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Im Gespräch mit Prof. Dr. Markus Witzmann
Bayerns Autismus-Strategie

Autorin/Autor: Katja Zirkel

Die neue Autismus-Strategie Bayern setzt auf Aufklärung, bessere Versorgung und Teilhabe über alle Lebensphasen hinweg. Warum das ein wichtiger Schritt für mehr Chancengerechtigkeit ist, erklärt Prof. Dr. Markus Witzmann im Gespräch mit der HSS.

Dr. Markus Witzmann ist Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München und Geschäftsführer des Autismuskompetenzzentrums Oberbayern.

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HSS: Warum braucht Bayern eine eigene Autismus-Strategie?

Prof. Dr. Markus Witzmann: In Bayern leben schätzungsweise 130.000 Menschen im Autismus-Spektrum – Menschen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen und Lebenslagen über alle Altersstufen hinweg.

Eine eigene Autismus-Strategie war notwendig, um diesen vielfältigen Bedarfen gerecht zu werden und das Thema ressortübergreifend – also in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Soziales und Arbeit – ganzheitlich zu betrachten.

Der Handlungsbedarf zeigte sich in mehreren Punkten:

  • Zersplitterte Zuständigkeiten: Die Versorgung und Unterstützung von Menschen im Autismus-Spektrum war bislang auf viele Bereiche verteilt, ohne dass es eine übergreifende Abstimmung gab.
  • Fehlende Gesamtperspektive: Bisherige Ansätze konzentrierten sich häufig nur auf einzelne Lebensphasen – etwa die Kindheit – oder einzelne Aspekte wie Therapie, ohne das gesamte Spektrum und die Lebensspanne in den Blick zu nehmen.
  • Beteiligung der Betroffenen: Menschen im Autismus-Spektrum und ihre Angehörigen forderten seit Langem eine systematische Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Die Strategie folgt daher dem Grundsatz „Nicht über uns ohne uns“ und stärkt die Partizipation der Betroffenen in allen relevanten Bereichen.

HSS: Was sind die zentralen Ziele der neuen Autismus-Strategie Bayern?

Prof. Dr. Markus Witzmann: Die Strategie verfolgt zwei übergeordnete Ziele: Zum einen soll sie einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel im Umgang mit Autismus anstoßen. Zum anderen will sie die Lebensqualität für Betroffene und ihre Angehörigen verbessern. Grundlage bieten sieben handlungsleitende Prinzipien, von denen insbesondere zwei im Mittelpunkt stehen. Die echte Beteiligung der Betroffenen sowie die Berücksichtigung des gesamten Autismus-Spektrums über alle Lebensphasen hinweg

Konkret umgesetzt soll dies in fünf Handlungsfeldern werden:

  • Aufklärung und Sensibilisierung
  • Wissenserweiterung und Forschung
  • Früherkennung und Diagnostik
  • Gesundheitsversorgung
  • Teilhabe und Inklusion

HSS: Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf – und wie kann Politik hier konkret unterstützen?

Prof. Dr. Markus Witzmann: Ich sehe drei Prioritäten:

1. Aufklärung: Um das erste Leitziel – gesellschaftlicher Bewusstseinswandel – zu erreichen, bedarf es systematischer Informations- und Aufklärungskampagnen. Menschen im Autismusspektrum und ihre Angehörigen müssen barrierefreien Zugang zu wissenschaftlich fundierten Informationen und Unterstützungsangeboten erhalten. Ebenso wichtig ist es, Autismus-Kompetenzen in allen relevanten Bereichen – von Bildung über Gesundheit bis hin zur Arbeitswelt – deutlich zu stärken.

2. Diagnostik und Behandlung: Eines der Grundprinzipien der Strategie ist die Berücksichtigung des gesamten Autismus-Spektrums über alle Lebensphasen hinweg. In der Realität warten Betroffene jedoch häufig ein bis zwei Jahre auf eine leitliniengerechte Diagnostik oder eine geeignete Behandlung. Hier braucht es mehr Kapazitäten, regional verfügbare Hilfsangebote und eine bessere Vernetzung der bestehenden Strukturen, damit Betroffene und Angehörige schnell und zuverlässig Unterstützung erhalten.

3. Teilhabe und Inklusion: Um das zweite Leitziel – die Verbesserung der Lebensqualität – zu erreichen, braucht es echte Inklusion in Schule, Ausbildung und Arbeit mit verbindlichen Standards, ausreichende Ressourcen sowie niedrigschwellige Assistenz- und Beratungsangebote, die schnell und unkompliziert helfen.

Darüber hinaus sollte die Politik dafür Sorge tragen, dass das Prinzip „Nicht über uns ohne uns" konsequent umgesetzt wird. Das bedeutet auch, die Selbsthilfeinitiativen zu fördern und bestehende Unterstützungssysteme autismuskompetenter und verlässlicher zu gestalten. Ebenso wichtig ist die Förderung von Forschung und Wissenstransfer, um künftig Hilfen passgenauer anbieten zu können. Mit aktiver Unterstützung der politischen Entscheidungsträger, der Selbstverwaltung sowie der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege kann die Umsetzung der Autismus-Strategie gelingen. Wir müssen aber auch berücksichtigen, dass eine so umfassende Strategie Zeit, Kontinuität und die notwendigen finanziellen Mittel benötigt. Der vom StMAS eingerichtete Runde Tisch Autismus spielt dabei eine zentrale Rolle: Er soll den Prozess begleiten, koordinieren und evaluieren –und bietet die Chance, gemeinsam und ressortübergreifend an der erfolgreichen Umsetzung der Autismus-Strategie zu arbeiten.

 

Seit Mai 2018 fördert das Bayerische Sozialministerium die Entwicklung einer Autismus-Strategie Bayern durch die Hochschule München. In einem breit angelegten Beteiligungsprozess werden Empfehlungen erarbeitet, die zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung und ihrer Angehörigen beitragen sollen. Eingebunden sind Betroffene, Vertreter der Selbsthilfe, Kostenträger, Medizin, Forschung, Beratungsstellen und Einrichtungen, die täglich mit Menschen mit Autismus zusammentreffen. Geleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Markus Witzmann, Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München und Geschäftsführer des Autismuskompetenzzentrums Oberbayern.

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Redakteurin: Katja Zirkel
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