vermeiden?
Keiner sollte das SARS-CoV-2-Virus unterschätzen, auch wenn die erste Infektionswelle in Deutschland ihren Höhepunkt am 2. April überschritten hat. Wir müssen unser Verhalten konsequent und über lange Zeit, wahrscheinlich viele Monate, ausdauernd anpassen, um COVID-19 entschlossen zu begegnen. Dann werden wir die schädlichen Auswirkungen am besten eingrenzen können.
HSS: Eine ganz praktische Fragen zum Schluss: Wie sinnvoll ist es, sich selber einen provisorischen Mundschutz zu basteln oder sich einen Schal um den Mund zu wickeln, wenn man zum Einkaufen geht?
Zwar ist ein provisorischer Mundschutz besser als gar nichts. Aber wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen. Häkeln hilft uns nicht wirklich aber Abstand schützt! Wir müssen den Sicherheitsabstand zwischen uns im Alltag weiter gewährleisten. Mittelfristig brauchen wir alle medizinische OP-Masken guter Qualität und das in ausreichender Menge. Generell gilt jedoch, dass Mundschutzmasken eher die Mitbürger und nicht uns selbst schützen. Tun dies alle, nachdem zuerst Medizin- und Pflegepersonal versorgt sind, haben wir allerdings einen Gewinn an Schutz. Das ist in vielen Teilen Asiens bereits gesellschaftlicher Alltag, aber wir sehen ja auch, dass die Folgen von SARS-CoV-2 dort weniger drastisch ausfallen als bei uns.
Bevor wir die Beschränkungsmaßnahmen zurücknehmen müssen konkret vier Bedingungen erfüllt sein.
- Wir müssen wissen dass die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems dem Aufkommen der COVID-19 Patienten gewachsen sind. Da sind wir in Deutschland meiner Meinung nach generell auf einem sehr guten Weg.
- Die Testkapazitäten müssen ausreichen, um jeden symptomatischen oder begründeten Verdachtsfall zeitnah, das heißt in höchstens 24 Stunden, zu befunden. Damit bleiben wir dem Virus dicht auf den Fersen.
- Die Gesundheitsämter müssen personell und materiell in der Lage sein, Kontaktfälle von Infizierten zu finden und zu isolieren beziehungsweise unter häusliche Quarantäne zu stellen. Hierdurch können wir das Virus dann tatsächlich unter Kontrolle bekommen und niederkämpfen. Um bei diesem Punkt zusätzlich wertvolle Zeit zu gewinnen, kann die digitale Kontaktrückverfolgung sehr stark, ja entscheidend helfen.
- Die Infektionszahlen müssen über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen tatsächlich rückläufig sein. Dieser Punkt ermöglicht uns eine Prognose, ob Punkt 1. gewährleistet werden kann.
HSS: Herr Lange, wie danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Maximilian Witte, HSS
Maximilian Witte