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Aufstand für die Freiheit
Was wir aus dem 17. Juni 1953 lernen können

Autorin/Autor: Dr. Hubertus Knabe

Eine Million Menschen protestierten am 17. Juni 1953 in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gegen die politischen und wirtschaftlichen Missstände und für Freiheit, Demokratie sowie die Einheit Deutschlands. Die SED-Regierung war verunsichert, die Sowjetunion reagierte mit der Verhängung des Ausnahmezustandes in Ostdeutschland und dem Einsatz von Militär und Volkspolizei. Der Volksaufstand in der DDR wurde mit Gewalt niedergeschlagen. Wir haben mit dem Historiker Dr. Hubertus Knabe, Experte für die Geschichte der DDR, gesprochen.

Die Sowjetunion schickte Einheiten der Roten Armee um den Aufstand niederzuschlagen. Im Bild ein Panzer vor dem Reichsgericht in Leipzig.

Die Sowjetunion schickte Einheiten der Roten Armee um den Aufstand niederzuschlagen. Im Bild ein Panzer vor dem Reichsgericht in Leipzig.

Bundesarchiv|B 285 Bild-14676|CC-BY-SA 3.0; HSS

HSS: Herr Dr. Knabe, am 17. Juni 1953 kam es auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zu erheblichen Unruhen gegen die SED-Regierung, man spricht auch von einem Volksaufstand. Ist diese Bezeichnung zutreffend?

Dr. Hubertus Knabe: Die Proteste begannen mit Streiks aufgrund der Erhöhung der Arbeitsnormen. Daraus erwuchsen machtvolle Demonstrationen, denen sich viele andere Bevölkerungsgruppen anschlossen. Die Demonstranten stürmten dann vielerorts Parteizentralen, Gefängnisse oder Stasi-Dienststellen. Ausgelöst durch die Meldungen über den Bauarbeiterstreik in Berlin, gab es aber auch heftige Bauernproteste. Wie ich in meinem Buch „17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand“ beschreibe, wurde aus dem Arbeiteraufstand ein Volksaufstand.

HSS: Die DDR stilisierte sich in sozialistischer Tradition selbst als „Bauern- und Arbeiterstaat“, welche Bevölkerungsgruppen demonstrierten gegen die Regierung?

Dr. Hubertus Knabe: Im Mittelpunkt stand, wie gesagt, zunächst die Arbeiterschaft in den großen Industriebetrieben. Ob in Berlin oder Brandenburg, ob in Halle oder Bitterfeld, ob in Magdeburg oder Görlitz - die Belegschaften marschierten von meist in großen Kolonnen aus ihrem Werk in die Innenstadt. Dies ermutigte wiederum Angestellte, Selbständige, Studenten, Jugendliche, Hausfrauen und Passanten, mit zu demonstrieren. Für die SED war es aber natürlich besonders schwer zu erklären, dass ausgerechnet die angeblich herrschende Klasse so vehement protestierte.

HSS: War es tatsächlich ein Aufstand gegen den Kommunismus, wie er oftmals in der westlichen Geschichtsschreibung definiert wird? Welche Forderungen stellten die Menschen?

Dr. Hubertus Knabe: Die Ausgangsforderung – Rücknahme der Normenerhöhung – hatte die SED bereits am 16. Juni erfüllt. Es blieben aber die politische Forderungen: Rücktritt der Regierung, freie Wahlen, Freilassung der politischen Gefangenen. Auch die Senkung der Preise in den staatlichen Lebensmittelläden wurde fast überall verlangt. In den grenznahen Städten kam noch die Forderung nach Wiederöffnung der innerdeutschen Grenze hinzu. Manche forderten auch die Zulassung der westdeutschen Parteien. Es war ein Aufstand gegen die Machthaber, die die Bevölkerung massiv drangsaliert hatte, um ihr Modell des sowjetischen Sozialismus gewaltsam durchzusetzen.

Verhängung des Ausnahmezustands in Karl-Marx-Stadt am 17. Juni 1953.

Verhängung des Ausnahmezustands in Karl-Marx-Stadt am 17. Juni 1953.

WikiCreativeCommons|Josef Moser; HSS

HSS: Im Informationszeitalter unserer Gegenwart erscheint es einfach, zu oppositionellen Kundgebungen und Aktionen in den sozialen Netzwerken aufzurufen, wie organsierten sich die Menschen damals und wie reagierte der Staat in dieser Hinsicht?

Dr. Hubertus Knabe: Die DDR-Medien hatten den Aufruf der Berliner Bauarbeiter zum Generalstreik nicht vermeldet. Aber West-Berliner Rundfunkanstalten hatten über die Vorgänge berichtet. Das reichte aus, um einen Flächenbrand auszulösen. Am nächsten Morgen waren die Berliner Ereignisse DAS Thema in den Betrieben. Dass der Protest keine zentrale Lenkung Leitung hatte und meist nicht einmal überregional kommuniziert wurde, erleichterte der SED und den Sowjets natürlich die Niederschlagung.

HSS: Der Aufstand wurde von der Roten Armee, also den Streitkräften der sowjetischen Besatzungsmacht niedergeschlagen. War dieses Vorgehen notwendig? 

Dr. Hubertus Knabe: Die SED hatte vielerorts die Macht bereits am Vormittag des 17. Juni verloren. Die Parteispitze musste um 10 Uhr ins sowjetische Hauptquartier evakuiert werden. Aus Sicht der Sowjets war der Truppeneinsatz unverzichtbar, um ihre deutschen Statthalter an der Macht zu halten. Die Arbeiter hofften dagegen, sie würden sich neutral verhalten. Das war leider eine Illusion.

HSS: Kann man kontrafaktisch spekulieren was ohne diesen Eingriff passiert wäre? Wie reagierte der Westen, insbesondere Westdeutschland auf die Geschehnisse in der DDR?

Dr. Hubertus Knabe: Es hätten sich zunächst auf regionaler und dann auch auf zentraler Ebene Räte gebildet und bald auch neue Parteien. Ähnlich wie 1989 wäre es dann zu freien Wahlen gekommen und die SED wäre abgewählt worden, so dass die Wiedervereinigung auf die Tagesordnung gerückt wäre. Wie Adenauer darauf reagiert hätte, der Westdeutschland gerade in die Europäische Verteidigungsgemeinschaft führen wollte, ist schwer zu sagen. Aber vermutlich hätte er sich dem Sog dieses Freiheitskampfes nicht entziehen können, zumal auch die Amerikaner ein Interesse daran hatten, den Kommunismus zurückzudrängen.

HSS: Wie lässt sich der Volksaufstand in der DDR mit anderen Aufständen im Ostblock einordnen? Etwa im Vergleich zum Ungarischen Volksaufstand, zum Prager Frühling?

Dr. Hubertus Knabe: Der Aufstand in Ungarn folgte fast demselben Muster wie in der DDR. Allerdings hatten die Sowjets mit Imre Nagy bereits einen Reformer zum Regierungschef gemacht, was in der DDR nicht der Fall war. Die Arbeiterräte zogen diesen dann allmählich auf ihre Seite, so dass sie gemeinsam gegen die Sowjettruppen kämpften. In Prag ging die Liberalisierung wie unter Gorbatschow dagegen von oben aus, es sollte ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ geschaffen werden. Widerstand gegen die sowjetischen Truppen gab es nur vereinzelt.

Kranzniederlegung am Bodendenkmal auf dem Platz des Volksaufstandes von 1953. Berlin, 17.06.2020.

Kranzniederlegung am Bodendenkmal auf dem Platz des Volksaufstandes von 1953. Berlin, 17.06.2020.

Imago|photothek; HSS

HSS: Welche Bedeutung haben die Geschehnisse vom 17. Juni 1953 für die deutsche Erinnerungskultur? In der Bundesrepublik war dieser Tag von 1954 bis 1990 ein gesetzlicher Feiertag, der Tag der deutschen Einheit, wie beurteilen Sie die Beachtung, die dem Volksaufstand gegenwärtig gegeben wird?

Dr. Hubertus Knabe: Der Volksaufstand in der DDR ist in den letzten Jahren zunehmend in Vergessenheit geraten. Das ist bedauerlich, weil er der wohl mutigste Versuch in der deutschen Geschichte war, in einer brutalen Diktatur für freie Wahlen zu kämpfen. In einer Zeit, in der es viele für selbstverständlich halten, sich seine Regierung selbst auswählen zu können, bringt dieser Tag in Erinnerung, dass das keineswegs selbstverständlich ist. Wenn ich mir den jüngsten Antrag der Ampel-Regierung zu diesem Thema ansehe, sehe ich allerdings nicht, dass die Bundesregierung wirksame Maßnahmen ergreifen will, den Tag wieder stärker im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. 

Das Interview führte Wilken Hustert.

Dr. Hubertus Knabe arbeitet als Historiker an der Universität Würzburg. Er leitete 18 Jahre lang die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Sein Buch „17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand“ ist im Verlag Langen Müller erschienen.

Dr. Hubertus Knabe arbeitet als Historiker an der Universität Würzburg. Er leitete 18 Jahre lang die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Sein Buch „17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand“ ist im Verlag Langen Müller erschienen.

Vita Dr. Hubertus Knabe

Hubertus Knappe, Jahrgang 1959, beschäftigt seit über 40 Jahren mit der Geschichte der DDR. Er studierte Geschichte und Germanistik an der Universität Bremen. Früh engagierte er sich für die Unterstützung ostdeutscher Oppositioneller, was ihm ein Einreiseverbot in die DDR einbrachte. Nach der Wiedervereinigung war Knabe Leiter des Fachbereichs zur Erforschung der Staatsicherheit und der Arbeitsgruppe Opposition und Widerstand der damals neu gegründeten Stasi-Unterlagen-Behörde.

Knabe ist auch Autor einer Reihe an Werken zur DDR-Geschichte und Mitglied des Zeithistorischen Beirates der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Mehr zu seiner Biographie: hubertus-knabe.de

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Historiker: Dr. Hubertus Knabe
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