Kolumne „Zu Ende gedacht?“
Der Preis der falschen Entlastung
Seit dem Iran-Krieg sind die Benzinpreise an deutschen Tankstellen geradezu explodiert.
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Die Bundesregierung plant eine pauschale steuerfreie Entlastungsprämie von 1.000 Euro für Arbeitnehmer – finanziert zulasten Dritter, der Unternehmen. Selten wurde so deutlich an den Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard (CDU-Wirtschaftsminister von 1949 bis 1963) vorbeigesteuert.
Zum Hintergrund: Die Prämie ist eine Reaktion auf die hohen Spritkosten, die unter anderem durch die Sperrung der Straße von Hormus, einem wichtigen internationalen Seeweg, entstehen.
Der Staat geriert sich einmal mehr als Akteur, der wirtschaftliche Realität korrigiert, statt sie zu ordnen. Und er macht das nicht einmal besonders überzeugend. Diese neue Maßnahme manifestiert eine soziale Schieflage. Sie richtet sich an Erwerbstätige – unabhängig davon, ob tatsächlich eine Notlage besteht. Wer ein stabiles Einkommen hat, wird steigende Preise spüren, aber nicht zwingend in existenzielle Schwierigkeiten geraten. Not bedeutet mehr als Belastung oder Ärger an den Zapfsäulen. Not ist die fehlende Fähigkeit, grundlegende Bedürfnisse zu decken.
Schutzbedürftige der sozialen Marktwirtschaft
Gerade dort aber setzt die Prämie nicht an. Rentner, Arbeitslose und Studierende – also Gruppen, bei denen steigende Lebenshaltungskosten deutlich gravierender wirken können – bleiben außen vor. Ausgerechnet jene, die im Sinne der sozialen Marktwirtschaft besonders schutzbedürftig wären.
Ein aktuelles Zitat aus prominentem Mund genau betrachten und auf seinen ökonomischen Gehalt prüfen: Das wollen wir mit unserer Reihe „Zu Ende gedacht?“ Wir analysieren regelmäßig, welche Botschaften Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft senden – und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.
Hinzu kommt eine Verschiebung von Verantwortung. In einer wirtschaftlich angespannten Phase werden Unternehmen faktisch in die Pflicht genommen, zusätzliche Leistungen zu finanzieren. Doch nicht alle können das gleichermaßen leisten. Für große Betriebe ist eine solche Prämie darstellbar, für die Mehrheit, die vielen kleinen und mittleren Unternehmen hingegen kaum.
Strukturelle Belastung bleibt unverändert
Was als Entlastung gedacht ist, wird so zu einem impliziten Wettbewerbssignal: Die einen können zahlen, die anderen nicht. Die Folge: eine Verschiebung in Wahrnehmung und Attraktivität – zulasten derjenigen, die ohnehin weniger Spielraum haben.
Auch der Staat trägt Kosten – indirekt über entgangene Steuereinnahmen. Doch unabhängig von der Finanzierung bleibt das Grundproblem bestehen: Ein einmaliger Betrag verändert keine strukturelle Belastung. Er wirkt kurzfristig – und verpufft ebenso schnell.
Damit wird eine Chance vertan. Krisen sind nicht nur Belastung, sondern auch Anpassungsdruck. Sie zwingen zu Veränderungen – im Verhalten, in Strukturen, in Erwartungen. Genau dieser Prozess wird durch pauschale Entlastungen abgeschwächt. Stattdessen tritt der Staat erneut als Retter auf. Er signalisiert Handlungsfähigkeit, auch dort, wo seine Möglichkeiten begrenzt sind. . Das mag politisch verständlich sein, ökonomisch bleibt es problematisch.
Vollkaskomentalität
Denn es verstärkt eine Haltung, die sich über Jahre entwickelt hat: die Erwartung, dass der Staat wirtschaftliche Belastungen umfassend kompensieren kann. Eine Art Vollkaskomentalität, die Anpassung nicht ersetzt, aber verzögert. Dabei ist die Realität eine andere. Deutschland bleibt im Energiebereich abhängig von globalen Märkten. Diese Abhängigkeit ist kein vorübergehendes Problem, sondern strukturelle Bedingung. Preise schwanken, Krisen wirken durch, Unsicherheit bleibt Teil des Systems.
Entlastungsprämie ist politische Ratlosigkeit
Der Staat kann das nicht dauerhaft ausgleichen. Umso wichtiger wäre es, diese Realität offen zu benennen – und politische Maßnahmen daran auszurichten. Stattdessen entsteht der Eindruck, als ließe sich Stabilität jederzeit nachkaufen. Die Entlastungsprämie ist damit vor allem eines: ein Ausdruck politischer Ratlosigkeit. Gut gemeint, medial wirksam – doch ohne strategische Substanz. Sie zeigt, wie schnell aus wirtschaftspolitischer Gestaltung bloße Kompensation wird. Und wie schwer es offenbar geworden ist, zwischen beidem zu unterscheiden.
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