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Interview mit Staatssekretär Klaus Holetschek, Staatsministerium für Gesundheit und Pflege
Bayern und die SARS-COV-2-Pandemie

Vor sieben Monaten erkrankte der erste Patient in Deutschland an einem ungewöhnlichen Lungenvirus. Das SARS-COV-2-Virus (kurz: Corona-Virus) hat sich weltweit pandemisch ausgebreitet und auch die bayerische Wirtschaft und Gesellschaft hart getroffen. Um Bayern auf eine mögliche "zweite Welle" vorzubereiten, wird Staatssekretär Klaus Holetschek ins Staatsministerium für Gesundheit und Pflege geschickt. Was ist dort seine Aufgabe?

Heute (21.08.2020) verzeichnet Bayern 54.147 Coronafälle, von denen 48.870 bereits wieder genesen sind, wie das Robert-Koch-Institut meldet. Gemessen an der Gesamtbevölkerung sind das eigentlich beruhigende Zahlen. Allerdings: die mit und wegen des Virus zu beklagenden 2.629 Todesfälle, die nun erneut steigenden Fallzahlen oder die Panne mit den Corona-Tests von Urlaubsrückkehrern geben keinen Grund, sich auf den bisherigen Erfolgen auszuruhen. Ministerpräsident Markus Söder hat den Staatssekretär Klaus Holetscheck, der als Gesundheitsexperte der CSU gilt, gerade vom Bau- in das Gesundheitsministerium versetzt. Wir haben mit ihm gesprochen.

Holetschek blickt freundlich in die Kamera. Anzug, Brille, Kinnbart.

Klaus Holetschek (55) aus Bad Wörishofen hat bereits viele politische Stationen und Ämter durchlaufen: Er war 1. Bürgermeister von Bad Wörishofen, war Mitglied des deutschen Bundestags, und ist seit 2013 Mitglied des Landtags. Er diente vor seiner Berufung ins Staatsministerium für Gesundheit und Pflege als Bürgerbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung und als Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr.

Fotoatelier Krammer, München; Klaus Holetschek

HSS: Herr Staatsekretär, der Ministerpräsident hat Sie gestern aus dem Bau- in das Gesundheitsministerium versetzt. Wie kam es dazu?

Klaus Holetscheck: Ich denke, es war die Absicht des Ministerpräsidenten, das Thema Gesundheit und Pflege insgesamt aufzuwerten. Natürlich ging es ihm dabei auch um die besondere Herausforderung der Corona-Pandemie und dabei wird jede Unterstützung gebraucht. Weil so viele Fragestellungen zur gleichen Zeit Lösungen brauchen, denke ich, es ist schon ein gutes Signal, dass man diesen Themen, die wahre Zukunftsthemen sind, dann auch personell noch mehr Gewicht zukommen lässt.

HSS: Sie können auf einen breiten Erfahrungsschatz zugreifen, was Gesundheitsfürsorge betrifft. Welche Erfahrungen sind es, die Sie in den Augen des Ministerpräidenten befähigen, „das Krisenmanagement im Gesundheitsministerium zu unterstützen“, wie die Süddeutsche gestern schrieb?

Wie gesagt, ich denke, die Intention des Ministerpräsidenten war, das Thema Gesundheit und Pflege insgesamt nach vorne zu bringen. Ja, wir haben die aktuelle Krise, aber wir wissen ja, dass wir aus dieser Krise auch lernen müssen, die Erfahrungen dieser Krise auch umsetzten müssen und ich glaube, das Gesundheitssystem muss auch an manchen Stellen nachjustiert werden: Das Thema Pflege zum Beispiel. Wie lange reden wir über den Mangel an Pflegekräften? Und wie weit sind wir gekommen? Ich will das Thema auch Richtung Berlin nochmal adressieren, weil natürlich in der Gesundheitspolitik viel von Berlin aus entschieden wird. Ich glaube, man muss gemeinsam, mit einem großen Kraftakt, von der Diskussion endlich zur Umsetzung und zum Tun kommen! Das ist mir persönlich ein ganz wichtiges Anliegen. Dafür kann ich meine Erfahrung aus dem Bundestag einbringen, wo ich im Gesundheitsausschuss als Stellvertreter mitgewirkt habe. Oder auch als Bürgermeister einer Kurstadt, wo das Thema Gesundheit immer mit präsent war, aber natürlich auch aus der letzten Wahlperiode bis zu meiner Berufung ins Bau- und Verkehrsministerium als Mitglied des Landtagsausschusses für Gesundheit und Pflege. Und nicht zuletzt auch als Vorsitzender des Landespflegerats. Diese Themen sind mir wirklich ein großes Herzensanliegen, weil sie unmittelbar bei den Menschen sind und Politik, glaube ich, muss man sich genau daran orientieren, die beste Gesundheit für Menschen in Bayern zu schaffen!

HSS: Bayern ist Spitzentechnologiestandort. Wie hilft die Forschungs- und Innovationskraft Bayerns gegen die Pandemie?

Ich glaube, dass sicherlich ein Teil des Themas schon im Bereich der Digitalisierung und auch der Künstlichen Intelligenz liegt. Ich glaube auch, dass es Ziel der Gesundheitswirtschaft sein muss, und zwar nicht im Sinne einer falsch verstandenen Ökonomisierung des Gesundheitswesens, den Menschen, die Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Diese Ausrichtung auf die Menschen kann eine wahre Leitökonomie werden, besonders, wenn man heute schon das Potenzial davon anerkennt: hier können mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, als das in der Automobilindustrie möglich ist. Und wenn man außerdem sieht, welche Innovationskraft auch da drin steckt, dann glaube ich, dass wir gut dran tun, diese Leitökonomie zu unterstützen und zu fördern. Es darf nie die Hinwendung an die Menschen vergessen werden und die Digitalisierung kann hier hilfreich die Pflegenden unterstützen. Eine Pflegekraft hat dann auch wieder mehr Zeit, mit dem Patienten zu reden, sich um ihn zu kümmern und wirklich menschliche Zuwendung zu geben. Das wünschen wir Menschen uns doch alle in einer Situation, in der man Hilfe braucht – eine fürsorgliche, warme Hand, die uns berührt. Das ist das, was die Menschen brauchen, notwendiger denn je.

HSS: Staatliche Verordnungen sind das eine, die individuelle Verantwortung aller Bürgerinnen und Bürger das andere. Welchen Appell richten Sie an uns?

Ich glaube, wir werden diese Krise nur gemeinsam bestehen können. Für mich hat es sich teilweise gezeigt, dass wir in dieser Krise auch wieder zu Werten gefunden haben. Wir sind wieder davon ein Stück weit weg gekommen, wollten immer höher, schneller, weiter. Die Dinge, die uns als Gesellschaft verbinden, sollten wir nicht vergessen: Solidarität und Rücksicht, Verantwortung auch für den Anderen, für die Schwächeren und die Älteren zu übernehmen. Das muss jetzt tatsächlich auch weitergelebt werden. Das darf nicht irgendwo in dunklen Internetforen von Verschwörungserzählern hintertrieben werden. Ich glaube, jeder kann einen Beitrag leisten und wenn jeder den leistet, werden wir als Gesamtgesellschaft vielleicht stärker aus dieser Krise herauskommen. Auch in dem Bewusstsein, dass wir diese Werte wieder mehr in den Vordergrund stellen, die in unserer Konsumgesellschaft vielleicht in den letzten Zeiten schon etwas verloren gegangen sind. Das würde ich mir wünschen!

HSS: Sie wurden auf unbestimmte Zeit in das bayerische Gesundheitsministerium berufen. Sicher ist es heute, am zweiten Tag zu früh, aber welche Themen haben Sie bereits seit längerem umgetrieben, die Sie in Ihrer neuen Funktion auf die Agenda setzen wollen?

Als erstes will ich die Ministerin unterstützen und die vielen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Ministeriums, die aus meiner Sicht exzellente Arbeit leisten - oft an der Grenze der Belastbarkeit. Das darf man nicht vergessen und denen muss man an dieser Stelle danken! Inklusive aller Ehrenamtlichen, unserer Rettungsdienste, der pflegenden Angehörigen und aller, die sich gegen diese Pandemie stemmen und die in vielen Bereichen so tolle Arbeit leisten. Sie sind die für das ganze System so wichtige Basis. Ich will tatsächlich in meinem neuen Amt auch genau diese Leistungsträger stärker mit einbinden, diese Netze stark gemeinsam knüpfen: ob das Ärzte- und Apothekerkammern sind, ob das beispielsweise der Verein „Pflegende in Bayern“ ist – mit allen gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Es ist mir echt wichtig, in der mittelfristigen Perspektive, dass wir mal über unser System ganz grundsätzlich reden, dass wir uns mal ehrlich machen und uns fragen, was haben wir aus Corona gelernt? Was heißt Gesundheit in der Zukunft – auch als Querschnittsaufgabe in allen Politikbereichen? Wie können wir im System nachjustieren? Wir müssen über diese Dinge nachdenken: Individuelle Pflegebudgets, oder die Pflegereserve – es gibt so viele Themen, die jetzt auf dem Tisch liegen, wir müssen es allerdingt TUN. Wir müssen aus der Diskussion ins Handeln kommen! Umsetzten! Dinge mal ausprobieren! Alleine bei Frage nach sektorenübergreifender Versorgung hängen wir in unseren Scheuklappen – wir trauen uns dabei zu wenig. Wir müssen die beste Versorgung generieren! Dazu müssen wir die Dinge jetzt nach vorne bringen und nicht jahrelang drüber diskutieren und Gutachten machen, sondern umsetzen.

HSS: Sehr geehrter Herr Staatssekretär, herzlichen Dank für dieses Interview, gutes Gelingen und Gottes Segen für Ihre neue Aufgabe!

Ich bedanke mich und auch für die Arbeit der Hanns-Seidel-Stiftung, die für uns sehr oft ein wichtiger Input ist. Auch dafür herzliches Dankeschön!

Das Interview führte Maximilian Rückert, HSS.