Die Dachauer Prozesse 1945 bis 1948
Der Teufel sind wir
Der zynische Spruch am KZ-Eingang "Arbeit macht frei" bedeutete in Wahrheit "Vernichtung durch Zwangsarbeit".
Stefan Müller-Naumann; ©KZ-Gedenkstätte Dachau
„Dachau – die Bedeutung dieses Namens ist aus der deutschen Geschichte nicht auszulöschen. Er steht für alle Konzentrationslager, die Nationalsozialisten in ihrem Herrschaftsbereich errichtet haben“, so bilanzierte der KZ-Überlebende und Autor Eugen Kogon über das erste von den Nazis errichtete KZ. 1933 wurden hier hauptsächlich politische Gegner der Nazis inhaftiert, brutal misshandelt und teils ermordet. Erst später kamen auch Berufskriminelle, Juden, Homosexuelle, „Zigeuner“ und Kriegsgefangene dazu. Ein farbiger Winkel auf der Jacke zeigte an, zu welcher „Kategorie“ der Häftling gehörte. Doch dieses KZ diente als Blaupause für alle weiteren KZs. Von den rund 200.000 Dachauer Häftlingen 1933 bis 1945 starben geschätzt mehr als 40.000.
Hunger als Waffe: Ausgemergelte Häftlinge nach der Befreiung des KZ Dachau durch die US-Armee im April 1945.
Reinhard Schultz; ©HSS; Imago
Erst am 29. April 1945 befreite die US-Armee nach einigen Außenlagern auch das KZ Dachau. Sie stand vor apokalyptischen Leichenbergen und rund 32.000 ausgemergelten Überlebenden. Auch entlang der Routen der Dachauer Todesmärsche fanden sie erschossene und ausgezehrte Häftlinge.
Die Dachauer Prozesse
Bereits ein halbes Jahr später, am 15. November 1945, begann in Dachau unter Vorsitz von Brigadegeneral John M. Lentz der erste einer Reihe von Prozessen amerikanischer Militärgerichte. Diese Richter konnten die katastrophalen Zustände in Dachau noch persönlich in Augenschein nehmen. Bis 1948 wurde auch gegen Täter und Täterinnen aus anderen Konzentrationslagern wie Flossenbürg, Buchenwald, Mittelbau-Dora, Mauthausen sowie des Dachauer Außenlagers Mühldorf verhandelt. Daneben wurden noch Prozesse wegen von SS-Männern begangener Kriegsverbrechen durchgeführt. In dieser Zeit wurden 3887 Ermittlungsverfahren und 489 Prozesse durchgeführt, in denen sich 1672 Angeklagte zu verantworten hatten: 426 Todesstrafen (268 vollstreckt), 256 Freisprüche, der Rest Haftstrafen. Diese "Dachauer Prozesse" sind heute nicht annähernd so bekannt wie die "Nürnberger Prozesse" gegen die 22 Hauptkriegsverbrecher und später weitere 185 Angeklagte.
„Wenn das Wunder geschieht, dass ihr lebend davonkommt, schreibt es auf und sprecht es aus, was sie mit uns angestellt haben.“
Schwur der Dachauer KZ-Häftlinge
So beengt waren die Schlafplätze der Häftlinge: Rekonstruierte Baracken des KZ Dachau.
Rainer Viertlböck; ©KZ-Gedenkstätte Dachau
Im ersten Dachauer Prozess waren neben 32 Angehörigen der SS-Wachmannschaften, auch aus den KZ-Außenlagern Allach und Kaufering, fünf SS-Ärzte angeklagt sowie drei Funktionshäftlinge, die sogenannten „Kapos“. Bekanntester Angeklagter war der frühere Lagerkommandant Martin Weiß (1942-43). Alle Angeklagten plädierten im Prozess auf „nicht schuldig“, verharmlosten ihre Taten und beriefen sich auf Befehlsnotstand.
Recht und Gerechtigkeit
Anklagepunkte waren nicht wie in Nürnberg "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sondern das sogenannte "common design", das gemeinschaftliche Vorgehen in einem verbrecherischen System. Wer sich bereit erklärt hatte, für dieses System zu arbeiten, der war damit auch persönlich verantwortlich für die dort verübten Verbrechen, wenn er sich über das System im Klaren war und es durch seine Tätigkeit stützte. Die Militärgerichte waren aber auch bemüht, den Angeklagten ihre Straftaten individuell nachzuweisen, was meist auch gelang. Zudem spielten die Haager Landkriegsordnung von 1907 und die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen von 1929 eine Rolle. Verfolgt wurden anfangs nämlich nur Verbrechen an alliierten Staatsbürgern ab 1939, meist Kriegsgefangenen.
Der rekonstruierte Stacheldrahtzaun rund um das KZ Dachau.
Rainer Viertlböck; ©KZ-Gedenkstätte Dachau
Beweise lieferten vor allem die überlebenden Häftlinge, nicht nur durch ihre Aussagen, sondern auch durch Dokumente, die sie noch vor der Befreiung gesichert hatten, etwa die Dachauer Häftlingskartei. Viele Täter hatten Spuren für ihre persönliche Beteiligung an Verbrechen beseitigt und viele Häftlinge noch in den letzten Kriegstagen ermordet. So wurden im Außenlager Kaufering von der SS die Häftlingsbaracken angezündet. Manche Verbrecher, wie der letzte reguläre KZ-Kommandant von Dachau, Eduard Weiter (1943-45), entzogen sich durch Selbstmord der Gerichtsbarkeit.
Gräueltaten der SS
„Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“, steht auf dem Tor zur Hölle in Dantes Inferno. In Dachau stand auf dem Tor das zynische Versprechen „Arbeit macht frei“, das in Wahrheit Vernichtung durch Arbeit bedeutete. Die Anklage umfasste unvorstellbare Grausamkeiten, willkürliche Misshandlungen und Morde, Folter sowie medizinische Experimente an Häftlingen - in Dachau besonders durch erzwungene Malariainfektionen, Unterkühlungs- und Unterdruckversuche. Über die stundenlangen Unterkühlungsversuche in Becken mit eisigem Wasser beschwerte sich der verantwortliche SS-Arzt Sigmund Rascher 1942: „Die Versuchspersonen brüllen, wenn sie frieren.“ Andere Gefangene wurden mit Ochsenziemern auf einem Holzbock bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt, mussten Strafexerzieren, stunden- oder tagelang in der Kälte oder bei sengender Sommerhitze stillstehen oder im sargähnlichen „Stehbunker“ in ihren eigenen Exkrementen ausharren. Andere wurden stundenlang bis zum Hals in Kies eingegraben oder es wurden Hunde auf sie gehetzt.
Auf dieser Stele im KZ Buchenwald bei Weimar (Thüringen) ist links oben das "Pfahlhängen" (in diesem Fall Baumhängen) dargestellt, eine besonders sadistische Qual, die sich die SS für die Häftlinge ausgedacht hatte.
avd; ©HSS
Besonders brutal war das sogenannte „Pfahlhängen“, bei der die Hände des Opfers hinter dem Körper zusammengebunden wurden. Danach wurde das Opfer an dieser Fessel an einem Baum, Pfahl oder an der Decke aufgehängt, ohne Kontakt zum Boden. Ließ der Folterer das Opfer zusätzlich in dieser Aufhängung fallen, wurden die Schultergelenke ausgerenkt. Spätestens nach einer halben Stunde wurden die Opfer vor Schmerzen ohnmächtig, nach ein bis vier Stunden trat der Tod ein.
All diese Taten kombiniert mit den inhumanen Lebensbedingungen im KZ Dachau durch unzureichende Bekleidung, Mangelernährung, von Flöhen und Läusen durchsetzte Unterkünfte und schwerste Zwangsarbeit führten unter den Häftlingen zwangsläufig zu Krankheiten und Epidemien wie Typhus oder Tuberkulose. Mit Tausenden Opfern. Inhaftierte Pfarrer mussten auf Äckern die Pflüge oder zur Moor-Kultivierung den Dachauer „Moorexpress“ ziehen. Zum Glätten der Lagerstraßen zogen Häftlinge eine schwere Walze, darunter auch Alois Hundhammer, nach Kriegsende einer der CSU-Gründer – pausenlos „angetrieben“ mit Schlägen und Tritten. Auch andere CSU-Gründer, darunter Bayerns erster Ministerpräsident nach dem Krieg, Fritz Schäffer, und der erste CSU-Landesvorsitzende Josef Müller, waren zeitweise im KZ Dachau inhaftiert.
„In Dachau hatte Satan seinen Thron aufgerichtet.“
Johann Neuhäusler, Weihbischof von München und ehemaliger KZ-Häftling in Dachau (1941-45)
Das Urteil von Dachau
Das Urteil wurde am 13. Dezember 1945 verkündet: 36 Todesstrafen - wovon 28 im Kriegsverbrechergefängnis in Landsberg im Mai 1946 auch vollstreckt wurden. Vier Angeklagte erhielten lange Zuchthausstrafen. Acht der 36 Todesstrafen wurden später in der Berufung in lange Haftstrafen umgewandelt, die allerdings aufgrund guter Führung, Amnestien oder aus gesundheitlichen Gründen nur zum geringen Teil verbüßt werden mussten. 1949 übernahm die bundesdeutsche Justiz die Zuständigkeit für NS-Verfolgung, hatte allerdings in den eigenen Reihen noch viele NS-Täter. Viele der Verbrechen, die im KZ Dachau verübt wurden, blieben deshalb am Ende ungesühnt oder wurden nur milde bestraft.
Dennoch: Neben der rechtsstaatlichen Ahndung wurde mit den Dachauer Prozessen der verbrecherische Charakter des NS-Regimes verdeutlicht. Für die NS-Massenmorde war nicht nur eine kleine Führungsclique verantwortlich, sondern unzählige Deutsche. „Die Hölle ist leer, und die Teufel sind hier!“, heißt es in Shakespeares „Der Sturm“. Wenigstens zum Teil widerfuhr ihren Opfern Gerechtigkeit, auch wenn deutsche Häftlinge und die Vorkriegsjahre nicht Gegenstand der Dachauer Verfahren waren. Ein „Abschreckungsmittel für künftige Angreifer“, wie es der US-Militärgouverneur in Deutschland, General Lucius D. Clay, hoffte, waren die Prozesse aber nicht, wie die aktuellen Verbrechen der Russen in der Ukraine zeigen. Die deutsche Bevölkerung über die NS-Verbrechen aufzuklären, gelang zum Teil. Manche wussten es aber längst: US-Ermittler kamen im Mai 1945 zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Anwohner der Stadt Dachau, trotz gegenteiliger Behauptung, über die Zustände im Lager informiert war.
Quellen:
- - “Wie war das im KZ Dachau?”, Johann Neuhäusler, Kuratorium für Sühnemal KZ Dachau, Manz Verlag, 8. Auflage, München 1972
- - “Das Konzentrationslager Dachau 1933-1945”; Barbara Distel/Wolfgang Benz; Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1994
- - "Terror ohne System: Die ersten Konzentrationslager im Nationalsozialismus", Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hrsg.), Metropol Verlag, Berlin 2001
www.kz-gedenkstaette-dachau.de
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