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Interview mit Stefan Müller, MdB
Finanzstandort London nach dem Brexit

Autorin/Autor: Anja Richter

Der Finanzplatz London hat als EU-Mitglied lange vom Binnenmarkt profitiert. Nach dem Brexit-Referendum fürchteten daher viele in der City einen Bedeutungsverlust, weil in London ansässige Unternehmen keinen freien Zugang mehr zum EU-Binnenmarkt hätten. Vergangene Woche machte sich Stefan Müller, MdB, Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Mitglied im Finanzausschuss und Banken- und Finanzexperte der Unionsfraktion, im Rahmen einer Informationsreise nach London ein Bild vor Ort. Im Gespräch mit der HSS gibt er zu drei Fragen drei Antworten.

Der Finanzsektor ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige für das Vereinigte Königreich. Im Jahr 2021 machten Finanzdienstleistungen über acht Prozent der Wirtschaftsleistung und zehn Prozent der Steuereinnahmen aus. Der größte Anteil britischer Finanzdienstleistungen wird in der City of London generiert, dem Finanz- und Bankenviertel der Hauptstadt, das als reichste Quadratmeile der Welt gilt. Nach New York ist die Londoner City der wichtigste Finanzmarktplatz weltweit, knapp vor Singapur und Hongkong. Frankfurt liegt in dem globalen Ranking (Global Financial Centres Index) auf Platz 14.

Der Finanzstandort London profitierte als EU-Mitglied lange vom Binnenmarkt, wohin ein Großteil der Finanzdienstleistungen exportiert wurde. Nach dem Brexit-Referendum befürchteten daher viele in der City, sie könnte an Bedeutung verlieren, da Firmen mit Sitz in London nun keinen uneingeschränkten Zugang zum EU-Binnenmarkt mehr haben würden (sogenannte „Passporting“-Rechte). In der EU erhoffte man sich, Dienstleistungen und Arbeitskräfte abwerben zu können: Standorte wie Amsterdam, Paris und Frankfurt traten in einen regelrechten Wettbewerb, um London den Rang abzulaufen.

In der vergangenen Woche machte sich Stefan Müller, MdB, parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag sowie Mitglied des Finanzausschusses und Experte für Banken und Finanzthemen in der Unionsfraktion, im Rahmen einer Informationsreise nach London ein Bild vor Ort. Im Gespräch mit der HSS, die einige Termine mit Finanzpolitikern und -akteuren für Stefan Müller in London organisierte, beschrieb er seine Eindrücke.

Stefan Müller, MdB, und die Projektleiterin für das Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland der HSS, Anja Richter.

Stefan Müller, MdB, und die Projektleiterin für das Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland der HSS, Anja Richter.

HSS: Wie sehen Sie den Finanzstandort London dreieinhalb Jahre nach dem Brexit?

Stefan Müller: Mir scheint, dass sich die City noch in einem Findungsprozess befindet. London verstand sich immer als globaler Finanzplatz, aber vor allem als Tor nach Europa, als Teil des EU-Binnenmarkts. In einigen Gesprächen mit Finanzakteuren hatte ich den Eindruck, dass man sich nun nach dem Brexit als Tor zu den neuen Märkten, den Emerging Markets, etablieren will. Besonders im Nahen Osten in Ländern wie Saudi-Arabien scheinen die Briten ihre Aktivitäten zu verstärken. Politiker, mit denen ich darüber sprach, wiesen jedoch darauf hin, dass London weiterhin ein globaler Finanzstandort für Märkte in allen Erdteilen bleiben werde – insbesondere für Europa, auch wenn der Zugang zum EU-Binnenmarkt nun eingeschränkt ist. Es hat sich als Trugschluss erwiesen, dass durch den Brexit in London massenhaft Arbeitsplätze und Geschäftszweige verloren gehen und in die EU abwandern würden. Zwar haben viele Banken und Finanzdienstleister, allen voran JP Morgan, ihre Mitarbeiterzahl in der EU verstärkt, wovon Standorte wie Paris, Amsterdam und natürlich Frankfurt profitierten – die Abwanderung von Arbeitskräften ist jedoch bisher überschaubar.

HSS: Wie erklären Sie die andauernde Stärke der City of London – welche Vorteile hat sie gegenüber Standorten wie Paris und Frankfurt?

Stefan Müller: London bleibt aufgrund seiner geografischen und zeitlichen Mittellage zwischen Asien und den USA und damit als Tor zu diesen wichtigen Märkten ein attraktiver Standort. Man sagte mir, London sei sogar internationaler aufgestellt als New York, dessen Fokus vor allem auf dem amerikanischen Markt liege. London kann aber vor allem auf einen großen Talentpool aus qualifizierten Fachkräften zurückgreifen, was mir von Finanzakteuren bestätigt wurde. Zum einen erleichtert Englisch natürlich als globale Sprache die Anwerbung, aber auch die renommierten Universitäten und Business Schools sowie die zahlreichen ansässigen Banken und Finanzdienstleister tragen zur Größe des Talentpools bei. Außerdem bietet London ein mit dem Finanzsektor eng verbundenes Ökosystem aus international renommierten Anwaltskanzleien, Versicherern, Hedge-Fonds, Wirtschaftsprüfern und Beratern, die alle in der City präsent sind. Amsterdam, Paris und Frankfurt haben auch Standortvorteile, aber keiner kann ein vergleichbares Ökosystem vorweisen. Nicht zuletzt denke ich auch, dass das ausgeprägte marktwirtschaftliche Denken eine Stärke Londons ist.

HSS: Ein Vorteil des Brexits sollte die Möglichkeit, von EU-Regeln abweichen zu können, sein. Wie sehen Sie die regulatorischen Entwicklungen in London?

Stefan Müller: Bisher lassen sich nur geringe Abweichungen erkennen. Die Briten orientieren sich weiterhin an der EU, mit der sie eng verflochten sind. Es gibt beispielsweise Firmen, die ihren Hauptsitz in London haben, aber ihre Fonds in Luxemburg auflegen. Das britische Parlament hat kürzlich ein neues Gesetz zur Regulierung von Finanzdienstleistungen verabschiedet. Das Gesetz soll es einfacher machen, im britischen Recht verankerte EU-Gesetze zu entfernen beziehungsweise zu verändern. Die Abgeordneten, mit denen ich sprach, versicherten mir jedoch, dass es nicht primär darum ginge, von EU-Regeln abzuweichen. Das Gesetz soll vor allem die Möglichkeit bieten, flexibler zu sein und schneller auf Entwicklungen am Markt reagieren zu können, als es beispielsweise die EU tut. Damit will man wettbewerbsfähiger sein. Zudem soll die Rechenschaftspflicht von Regulierungsbehörden verbessert werden. Das Gesetz ist Teil des andauernden „Findungsprozesses“ nach dem Brexit, bei dem sich Regierung, Regulierungsbehörden und die Finanzindustrie langsam an die neue Realität außerhalb der EU anpassen.

 

Das Interview führte Anja Richter, HSS-Projektleiterin in London.

Der Bundestagsabgeordnete Stefan Müller traf im Rahmen einer Informationsreise nach London auf verschiedene Finanzpolitiker und -akteure.

Der Bundestagsabgeordnete Stefan Müller traf im Rahmen einer Informationsreise nach London auf verschiedene Finanzpolitiker und -akteure.

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