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Interview mit Susanne Breit-Keßler
Corona und die Freiheit

In der Corona-Krise berät der „Dreierrat Grundrechtsschutz“ die Bayerische Staatsregierung bei Maßnahmen gegen die Pandemie. Unsere stellverstretende Vorsitzende, die ehemalige Regionalbischöfin, Susanne Breit Keßler, ist Mitglied des Gremiums. Die aktuellen Einschränkungen der Bürgerrechte hält sie bislang für angemessen.

Unsere stellvertretende Vorsitzende, Susanne Breit-Keßler, ist Mitglied des Dreierrats Grundrechtsschutz. Aufgabe dieses Beratergremiums ist es, die Staatsregierung darin zu unterstützen, den bestmöglichen Ausgleich zu finden zwischen einerseits effektivem Corona-Infektionsschutz und andererseits geringstmöglichen Freiheitsbeschränkungen der Bevölkerung. Die erste Sitzung des Gremiums, dem auch ehemalige Präsidenten zweier Oberlandesgerichte angehören, fand am vergangenem Freitag statt. Künftig wird der Rat regelmäßig tagen und sich mit der Staatsregierung austauschen.

Eine freundlich lächelnde Frau. Schlicht gekleidet. Dezente randlose Brille.

Die Theologin und frühere Journalistin war seit 1994 Medienbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. 2000 wurde Susanne Breit-Keßler als erste Frau zur Oberkirchenrätin und Regionalbischöfin für den Kirchenkreis München und Oberbayern ernannt. 2019 trat sie in den Ruhestand und engagiert sich seitdem unter anderem als stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung für politische Bildung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Rost; ELKB

HSS: Am Freitag war die erste Sitzung des Gremiums - wie lief die ab?

Susanne Breit-Keßler: Wir haben uns sehr schnell über die bereits getroffenen Maßnahmen der Staatsregierung verständigt und waren uns einig, dass diese erforderlich und angemessen sind. Die Gründe für die Entscheidungen sind der Öffentlichkeit nachvollziehbar erläutert worden.

HSS: Derzeit sind ja einschneidende Maßnahmen ergriffen worden, die verfassungsmäßig geschützte Grund- und damit Freiheitsrechte z.T. erheblich einschränken. Ihr Gefühl dabei?

In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und des Freistaates Bayern ist das ein bisher einmaliger Vorgang. Aber die Freiheitsbeschränkungen sind bislang vertretbar, weil sie den Erfordernissen von Solidarität und Verantwortung entsprechen und weil sie zeitlich begrenzt sind. 

HSS: Als ehemalige Regionalbischöfin sind Sie auch eine moralische Instanz für die Rechtmäßigkeit, Angemessenheit und Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahmen, oder?

Ich hoffe, dass alle Bürger und Bürgerinnen sich als verantwortlich für die getroffenen Maßnahmen sehen. Demokratie ist kein top-down-Betrieb – wir sind alle miteinander gefordert, diese Krise miteinander und füreinander zu bestehen.

HSS: Liegt in dieser Krise vielleicht auch eine Chance auf mehr Menschlichkeit?

Ich mag das Wort „Chance“ in diesem Zusammenhang nicht. Mir bricht das Herz, wenn ich an Italien und Spanien denke, diese wunderbaren Länder, in denen Menschen zu Tausenden sterben. Das ist keine Chance, das ist der Tod. Die Krise, die wir zu bestehen haben, bringt allerdings zum Vorschein, was an Gutem und an Schlechten in uns steckt. Daran sollten wir uns „danach“ erinnern und entsprechend handeln: Solidarisch, fürsorglich, mit einem steten Blick auf die Schwächeren. Und wir sollten endlich, auch finanziell, mehr wertschätzen, was Pflege bedeutet.

HSS: Was können wir aus dieser Krise für die Zukunft lernen?

Nicht böse sein – auch der Begriff „lernen“ passt für die gegenwärtige Zeit nicht wirklich. Wir sollten uns eher zurückbesinnen auf den alten Begriff der Tugenden und sie in Zukunft wieder mehr mit Leben erfüllen. Tapferkeit und Mäßigung gehören dazu, etwas, was wir gerade dringend für unser Verhalten nötig haben. Aber auch Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe zu den Menschen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, die Menschen und Gesellschaft dienen.  Und schließlich braucht es derzeit besonders Glaube und Hoffnung – damit wir Kraft für diese schwere Zeit haben und gestärkt aus ihr hervorgehen.  

HSS: Sehr geehrte Frau Breit-Keßler, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Thomas Reiner für die HSS.

Leiterin Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit, Onlineredaktion

Susanne Hornberger