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Gedanken zur Adventszeit
Die heilsame Kraft der Stille

Autorin/Autor: Susanne Breit-Keßler

Mit der "staaden" Zeit hat der Advent für Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin em. von München-Oberbayern, nicht viel zu tun.

Überall wird im Advent die „staade Zeit“ angepriesen und zugleich verlacht. Kaum jemand hat das Gefühl, im Advent wirklich zu sich zu kommen. Stattdessen wird gealbert darüber, dass man von einer besinnlichen Veranstaltung zur anderen beten muss und die Hektik jedes Jahr größer wird. Könnte es vielleicht sein, dass wir mit vereinten Kräften diesen unheilvollen Zustand befördern? Der Prophet Jesaja in der Bibel, der auch die eine oder andere Weissagung zum göttlichen Kind getan hat, er schrieb: 

 „So spricht der Herr: In Umkehr und Ruhe liegt euer Heil. Im Stillhalten und Vertrauen liegt eure Kraft. Aber ihr wollt nicht.“ (Jesaja 30, 15) Ausgerechnet Ruhe und Vertrauen sollen uns zu Kraft verhelfen. Dabei denken wir doch meist, dass Kraft und Stärke nur durch entsprechendes körperliches Training oder durch selbstsicheres Auftreten zu erreichen sind. Obendrein – so sagt dieser Bibelvers – sind Umkehr und Ruhe eine heilsame Angelegenheit.

Am ersten Adventssamstag war die alte Herzogsstadt Burghausen in Bayern in eine besondere weihnachtliche Atmosphäre getaucht, begleitet von zahlreichen Weihnachtsmärkten in der Altstadt. Während des Events "Lichterlweg" verwandeln mehr als 350 Holzlaternen den Wöhrsee in ein beleuchtetes Naturambiente am Fuße der längsten Burganlage der Welt.

Am ersten Adventssamstag war die alte Herzogsstadt Burghausen in Bayern in eine besondere weihnachtliche Atmosphäre getaucht, begleitet von zahlreichen Weihnachtsmärkten in der Altstadt. Während des Events "Lichterlweg" verwandeln mehr als 350 Holzlaternen den Wöhrsee in ein beleuchtetes Naturambiente am Fuße der längsten Burganlage der Welt.

© Michael Nguyen/Imago

Faulenzen ist eine feine Sache

So richtig faulenzen ab und zu, an Weihnachten es sich richtig gut gehen lassen – das ist eine feine Sache. Aber im Großen und Ganzen hat solche Beschaulichkeit im Leben keinen Platz. Da gilt es, im Beruf seinen Mann oder seine Frau zu stehen. Haushalt und Familie müssen in Schwung gehalten, eventueller Besuch an den Festtagen bestens versorgt werden. Die Planungen laufen. Arbeit steht an. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat solche Betriebsamkeit einmal folgendermaßen beschrieben:

„Man schämt sich jetzt schon der Ruhe – das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag ißt. . . Man lebt wie einer, der fortwährend etwas ‚versäumen könnte‘. Man hat keine Zeit und keine Kraft mehr. . . Für die Verbindlichkeit mit Umwegen… Und überhaupt alles Beschauliche.“ Es sieht so aus, als wollten, könnten wir uns nicht einlassen auf ein himmlisches Angebot und würden lieber Remmidemmi machen, statt Ruhe zu geben. 

Es wird ja auch die „staade“ Zeit allenthalben ausgerufen vor der dann vermeintlich ebenfalls Stillen, Heiligen Nacht. Ausgerufen! Eben. Konzerte, Christkindlmärkte. . . Alles wunderbar, nicht unmittelbar Orte des Rückzugs. Auf den Wegen dorthin oder nach Hause teilen Menschen der staunenden Öffentlichkeit existentielle Belange in einer verblüffenden Ausführlichkeit und lärmenden Redundanz mit. Nirgends, schreibt der Humanist Petrarca im 14. Jahrhundert, nirgends gibt es Ruhe. 

In der Offenbarung des Johannes in der Bibel wird visionär geschildert, wie im Himmel eine etwa halbstündige Stille entsteht, als „das Lamm das siebente Siegel“ eines geheimnisvollen Buches aufbricht. Großartig: Stille, eine ganze halbe Stunde lang! Andererseits –  so der Seher Johannes –  wird danach gleich wieder ein Riesenspektakel mit Posaunen, mit Donner und Doria losgehen. Wenn selbst im Himmel, dem doch alle Möglichkeiten offenstehen sollten, die Stille nur 30 Minuten währt. . . 

Eine staade, stille, heilige Zeit im Advent und an Weihnachten wäre wirklich zauberhaft. Hölderlins „wie der Sternenhimmel bin ich still und bewegt“ spiegelt zufriedenes, schweigsam aktives Befinden in der weihnachtlichen Dunkelheit wider, die Harmonie zwischen Geist, Natur und der göttlichen Macht. Natürlich: Lebensgeräusche sind notwendig und beruhigend, soll das Gefühl für die Gewähr der eigenen Existenz sich einigermaßen selbstverständlich einstellen. 

Elia, legendärer Prophet Israels, wartet auf eine Gottesbegegnung. Sie findet statt, als ein „stilles, sanftes Sausen“ eintritt. Im Krawall gibt es außer Lärm nichts zu entdecken, kann sich keiner selbst, geschweige denn anderem begegnen. Vielleicht wird Krach oft inszeniert, um der eigenen Langeweile zu entgehen. Lautlose Stille macht Angst, weil man in ihr die völlige Abwesenheit vom Dasein erahnt, den Tod. Es gibt auch dröhnende Stille, wenn man sich verlassen fühlt und jeder Gegenstand im Haus einem das Wort Einsamkeit entgegen schreit. 

Sich auf ein Gespräch mit Gott einlassen

Dabei bedeuten Ruhe, Stillhalten nicht einfach Feierabend oder Herumlungern. Im biblischen Sinn zur Ruhe kommen, heißt, wie ein Geschwächter langsam wieder zu Kräften gelangen, innehalten und Atem schöpfen. In einem der Schöpfungsberichte heißt es: So vollendete Gott am siebenten Tag seine Werke, die er machte. Und er ruhte von allen seinen Werken. Aber es ist doch von mehr als nur einer innergöttlichen Angelegenheit die Rede. Ruhepausen sind Geschenk Gottes. 

Sie sind ein Angebot, sich auf ein Gespräch mit Gott einzulassen, nachzudenken über sich selbst und Menschen, die einem nahe stehen. Advent und Weihnachten schenken, wenn wir es denn zulassen, Gelegenheit zum Aufatmen. Wer diese Möglichkeiten zu nutzen versucht, erlebt das herrliche Gefühl des Baumelns mit der Seele. Kerzen anzünden, spazieren gehen, bei einem Glas Glühwein oder Tee den Sternenhimmel beobachten – eine Therapie, die hilft, gelassener zu werden.

Zuhause Musik hören, Melodien wie Zweige zum Klettern benutzen, ein Gedicht lesen – alles Gelegenheiten zum Stillwerden. Vielleicht gelingt in einem solchen Augenblick, ab und zu fällige Kurskorrekturen im Leben vorzunehmen. Es ist heilsamer, in Ruhe über die eigenen Probleme nachzudenken, als nervös zu werden wegen all dem, was schwierig erscheint. Nutzen wir die heilsamen und Kraft spendenden Augenblicke der Stille und der Ruhe.

Das stille, sanfte Sausen, das Elia erfährt, ist Leben zwischen leerem Nichts und lärmender Leere. Deshalb könnte man, statt Hektik zu machen und laut zu sein, Chet Baker hören.  Er ist der Interpret eines langsamen, bluesigen Jazz. Melancholisch zieht er vorwärts und vermittelt in seiner „Silent Night“ mit vielen Pausen zwischen leisen, wenigen Trompetentönen unendlich viel Gefühl. Da kommt einer, das hört man, aus innerer Stille heraus. 

Seine Noten, wehmütig verwischt oder kristallklar ausgespielt, existieren in einer eigenen puren Ruhe. Stille ist nicht die Abwesenheit von Geräuschen. Das gibt es nicht. Stille und Laute interpretieren sich gegenseitig, verleihen sich ihre jeweilige Qualität. Eine verlässliche Dauer und damit Begrenzung geben der Stille ihren Sinn. Kunstvolle Pausen erzeugen Tonphantasien, Hören lässt eigene Vorstellungen in Kopf und Herz entstehen, Sehen ohne Worte macht Phantasie lebendig. 

Was den Verstand bereichert und der Seele Flügel verleiht, ist der Verzicht auf „alles“, die kluge Reduktion. Weihnachtliche Stille ist, wenn sich die eingekrampfte, zerknitterte Seele ausbreitet, der flache Atem tief wird. Sein, für sich sein. Mit anderen gehaltvoll schweigen. Gemeinsam stillhalten ist fragloses Einvernehmen, der Luxus, sich am anderen ohne Worte freuen zu können. Einfach da sein - sowas Jenseitiges gibt es auf Erden. Für den, der's mag, an Weihnachten auch länger als eine halbe Stunde. Ein gesegnetes, ruhiges Fest, eine Heilige Stille Nacht. 

Kontakt

Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung: Susanne Breit-Keßler
Vorstand
Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung