Ethische Fragen und die Pandemie
Bleiben wir solidarisch!
HSS: Die aktuelle Corona-Krise hält unser Land, hält Europa, hält die Welt fest im Griff. Was ist die Aufgabe von professionellen Ethikern in dieser besonderen Zeit?
Prof. Dr. Dr. Dr. Nikolaus Knoepffler: Ethikkommissionen können helfen, wie es der Deutsche Ethikrat gerade getan hat, Empfehlungen zu entwerfen, wie beispielsweise eine „Triage“ bei Knappheit von Behandlungsmöglichkeiten aussehen könnte und welche Pandemiemaßnahmen überhaupt sinnvoll wären.
HSS: Mit Blick etwa auf die begrenzte Zahl der Beatmungsgeräte für schwer Erkrankte ist die von Ihnen genannte "Triage" in aller Munde, bei der es unter Umständen um die Abwägung geht, wer beatmet wird und wer nicht. Kann man in solchen Dilemma-Situationen überhaupt ethisch verantwortlich entscheiden?
In Dilemma-Situationen ist die billigste Antwort: Egal, was wir tun, wir werden schuldig. Wer hier Verantwortung übernimmt, stellt sich der Herausforderung. Eine Situation ist dann ein Dilemma, wenn man so tut, als gäbe es ein einziges Kriterium: „Leben“. Es gibt aber, wenn dieses Kriterium zu keiner Entscheidung führt, weitere Kriterien, z. B. Vorerkrankungen, Erfolgsaussichten, Dringlichkeit usw.
Als Inhaber des ersten in Deutschland eingerichteten Lehrstuhls für Angewandte Ethik leitet Nikolaus Knoepffler seit 2002 das Ethikzentrum der Universität Jena. Seit 2007 ist er zugleich Präsident des internationalen Think Tanks "Global Applied Ethics Institute". Die Arbeitsschwerpunkte des dreifach promovierten Philosophen, Theologen und Staatswissenschaftlers sind die Analyse und Bearbeitung von Konfliktfällen in der Medizin und Wirtschaft.
Nikolaus Knoepffler
HSS: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Nun sind wir in der Corona-Krise angehalten, unsere sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Was macht das mit uns, was macht das mit unserer Gesellschaft? Wo liegen hier Ihrer Ansicht nach die ethischen Herausforderungen?
Genau hier befinden wir uns ebenfalls mitten in einer Güterabwägung. Die Entscheidung, viele soziale Kontakte zu verhindern und insbesondere auch viele psychisch „angeschlagene“ Menschen noch tiefer in ihr Leid zu führen, die Entscheidung, viele große und kleine wirtschaftliche Existenzen zu gefährden und fast allen gewaltige Einschränkungen abzuverlangen, wird mit dem Gut, möglichst keine Menschenleben einer "Triage" auszuliefern gerechtfertigt, denn die meisten gehen immer noch davon aus, dass sich gut die Hälfte trotz aller Maßnahmen anstecken wird, es sei denn es gibt einen Impfstoff. Der Preis ist gewaltig, weil wir nicht werden ermessen können, wer sich wegen seiner Notlage das Leben genommen, wer dauerhaft krank geworden, wer seinen Lebenssinn verloren hat, weil die Arbeit eines Lebens vernichtet ist. Wenn praktisch alle Regierungen bereit sind, diesen Preis zu zahlen, muss die Bedrohung durch Corona gewaltig sein.
HSS: Wo wir im Corona-Alltag doch auf andere Menschen treffen, entbrennen mitunter unschöne Szenen wie die Schlacht um die letzte Rolle Klopapier im Supermarkt. Sind dies erste Anzeichen, dass unsere Gesellschaft dieser ethischen Bewährungsprobe nicht gewachsen ist?
Das Klopapier steht symbolisch dafür, wie eine Krise geschaffen werden kann, wenn Menschen sich unvernünftig verhalten. Es war immer genug da. Wenn aber manche anfangen, ein Gut unverhältnismäßig zu sammeln, wird es knapp. Wird es knapp, bekommen mehr und mehr Menschen Angst, nichts mehr zu bekommen. Der Effekt verstärkt sich. Dies konnte man ähnlich im ersten Golfkrieg beobachten, als sich die Regale leerten. Dies zeigte sich in der Bankenkrise, als viele sofort ihr Geld, das sie verliehen hatten, zurückwollten. Dies zeigt sich hier. Dennoch bewundere ich persönlich, wie gut die meisten sich bisher mit der Situation nicht nur abfinden, sondern das Beste, nicht nur für sich, daraus machen, insbesondere all diejenigen, die ihr Leben gefährden, um unsere Lebensketten (Krankenhäuser, Lieferketten, öffentliche Dienste usw.) zu ermöglichen.
HSS: Gerade reagiert jedes Land der Europäischen Union mit eigenen Maßnahmen. Die Grenzen sind geschlossen. Ein konzertiertes Vorgehen der 27 EU-Mitgliedsstaaten will (noch) nicht sichtbar werden. Hat die Corona-Krise das Potential, die Idee eines vereinten Europa zum Scheitern zu bringen?
Ich durfte eine Zeitlang aus Freising nicht nach Jena fahren, es sei denn ich wäre unverzüglich für 14 Tage in Quarantäne gegangen, was für jemanden der wöchentlich zwischen Freising und Jena pendelt, logischerweise nicht funktionieren kann. Wir haben bereits in Deutschland selbst zwischen Kommunen so viele unterschiedliche Regelungen, dass es logisch ist, dass dies zwischen den EU-Mitgliedsländern nicht anders sein würde. Dennoch ist die Frage, ob man die Grenzen schließen musste oder es nicht hätte gelten können, dass man nicht fahren darf, wenn man die Gründe nicht im Rahmen der Geltung der jeweiligen staatlichen, regionalen und kommunalen Vorgaben nicht erfüllt. Die Corona-Krise hat einerseits das Potential das fragile Staatengebilde EU weiter zu schwächen. Es könnte auch als Chance begriffen werden, zügig an den Vereinigten Staaten von Europa zu bauen und sich dabei zu überlegen, ob dafür wirklich alle 27 EU-Staaten in Frage kommen. Die derzeitige französische Regierung ist die europafreundlichste, die möglich ist. Es wäre an der Zeit, die Europäisierung von Schulden an eine starke politische Union zu knüpfen. Wenn die Menschen dafür nicht bereit sind, dann wird eine Vergemeinschaftung der Schulden die Idee Europa noch schneller zum Einsturz bringen. Dabei wäre es doch möglich, Strukturen zu schaffen, die den einzelnen EU-Staaten weitreichende Befugnisse lassen, aber dennoch eine wirkliche politische Union zu schaffen, für die beispielsweise das Wahlsystem der USA Vorbild sein könnte, sodass sich auch kleine EU-Staaten hinreichend repräsentiert fühlen. Dann werden die Bürgerinnen und Bürger dieser EU auch bereit sein „einander Last zu tragen“.
HSS: Herr Professor Knoepffler, wie danken Ihnen für das Gespräch.
Autor: Philipp Hildmann, HSS
[Anm. d. Red. Die getroffenen Äußerungen geben ausschließlich die Meinung des Interviewten wieder]
Dr. Philipp W. Hildmann