Im Interview: Tim Pröse
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Tim Pröse hat in seinem Buch "Wir Kinder des 20. Juli" die Geschichten der Töchter und Söhne der Widerstandskämpfer im NS-Regime aufgezeichnet. Er berichtet darüber am 16. April in einer szenischen Lesung im Konferenzzentrum der HSS.
© Heyne Verlag
Am 20. Juli 1944 setzte Claus Graf von Stauffenberg ein Zeichen, das die Welt veränderte, als er versuchte, Hitler zu töten. An diesem Tag opferten hunderte mutige Menschen aus Militär, Politik, Kirche und Zivilgesellschaft ihr Leben für den Widerstand. Hitler rächte sich brutal und ließ fast alle Widerstandskämpfer ermorden, ihre Kinder wurden von ihnen getrennt – sie sind heute die letzten Zeugen des Widerstands. SPIEGEL-Bestsellerautor Tim Pröse traf die Töchter und Söhne der Widerstandskämpfer von damals, begleitete sie und zeichnete ihre Geschichten auf. Er erzählt am 16. April, 19 Uhr, im Rahmen einer szenischen Lesung aus seinem Buch “Wie Kinder des 20. Juli” im Konferenzzentrum der HSS.
Im Gespräch mit der HSS berichtet Tim Pröse davon, welche Erinnerungen die Nachfahren der Widerstandskämpfer prägen, welche Lehren sie für uns in einer Zeit haben, in der auch die Demokratie in Deutschland wieder gegen Kriege, Diktatoren und radikale Kräfte verteidigt werden muss:
Mit dem Buch "Wir Kinder des 20. Juli" erinnert Tim Pröse an die Widerstandskämpfer während des Zweiten Weltkriegs.
© Heyne Verlag
80 Jahre nach Kriegsende: Welche Bedeutung hat der Widerstand des 20. Juli 1944 heute noch für die Gesellschaft, besonders im Umgang mit Demokratie und Rechtsextremismus?
Die mehr als 200 Männer und Frauen des Widerstands am 20. Juli 1944 haben uns gezeigt, dass selbst in einer Zeit größter Dunkelheit, in der jedes falsche Wort den Tod bedeuten konnte, der Mut, für Freiheit und Gerechtigkeit einzutreten, möglich war – auch unter Lebensgefahr. Für uns, die wir in einer demokratischen Gesellschaft leben, ist es schwer vorstellbar, welchen Preis es damals kostete, sich gegen das Unrecht zu stellen. Doch die Männer und Frauen des 20. Juli sind für uns bis heute ein leuchtendes Vorbild. Sie sind Wegbereiter der Freiheit und haben mit ihrem Einsatz das Licht der Demokratie in die finsterste Zeit getragen. Dieses Licht erreicht uns auch heute noch und erinnert uns daran, wie wichtig es ist, für unsere Werte einzutreten und gegen Feinde der Freiheit, wie den Rechtsextremismus, entschlossen Stellung zu beziehen. Aber Extreme und Hass gibt es auch von linker Seite. Stichwort: Neuer Antisemitismus, auch an Hochschulen.
Sie haben mit den Nachkommen der Widerstandskämpfer gesprochen. Wie prägt die Geschichte deren Eltern und Großeltern ihr heutiges Leben? Und was können wir aus ihren Erfahrungen für die Zukunft lernen?
Diese ‚Kinder des 20. Juli‘ wollten ihr Leben lang diese große Leerstelle, die ihre toten Väter hinterließen, mit ihrem Tun und ihrem Leben anfüllen. Stellvertretend für ihre Eltern. Ich hatte das große Glück, dass ich diese Menschen treffen durfte. Die weiß Gott nicht das Licht der Öffentlichkeit suchen und nicht gerne im Rampenlicht stehen. Ich habe sie dennoch gewinnen können, weil ich es für überaus wichtig halte, dass diese Kinder des 20. Juli, die Nachfahren der Heldinnen und Helden, uns von damals erzählen und uns ermutigen, einzutreten für unsere Freiheit und unsere Werte. Was wir lernen können, ist, dass einige Menschen sich - auch wenn es unwahrscheinlich scheint - mit einer Idee durchsetzen. Dafür waren sie bereit, die ersten Schritte zu wagen, auch ohne Aussicht, zu triumphieren. Konstantin Wecker hat gesungen, es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Man darf sich nicht immer fragen, ob man wirklich von etwas profitiert, sondern man muss am Anfang einer Unternehmung etwas wagen und riskieren, sonst setzt sich keiner in Bewegung, sonst macht keiner den ersten Schritt, gerade wenn es um dieses Thema geht.
Gibt es eine besondere Begegnung oder ein Gespräch während Ihrer Recherche, das Sie besonders berührt oder Ihre Sicht auf den Widerstand verändert hat?
Ja, es gab eine außergewöhnliche Begegnung, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Die Nachfahren der Heldinnen und Helden des 20. Juli haben mir ein besonderes Geschenk gemacht: ihren Vertrauensvorschuss. Sie haben mich eingeladen, an ihrem Jahrestreffen teilzunehmen. Jedes Jahr treffen sich etwa ein Dutzend Kinder der Widerstandskämpfer am Todestag ihrer Väter in Berlin-Plötzensee, direkt unter den Galgen, an denen ihre Väter erhängt wurden. Es war eine zutiefst bewegende Erfahrung, dabei sein zu dürfen – und sie bedeutet mir sehr viel. Es war nicht nur ein trauriger Moment, sondern auch ein unglaublich erhebender. Was ich dort erlebt habe, geht weit über Worte hinaus. Diese Erfahrung möchte ich gerne mit den Gästen der Lesung teilen, um sie ebenso zu berühren, wie sie mich berührt hat.
Wie können wir heute, 80 Jahre nach Kriegsende, aus dem Mut der Widerstandskämpfer lernen, gerade in Zeiten, in denen Demokratie und Freiheit wieder unter Druck geraten?
Was wir aus dem Widerstand lernen können, ist ganz klar: Wir können stolz darauf sein, dass es diese Menschen in einer so dunklen Zeit gegeben hat. Vor 80 Jahren haben sie, als Lichter in der Dunkelheit, für die Freiheit und gegen das Unrecht gekämpft. Wo wären wir heute, wenn es sie damals nicht gegeben hätte? Diese Leuchttürme des Widerstands sind ein wertvolles Erbe, das wir nicht vergessen dürfen. Und wir sind heute aufgefordert, ihre Flamme weiterzutragen. Deshalb habe ich in den vergangenen Jahren auch an etwa 280 Schulen über dieses Thema gesprochen – sei es in Form einer Hommage an Sophie Scholl oder an Oskar Schindler. Es geht darum, diese Flamme des Widerstands weiterzugeben und in die Zukunft zu tragen. In München, der ehemaligen Hauptstadt der NS-Bewegung, freue ich mich besonders darauf, in Form einer Lesung einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Stadt heute die Hauptstadt der Gegenbewegung wird – im Namen unserer Werte und für die Freiheit, die wir schätzen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Pröse.
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