Runder Tisch Verbraucherpolitik
Filialen, Bankkunden und das liebe Geld
Finanzexperte Markus Latta vom Verbraucher Service Bayern weiß, was die Menschen derzeit bewegt. Sein Rat war in den letzten Monaten vor allem bei Problemen im Zusammenhang mit der Geldanlage, Altersvorsorge, Versicherungen und der Baufinanzierung gefragt.
Grundstücks- und Baukosten sind ohnehin teurer, nun ist auch der Zins für die Kredite gestiegen. Da heißt es genau ausrechnen, ob die Ratenzahlung realistisch eingehalten werden kann.
Baufinanzierung: monatliche Belastung im Griff?
Um der Inflation entgegenzuwirken, hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins 2022 mehrere Male erhöht, woraufhin auch die Zinsen für Baukredite sprunghaft gestiegen sind. Was das für die Finanzierung der eigenen vier Wände bedeutet, machte Latta an einem Rechenbeispiel klar: Konnten im Jahr 2021 bei 1 Prozent Zins und 3 Prozent Tilgung 400.000 Euro noch mit einer monatlichen Rate von 1.333,33 Euro finanziert werden, müssen bei einem Zins von 4 Prozent bereits 2.333,33 Euro aufgebracht werden.
Vor allem diejenigen, die für den Baukredit eine Anschlussfinanzierung brauchen, sollten nochmals genau nachrechnen und sofort reagieren, falls die Ratenzahlung gefährdet ist. Wer sich aktuell eine Wohnung oder ein Haus zulegen will, profitiert immerhin von den gesunkenen Immobilienpreisen.
Als Faustformel gilt, dass die monatliche Belastung für Zins und Tilgung nicht mehr als 30 bis 35 Prozent des verfügbaren Nettoeinkommens betragen sollte. Zusätzlich müssen auch die Kosten für den Unterhalt mit eingeplant werden, etwa Strom, Heizung und Wasser.
„Verbraucher fühlen sich oft überfordert“, sagt Ute Mowitz-Rudolph, Hauptgeschäftsführerin VerbraucherService Bayern. Hier mit ihrem Finanzexperten Markus Latta.
Silke Franke; ©HSS
Gesetzliche Altersvorsorge unter Druck
Vor allem Frauen machen sich Sorgen wegen ihrer Altersvorsorge. Mehr als ein Fünftel der im Bundeshaushalt vorgesehenen Ausgaben fließt in die gesetzliche Rentenversicherung. Die jeweils arbeitende Generation finanziert mit ihren Beiträgen die Renten der aktuellen Rentenbezieher. Die demografische Entwicklung setzt dieses Umlageverfahren unter Druck, denn der Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung steigt. Das Rentenniveau wird sinken (Standardrente, bezogen auf 45 Beitragsjahre mit Durchschnittslohn – sie beträgt aktuell gut 48%). Eine private Altersvorsorge gilt neben der gesetzlichen daher als unerlässlich.
Geld effizient anlegen
Wer sein Vermögen allerdings auf einem Sparkonto liegen hat, das gar nicht oder schlecht verzinst wird, muss aufgrund der Inflationsrate mit einem realen Wertverlust rechnen. „Wir Deutschen sind Weltmeister beim Sparen – aber das sehr ineffizient“ meint Albert Grafe, der an der Regensburger Universität zu Finanzbildung forscht. Er rät daher, einen Teil des Geldes langfristig in Aktien oder Aktienfonds zu investieren.
Um einen guten Finanzberater zu identifizieren, bräuchte es bereits ein Mindestmaß an Finanzwissen.
Blue-Planet-Studio; ©HSS; Adobestock
Offenbar haben die Verbraucher aber Angst, dabei ihr Geld zu verlieren. Eric Beißwenger ist Verbraucherpolitischer Sprecher der CSU im Landtag und weiß als ehemaliger Banker, dass bei vielen Kunden einfach das Grundwissen fehlt, etwa was ein Aktienfonds ist. Wem es so geht, steht nicht alleine da: Der Umstand wird als „Finanzanalphabetismus“ bezeichnet. Umgekehrt beinhaltet „financial literacy“ das Wissen über Finanzprodukte, welches notwendig ist, um ökonomisch sinnvolle finanzielle Entscheidungen zu treffen und am Wirtschaftsleben teilnehmen zu können, so eine Definition der OECD.
Der Kunde möchte sein Geld gut und sicher anlegen. Ihm stehen zahlreiche Möglichkeiten offen. Wer nicht selbst Finanzexperte ist, wird sich bald überfordert sehen. Beratung tut not. Steht dabei immer das Kundeninteresse im Vordergrund? Auch das Gegenüber - ob Bankberater oder Versicherungsmakler – will Geld verdienen und ist dabei womöglich auf Provisionen angewiesen oder muss bestimmte Zielvorgaben erfüllen.
Finanzberatung unter Provisionsdruck?
Verbraucherverbände hegen dabei den Verdacht, dass diese bevorzugt solche Produkte bewerben, die ihnen die höchsten Provisionen einbringen. Fonds sind so gesehen attraktiver als klassische Produkte, wie Festgeld oder Bundesschatzbriefe. Bankenvertreter jedoch argumentieren, dass sie Interesse an einer langfristigen Kundenbindung haben und diese bei schlechter Beratung verlieren würden.
Auch bei einer stundenbasierten Honorarberatung besteht die Gefahr, dass der Anbieter geneigt sein könnte, einen weiteren Beratungsbedarf zu suggerieren und die Beratungszeit in die Länge zu ziehen. Andererseits muss er die Honorarkosten dem Kunden gegenüber rechtfertigen.
Wer wie an der Beratung Geld verdient, ist oft intransparent. Verbraucher sollten explizit nach den gesamten Kosten fragen und nicht nur auf die Rendite ihres Wunschprodukts schauen, sei es eine Lebensversicherung, ein Bausparvertrag oder ein Fonds.
Simon Linder (Genossenschaftsverband Bayern) und Sascha Straub (Verbraucherzentrale Bayern): nicht immer gleicher Meinung, aber im konstruktiven Dialog.
Silke Franke; ©HSS
Mehr Transparenz bei (versteckten) Kosten
Auch die Europäische Union hat sich mit dem Thema befasst und intensiv einen Gesetzesvorschlag zur Förderung der Investitionen von Kleinanlegern diskutiert (Retail Investment Strategy – RIS). Ihr Ziel ist es, „Kleinanleger in die Lage zu versetzen, Anlageentscheidungen zu treffen, die ihren Bedürfnissen und Präferenzen entsprechen, und sicherzustellen, dass sie fair behandelt werden und angemessen geschützt sind“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Das Paket umfasst zahlreiche Vorschriften, die für mehr Transparenz sorgen sollen. Das vorgesehene Provisionsverbot wurde jedoch gestrichen. Massiver Protest kam unter anderem aus Deutschland, denn die Befürchtung war, dass die Kunden nicht bereit sind, professionelle Beratung zu bezahlen und dann lieber ganz darauf verzichten. Die EU will nun dafür sorgen, dass die Kunden über laufende Kosten und Erträge besser informiert werden - inklusive der Provisionen.
Abgesehen davon, gilt es auch an der Finanzbildung zu arbeiten. Dazu passt, dass der 2017/2018 an den Bayerischen Schulen eingeführte Lehrplan plus unter anderem „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ fördert. Schüler sollen dabei einen „Einblick in die Möglichkeiten der finanziellen Vorsorge“ gewinnen. Beißwenger, selbst Vater von zwei mittlerweile erwachsenen Söhnen, begrüßt dies, denn er weiß, wie wichtig es ist, „dass Menschen bereits in frühen Jahren ausrechnen, wie groß ihre Rentenhöhe ist, und in einen langfristigen Vermögensaufbau einsteigen“.
Zurück zur Altersvorsorge: Staatsfonds
Volkswirtschaftler Albert Grafe hätte ein Provisionsverbot begrüßt. Im Grunde ist ihm aber wichtig, dass Kunden ihr Geld – gerade mit Blick auf die Altersvorsorge – bestmöglich angelegen.
Und hier bringt er eine weitere Möglichkeit ins Spiel: Einen „Deutschlandfonds“ als öffentlich-rechtlich organisiertes Standardprodukt, über das kapitalgedeckt eine Extrarente aufgebaut werden kann. „Das wäre für den Einzelnen einfacher und man kennt das auch so aus der Rentenversicherung“, ist Grafe überzeugt.
Allein 2021 hat sich die Anzahl inländischer Zweigstellen um fast 10 Prozent verringert, laut Bundesbank 2022.
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Ein Beispiel für ein solches Modell ist Schweden: Hier gehört die aktienbasierte Altersvorsorge seit 2000 fest zum Rentensystem dazu. Die Arbeitnehmer zahlen einen Teil ihres Bruttogehalts in die klassische, umlagefinanzierte Rente ein. Ein weiterer, kleinerer Teil fließt verpflichtend in kapitalmarktbasierte Produkte ein, über die sie selbst bestimmen können. Tun sie das nicht, landen die Beiträge automatisch in dem staatlichen AP7-Fonds, der ohnehin am beliebtesten ist.
Auch Australien und Neuseeland arbeiten mit Pensions- und Vorsorgefonds. Den größten Staatsfonds der Welt besitzt Norwegen: Die Einnahmen aus der Öl‑ und Gasproduktion werden langfristig investiert, um sie für zukünftige Generationen für die Zeit nach dem Öl zu sichern.
Im Unterschied zum Umlageverfahren werden beim Kapitaldeckungsverfahren die Beiträge angespart und verzinst oder in andere Anlageformen investiert. „So wird über einen längeren Zeithorizont gedacht und Verbraucher können trotzdem weitere Altersvorsorge betreiben, etwa einen Bausparvertrag abschließen“, resümiert Beißwenger.
„Filiale geschlossen“
„Wir können niemanden mehr persönlich erreichen“. Immer mehr Bankfilialen fusionieren oder schließen, was bleibt, ist allenfalls ein Servicepoint. Die Bankendichte in der Fläche nimmt ab. Sascha Straub, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Bayern, sieht einen Teil Kunden dadurch abgehängt, vor allem jene im ländlichen Raum und ältere Menschen.
Dr. Franz Flögel vom Gelsenkirchener Institut für Arbeit und Technik hat sich die Zahlen genauer angeschaut: Gab es 1990 noch 4.209 Banken, waren es 2020 nur noch 1.532 (Deutsche Bundesbank, bzw. Flögl und Gärtner 2020). „Der Rückgang ist erheblich“, bestätigt er.
Dabei sind Regionalbanken für ihr Umfeld wichtig, vor allem für die ansässigen Kleinen und Mittleren Unternehmen (KMU), wie Studien bestätigten, so Flögl. Auch kleine Banken arbeiten seiner Einschätzung nach wirtschaftlich und erfolgreich. Zu den Vorteilen gehörten zudem Kundennähe und Flexibilität.
Was setzt die Filialen so unter Druck? Hermann Kerler, lange Jahre Vorstand der Raiffeisenbank Pfaffenhausen, nennt folgende Gründe: etwa die Nullzins-Politik und die abnehmende Filialnutzung. „Wegen drei Überweisungsschreiben rentiert sich keine Filiale“, so Kerler. Hier findet ein struktureller Umbruch statt, verursacht durch die Digitalisierung mit Onlinebanking, Konkurrenz von Direktbanken sowie neuer Mitbewerber im Bereich Finanzdienstleistungen und Zahlungsverkehr (FinTechs, PayPal, etc.). Kerler wörtlich: „Eine persönliche Bankberatung wird meist erst dann aufgesucht, wenn die Finanzierung des Eigenheims oder Fragen der Altersversorgung anstehen. Viele vergleichen dann vorab im Internet, welche Modalitäten reine Online-Anbieter ausrufen – die eben durch die Einsparung von Filialen günstiger wirtschaften und daher attraktivere Konditionen anbieten können.“
Zu kämpfen haben die Banken auch mit dem ständig zunehmenden Aufwand für die Informationstechnologien, Dokumentationspflichten und Regulatorik. So müssen Bankberater und Versicherungsvermittler ihre Kunden fragen, ob sie ihr Geld nachhaltig anlegen möchten. All das bindet Zeit - und erfordert gutes Personal. Aber, gibt Simon Linder, Wirtschaftspolitischer Referent beim Genossenschaftsverband Bayern zu bedenken, „der Fachkräftemangel macht sich auch im Bankenbereich bemerkbar. Er erzeugt Kostendruck und führt zu einer höheren Personalfluktuation . Was wiederum den Erhalt von Filialen weiter erschwert“.
Einige der Teilnehmer des Runden Tisches „Verbraucherpolitik“, der sich in seiner jüngsten Sitzung mit dem Schwerpunkt „Finanzthemen“ befasste. Von links nach rechts: Simon Linder, Sascha Straub, Silke Franke, Eric Beißwenger, MdL, Hermann Kerler, Albert Grafe.
Silke Franke; ©HSS
Verschwindet das Papiergeld?
Klassische Finanzinstitute und Finanzmittel stehen vor einem Wandel (vgl. bitkom Studie 2021). Gerade die Junge Generation ist viel vertrauter mit Internetrecherche, mobilen Bezahlsystemen oder Banking-Apps auf dem Smartphone, holt sich Tipps von „Influencern“ oder interessiert sich für Kryptowährungen. „Was, wenn die Bank auch online nicht erreichbar ist oder nur ein Chatbot?“, fragt sich da Verbraucherschützer Straub. Auch die Sicherheit beim digitalen Bezahlen oder die Einflussnahme von Big Tech-Unternehmen sind für ihn kritische Punkte.
Wie lange wird es Bargeld noch geben? Laut einer repräsentativen Befragung der Bundesbank ist Bargeld immer noch bei 58 % der alltäglichen Zahlungen das Mittel der Wahl. Die Verbraucher schätzen am Bargeld, dass es die Privatsphäre schützt, einen guten Ausgabenüberblick bietet und die Zahlung zuverlässig erledigt ist (siehe Befragung). Dementsprechend skeptisch blickt der Eine oder Andere auf den Vorstoß der Europäischen Union für digitales Notenbankgeld in der Eurozone.
„Papiergeld und Münzen wird es so lange geben, wie die Menschen darauf vertrauen, dass sie dafür einen entsprechenden Gegenwert erhalten“, ist Beißwenger überzeugt. In Zukunft aber, so die Überlegung der Teilnehmer des Runden Tisches könnte „Convenience“ wichtiger werden als Vertrauen, also die Bequemlichkeit, wie sie eben digitale Angebote bieten. Banken müssen sich an den digitalen Services messen und überlegen, mit welchen weiteren Dienstleistungen sie die Lebenswelt der Kunden erobern können.
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