Rumänien
Für die Zukunft aus der Vergangenheit lernen
Nichts ist zufälliger als der Schnappschuss, der sich ohne gesondertes vorheriges Arrangement und offensichtlich spontan mit den Motiven auseinandersetzt. Dann, wenn Fotografie den Raum des Privaten verlässt und in den öffentlichen Raum übertritt, entstehen Bilddokumente, die auch für kommende Generationen Einblicke vermitteln und zur Reflexion einladen. Mitte September 2019 eröffnete im Nationaltheater „I.L.Caragiale“ in Bukarest die Foto-Dokumentation „Demokratie und Protest“.
Zu den Festrednern der Vernissage gehörte der 96-jährige Initiator (2.v.l.) der antikommunistischen Manifestation von 1945
HSS Bukarest/Richard Kleins
Lebendige Erinnerung
Für diese Ausstellung wurde die Fotografie als besonderes Medium der politischen Bildung gewählt, um eine Diskussion über Werte, Kultur, Demokratie und Protest im öffentlichen Raum anzuregen. Organisiert wurde sie vom Büro Bukarest der Hanns-Seidel-Stiftung zusammen mit den Partnern der Academia Civica, der Fundatia Corneliu Coposu, der NGO "Tine de Noi" und dem Ratiu Centrum für Demokratie,
Bei den ausgestellten Bildern wurden Dokumente aus Archivbeständen der Stiftung Bürgerakademie, der Corneliu Coposu Stiftung, dem Ratiu-Centrum für Demokratie, der Revolutionsgedenkstätte Temeswar sowie aus privaten Sammlungen erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Archivfotos aus den unterschiedlichen Zeitabschnitten politischer Proteste werden präsentiert, die den Betrachter einladen, die Bilder für sich selbst zu analysieren und eigene Schlüsse zu ziehen. Sie erfasst den Zeitraum von der großen antikommunistischen Manifestation in Bukarest 1945 über die Rumänische Revolution 1989 bis zu den jüngsten Demonstrationen gegen die aktuelle Regierungspolitik.
Ana Blandiana, Stiftung "Bürgerakademie", wurde mit der "Goldenen Nadel der Hanns- Seidel- Stiftung Bukarest“ von Daniel Seiberling, Regionalleiter für Moldau, Rumänien und Ukraine, ausgezeichnet
HSS Bukarest/Richard Kleins
Verleihung der "Goldenen Nadel"
Die Vernissage der Ausstellung „Demokratie und Protest“ war zugleich der Rahmen, in dem Ana Blandiana, Gründerin und Vorsitzende der Stiftung "Bürgerakademie" geehrt wurde. Für ihre langjährigen Verdienste um die Erinnerungskultur im Land und um die Entwicklung eines freien, demokratischen und europäischen Rumänien zu fördern, wurde sie mit der "Goldenen Nadel der Hanns- Seidel- Stiftung Bukarest“ ausgezeichnet. Blandiana ist die zweite Preisträgerin dieser Auszeichnung nach der damaligen Leiterin der rumänischen Antikorruptionsstaatsanwaltschaft DNA, Laura Kövesi. Die HSS verleiht die Goldene Nadel an Persönlichkeiten, die in besonderer Weise den Werten und Gedanken der demokratischen Entwicklung verbunden sind und diese auch leben.
Blandiana betonte, dass die Kooperation mit der Hanns-Seidel-Stiftung bis in das Jahr 1994 zurückreiche und sie die erste deutsche politische Stiftung gewesen sei, die nach dem Sturz des kommunistischen Regimes das Gedenken an die Opfer des Regimes unterstützt habe.
Zahlreiche gemeinsame Projekte mit der Stiftung "Bürgerakademie" und der 1993 in einem ehemaligen Gefängnis gegründeten Gedenkstätte „Memorial Sighet" halten die Erinnerung an das kommunistische Regime in Rumänien lebendig, das geprägt war durch die Zerstörung des Rechtsstaates, die Unterdrückung von bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechten.
Die Gedenkstätte, die 2018 als europäisches Kulturerbe ausgezeichnet wurde, ist eine einzigartige Einrichtung in Rumänien. Als Institut der Forschung und Lehre erforscht sie den Widerstand, würdigt das Gedenken an die Opfer und führt durch Erinnerung nicht nur in die Vergangenheit, sondern verweist auf die Zukunft.
Die Ausstellung im rumänischen Nationaltheater ist noch bis zum 14. Oktober 2019. zu besichtigen.
Autoren: Daniel Seiberling, Regionalleiter für Moldau, Rumänien und Ukraine, und Lutz Kober