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Meinungsbeitrag: Jüdisches Leben vor und nach dem 7. Oktober
Streben nach Normalität

An dem Tag, an dem die Hamas Israel überfiel, änderte sich viel, auch für Jüdinnen und Juden in Europa und in Deutschland. Was ist seit diesem Tag des Terrors anders geworden? Slava Satanovsky, Mitglied der israelischen Kultusgemeinde, berichtet von seiner Erfahrung aus seinem Leben in München.

Autor: Slava Satanovsky

Am 1. September 2023 postete ich voller Stolz ein Foto von mir, mit meiner Kippa – ein Symbol meiner Identität. „Schabbat Schalom aus Schwabing, wo man nicht mutig sein muss (um eine Kippa zu tragen).“ Damals fühlte ich mich sicher, meine Kippa in München offen zu tragen.

Slava Satanovsky ist Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Seit 2021 gehört er dem Vorstand der Gemeinde an, in dem er den Vorsitz der Kultuskommission innehat. Zudem ist er aktiv im Vorstand der Synagoge in Schwabing. Geprägt durch seine jüdischen Wurzeln in der Ukraine und sein Aufwachsen in Deutschland, vereint er ein tiefes Verständnis für kulturelle Vielfalt mit einem starken Engagement für jüdische Traditionen und das moderne Geschäftsleben.

Einen Monat später erschütterte der 7. Oktober 2023 die Welt, als Hamas Israel überfiel (und damit jeden Juden) und stolz ihr wahres Gesicht zeigten, für diejenigen, die es noch nicht kannten. Während ein Teil der Bevölkerung den Atem anhielt, schien der moralische Kompass bei einigen anderen falsch gepolt zu sein. Um es deutlich zu sagen: Ein Teil der Menschen in Deutschland freute sich offen darüber, dass Juden massakriert, vergewaltigt und Menschen jeden Alters als Geiseln verschleppt wurden. „Israelkritiker“, die die Hamas in einem Atemzug mit Freiheitskämpfern nennen, haben Hochkonjunktur. Was Israelkritik bedeutet, kann man am besten von Israelis und Juden lernen. Was wir erleben, hat mit Kritik in Wahrheit oft nichts zu tun. Es ist Antisemitismus, der sich im Kern noch genauso darstellt wie vor Jahrhunderten.

Kann man Symbole jüdischen Glaubens in Deutschland öffentlich tragen?

Bis dahin hatte ich das Gefühl, dass Deutschland viel erreicht habe beim Versuch, Juden ein Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit zu geben. Wir Juden in Deutschland fühlen sich heute mehrheitlich nicht nur als ein Teil dieses Landes, wir fühlen uns deutsch. Doch die Ereignisse dieses Tages und ihre Nachwirkungen haben mich zweifeln lassen. Schwierige Fragen drängen sich wieder auf: Wie geht Deutschland mit denen um, die Juden schaden wollen? Müssen wir unsere Identität und Symbole wie Kippa oder Davidstern verstecken? Möchte Deutschland diesen grundlosen Judenhass weiterhin tolerieren? Und wenn nicht: Wohin können wir gehen?

Nein, wir sitzen, zumindest in Bayern, nicht auf gepackten Koffern. Doch haben wir aus der Geschichte gelernt, dass wir fähig sein müssen, Koffer schnell zu packen. Dabei geht es mir nicht nur um Juden, es geht um uns alle. Rabbi Jonathan Sacks sel. A. sagte einmal: „Der Hass, der mit Juden beginnt, endet nie bei den Juden.“

Und dann, fast einen Monat nach dem 7. Oktober, erlebte ich ein persönliches Ereignis, das mir aus der Starre half: Die Geburt meiner Tochter Debby. Inmitten der Dunkelheit ist sie ein Lichtstrahl, der mir Hoffnung und Kraft gibt. Ihre Ankunft erinnerte mich daran, dass negative Gedanken wie Angst nicht dabei helfen, mit Herausforderungen umzugehen.  Es unsere Aufgabe ist, eine Welt zu schaffen, in der alle Kinder ohne Angst aufwachsen, aufgrund ihrer Identität gehasst zu werden. Doch dafür muss jeder von uns Verantwortung übernehmen, unabhängig von Religion, Nationalität oder Kultur. Wenn ein großer Teil unserer Gesellschaft in die falsche Richtung läuft, braucht es starke Persönlichkeiten in der Politik, der Wirtschaft und der ganzen Gesellschaft, die sich nicht beirren lassen. Und die ihren richtigen Worten auch richtige Taten folgen lassen.

Wenn Resilienz, Bildung, der unerschütterliche Glauben an bessere Zeiten und Freude zu unseren gemeinsamen Werten gehören, liegt es an uns, diese besseren Zeiten aktiv zu gestalten: mit Engagement, Diskussionen, Bildungsarbeit und dem ganz normalen Zusammenleben in der Gemeinschaft.

Wir wollen nur gleichberechtigt leben

Wir Juden blicken auf eine lange Geschichte von Verfolgung und Leid zurück, aber unsere Werte lassen wir uns niemals nehmen. Der 7. Oktober 2023 war Simchat Thora, ein jüdischer Feiertag, an dem wir zu größter Freude aufgerufen sind: über Lernen, die Tora und die ganz normalen Dinge im Alltag. Wenn wir diese Freude verlieren, ist das ein Sieg für unsere Feinde und die Feinde unserer Gesellschaft.

Juden in Deutschland und in der Welt wollen keine besondere Behandlung; alles, was wir wollen, ist, als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft zu leben. Trauern Sie mit uns, lachen Sie mit uns, von mir aus auch über uns; teilen Sie unsere Freude – oder auch nicht. Aber kämpfen Sie mit uns für die gemeinsamen Werte.

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