HSS-Kurzinterview mit Dr. Annette Seidel-Arpacı
„Die antisemitischen Vorfälle in Bayern haben sich verdoppelt“
Dr. Annette Seidel-Arpacı leitet seit 2019 RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) Bayern.
© Marco Einfeldt
HSS: Was war für Sie der prägendste Moment in Ihrer beruflichen Auseinandersetzung mit Antisemitismus?
Dr. Annette Seidel-Arpacı: Es gibt nicht den einen prägenden Moment. Eine Zäsur war und ist das antisemitische Massaker des 7. Oktober 2023 durch die Hamas und ihre Helfer und die darauffolgende und anhaltende Welle von Antisemitismus. In Bayern wurden uns die ersten antisemitischen Vorfälle im Zusammenhang mit dem Terrorüberfall in Israel noch während des Wochenendes vom 7./8. Oktober 2023 bekannt. Unter anderem gab es Drohanrufe bei einem israelischen Restaurant in München.
HSS: Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, hat kürzlich in einem Gastartikel für das aktuelle HSS-Magazin „politicus“ geschrieben: ,Der Antisemitismus war nie verschwunden – er hat seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 eine neue Dynamik entwickelt.‘ In Zahlen: Wie stark hat der Antisemitismus in Bayern seitdem zugenommen?
Dr. Annette Seidel-Arpacı: Ja, da kann ich Dr. Schuster nur zustimmen. Hinsichtlich einer Zunahme antisemitischer Vorfälle muss man von einem enormen Dunkelfeld ausgehen.
Seit dem Anstieg unmittelbar ab dem 7. Oktober 2023 hat sich in Bayern die uns bekannt gewordene Anzahl der antisemitischen Vorfälle jedes Jahr nahezu verdoppelt. Im Jahr 2024 mussten wir bei RIAS 1515 antisemitische Vorfälle in Bayern dokumentieren.
HSS: Die AfD relativiert den Holocaust und bedient sich antisemitischer Erzählungen. Was kann RIAS in Bayern mit seiner Arbeit dem entgegensetzen?
Dr. Annette Seidel-Arpacı: Die Shoah wird in verschiedenen gesellschaftlichen und ideologischen Milieus relativiert, verhöhnt, oder gar gutgeheißen. Und das zunehmend schamlos und offen. Antisemitische Erzählungen, von der antijudaistischen Ritualmordlegende über die Verschwörungsvorstellungen der Moderne bis zum Hass auf Israel als ‚das Böse‘ schlechthin, werden allerorten vermehrt sichtbar und hörbar. Die Relativierung der Shoah und der Angriff auf das Gedenken an sie, bis vor einiger Zeit vor allem von ganz rechts durch den Begriff ‚Schuldkult‘, findet sich in allen Milieus und kommt links und islamistisch heute als ‚Befreit Gaza von deutscher Schuld‘ daher. Ebenso ist der Israelhass, nicht nur die Relativierung der Shoah, auch auf der Rechten festzustellen. Dem Angriff auf das Gedenken steht Israel allerseits im Wege – und umgekehrt.
RIAS dokumentiert antisemitische Vorfälle jedweden ideologischen Hintergrunds und kann damit zur Aufklärung über die Situation beitragen. Vor allem ist RIAS aber auch eine Anlaufstelle für alle, die Antisemitismus erleben und beobachten. RIAS will mit dafür sorgen, dass diese Erfahrungen wahrgenommen werden und sich dieser Entwicklung von Seiten der Politik, Justiz und Gesellschaft entgegengestellt wird.
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