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Interview mit Bildungsforscherin Rita Nikolai
Einfache Antworten auf komplexe Krisen

Autorin/Autor: Katja Zirkel

Angesichts aktueller multipler Krisen haben Verschwörungserzählungen und rechte Esoterik Hochkonjunktur. Im Interview spricht die Bildungsforscherin Prof. Dr. Rita Nikolai über Verschwörungstheorien und die Rolle der politischen Bildung.

Ein Mensch ist in einem Labyrinth gefangen und findet keinen Ausweg.

Wer einmal hineingerät, sucht oft lange nach dem Ausgang. Was mit dem Wunsch nach Orientierung beginnt, endet nicht selten in Sackgassen aus Misstrauen, Vereinfachung und ideologischer Verirrung. Gerade in Krisenzeiten versprechen Verschwörungserzählungen klare Wege – doch sie führen selten zur Wahrheit. Bildung kann helfen, den Weg zurückzufinden: durch kritisches Denken, Medienkompetenz und politische Aufklärung.

© Adobe Stock/PX Media

Prof. Dr. Rita Nikolai ist Professorin für Pädagogik mit Schwerpunkt Vergleichende Bildungsforschung an der Universität Augsburg.

Prof. Dr. Rita Nikolai ist Professorin für Pädagogik mit Schwerpunkt Vergleichende Bildungsforschung an der Universität Augsburg.

© Universität Augsburg

HSS: Frau Prof. Dr. Nikolai, können Sie Beispiele für Verschwörungstheorien nennen?

Es gibt sehr unterschiedliche Verschwörungstheorien. Ein bekanntes Beispiel ist die Vorstellung, dass „geheime Eliten“ im Hintergrund die Weltpolitik oder internationale Organisationen steuern. Während der Corona-Pandemie verbreitete sich die Behauptung, das Virus sei absichtlich freigesetzt worden, um politische Maßnahmen wie Lockdowns oder Maskenpflicht zu rechtfertigen. Auch die Leugnung des menschengemachten Klimawandels gehört zu den verbreiteten Narrativen. Ein weiteres Beispiel ist die so genannte Deep State-Erzählung, die davon ausgeht, dass in Behörden, Medien oder Geheimdiensten ein verborgenes Machtzentrum existiert, das demokratisch gewählte Regierungen unterwandert oder steuert.

HSS: Wie erklären Sie sich aus bildungswissenschaftlicher Sicht die Anfälligkeit bestimmter gesellschaftlicher Gruppen für Verschwörungstheorien, vor allem in Zeiten multipler Krisen?

In Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung – etwa durch Pandemie, Krieg oder Klimakrise – steigt das Bedürfnis nach Eindeutigkeit und Orientierung. Verschwörungserzählungen liefern einfache Erklärungen für komplexe Probleme und geben scheinbare Kontrolle zurück. Besonders anfällig sind Menschen, die wenig Zugang zu politischer Bildung hatten oder sich gesellschaftlich ausgeschlossen fühlen. Aus bildungswissenschaftlicher Sicht zeigt sich: Bildung stärkt nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern auch die Widerstandskraft gegenüber vereinfachenden, ideologischen Weltdeutungen – durch Reflexion, Dialog und kritisches Denken.

HSS: Welche gesellschaftlichen Gruppen sind besonders anfällig für Verschwörungstheorien?

Verschwörungstheorien finden sich quer durch alle sozialen und politischen Gruppen. Besonders anfällig sind Menschen, die sich gesellschaftlich marginalisiert fühlen – sei es durch ökonomische Unsicherheit, fehlende Teilhabe oder mangelnde Bildungschancen. Auch in esoterischen Milieus oder innerhalb rechtspopulistischer Bewegungen lassen sich zunehmend verschwörungsideologische Muster beobachten. Entscheidend ist weniger die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe als vielmehr der Umgang mit Unsicherheit, Komplexität und Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen.

HSS: Inwiefern spielt das Bildungssystem – sowohl Schule als auch Hochschule – eine Rolle bei der Prävention oder möglicherweise auch der Reproduktion von Verschwörungsideologien?

Bildungseinrichtungen tragen eine doppelte Verantwortung: Einerseits sollen sie junge Menschen dazu befähigen, kritisch zu denken, Informationen einzuordnen und demokratisch zu handeln. Politische Bildung, Medienkompetenz und Geschichtsbewusstsein sind hierfür zentrale Instrumente. Andererseits kann Bildung auch zur Reproduktion von Verschwörungsdenken beitragen – etwa, wenn sie ausgrenzt, nicht anschlussfähig ist oder keine Räume für Perspektivenvielfalt bietet. Der Beutelsbacher Konsens – ein Übereinkommen von Personen in der Politischen Bildungsarbeit aus den 1970er Jahren – bietet hier eine gute Richtschnur: Kontroversität, Meinungsvielfalt und Schutz vor Überwältigung. Zugleich muss klar sein: Menschenverachtende Positionen sind mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes unvereinbar.

 

HSS: Welche bildungspolitischen und pädagogischen Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um die Resilienz junger Menschen gegenüber Rechtspopulismus, rechter Esoterik und verschwörungsideologischen Narrativen zu stärken?

Bei unserer Arbeit ist es wichtig Demokratie in Bildungseinrichtungen als gelebte Praxis erfahrbar zu machen. Dabei sollten wir Beteiligung ermöglichen, Dialog fördern und Selbstwirksamkeitserfahrungen für die Bildungsteilnehmenden bieten. Hierzu gehört, dass erstens Demokratiebildung als Querschnittsaufgabe in Bildungseinrichtungen und in der Lehrkräftebildung verankert wird. Zweitens die Medien- und Diskurskompetenz gefördert wird, damit Bildungsteilnehmende Desinformationen erkennen und hinterfragen können. Und drittens eine beziehungssensible Pädagogik verfolgt wird, die Vertrauen und Offenheit bei den Bildungsteilnehmenden schafft. Solche Anforderungen sind als Querschnitt zu verankern und zu leben in Curricula, Entwicklungsprozessen von Bildungseinrichtungen und Fortbildungsstrukturen.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Prof. Dr. Nikolai.

Frau Prof. Dr. Rita Nikolai ist Professorin für Pädagogik mit Schwerpunkt Vergleichende Bildungsforschung an der Universität Augsburg. In einem Forschungsprojekt beschäftigt sie sich derzeit mit der Schulpolitik der Alternativen für Deutschland im Bundesländervergleich. 

 

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Redakteurin: Katja Zirkel
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