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80 Jahre Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki
Zerstörer der Welten

Autorin/Autor: Andreas von Delhaes-Guenther

Als am 6. August 1945 drei US-Flugzeuge über der japanischen Stadt Hiroshima auftauchten, gab es keinen Großalarm und kein Abfangjäger stieg auf. Man hielt sie für Aufklärer. Aber die von einer der Maschinen abgeworfene Uranbombe zerstörte fast die gesamte Stadt - und läutete ein neues Zeitalter ein.

Das fast vollständig zerstörte Hiroshima im August 1945 nach der Explosion der Atombombe. Rechts sieht man das Gebäude, das noch heute genau so als Ruinen-Mahnmal "Atombombenkuppel" erhalten ist.

Photo12; ©HSS; IMAGO

Die Detonation war ungeheuer, der Lichtblitz gleißend wie die Sonne und die gewaltige Druck- und Hitzewelle ließ mit bis zu 4000 Grad Celsius fast alles Leben in einem Radius von 500 Meter um „Ground Zero“ sofort verdampfen – oder vollständig verbrennen, das ist nicht ganz klar. Gegenstände wie Zäune oder Leitern, aber auch einige Opfer hinterließen ihre Schatten an stehen gebliebenen Hauswänden, weil ihre Körper diese für eine Sekunde vor der Hitze abschirmten. Ein Negativ des Todes. Asphalt brannte, Metall und Glas schmolzen. Ein Rauchpilz erhob sich bis in 13 Kilometer Höhe und hochradioaktiver Fallout ging als „schwarzer Regen“ auf die Umgebung nieder. 

Feuersturm durch „Little Boy“

Am 6. August 1945 hatte der US-Bomber „Enola Gay“ vom Typ B29-Superfortress die erste Atombombe mit dem Codenamen „Little Boy“ auf die südjapanische Stadt Hiroshima abgeworfen, Hauptquartier einer japanischen Armee. Im zweiten Flieger saßen Kameraleute und Beobachter. In 580 Meter Höhe explodierte um 8.16 Uhr der nukleare Sprengsatz und zerstörte innerhalb eines Augenblicks fast alle Gebäude im Zentrum bis auf die Grundmauern. Die Druckwelle erreichte mit ungeheurer Wucht anfangs mehr als 1200 km/h – zum Vergleich: die größten Tornados schaffen “nur” 320 km/h. Es folgte zudem ein gewaltiger Feuersturm in der durch Holzhäuser geprägten Stadt.

Die Bombe tötete unterschieds- und gnadenlos. Zwischen 70.000 und 120.000 Menschen starben nach unterschiedlichen Schätzungen sofort oder nach wenigen Tagen, weitere 70.000 bis Ende 1945 und Tausende in den Jahren danach an den Folgen der radioaktiven Verstrahlung. Viele der Überlebenden mit Brandwunden versuchten, sich im mehrarmigen, radioaktiv verseuchten Fluss Ota zu kühlen und tranken daraus. Die Opferzahlen sind ungenau, weil zum einen die Bevölkerungszahl zum Zeitpunkt des Abwurfs nicht genau bekannt ist (aufgrund vernichteter Unterlagen sowie Flüchtlingen und Zwangsarbeitern). Und zum anderen nicht klar ist, ob eine spätere Krebserkrankung oder bei Neugeborenen eine Missbildung oder Frühgeburt Folge der Atombombe war oder nicht.

"Da war nichts als Tod in dieser Wolke." 

Robert H. Shumard, Bordmechaniker der „Enola Gay“

Die Qualen der Überlebenden durch Brand-, Druckwellen- und Strahlenwunden waren jedenfalls entsetzlich, zumal in den ersten Tagen auch kaum medizinische Infrastruktur oder wenigstens Schmerzmittel zur Verfügung standen. Der japanische Arzt Dr. Shuntaro Hida, der wegen eines Außeneinsatzes den Abwurf in sechs Kilometer Entfernung überlebte, traf kurz danach auf dem Weg in die Stadt eine pechschwarze Gestalt, die kaum noch etwas Menschliches hatte und in seinen Armen starb: „Der Bereich um die Augen war zugeschwollen, es hatte keine Nase, die untere Hälfte des Gesichtes schien nur aus einem Mund zu bestehen.“ Den Puls konnte er nicht fühlen, weil „keine Haut“ mehr vorhanden war (Quelle: ZDF, Terra X). Die „Hibakusha“ genannten Opfer, übersetzt „Die von der Bombe Betroffenen“, wurden überdies lange fast wie Aussätzige behandelt, nicht nur wegen der dickwulstigen Narben, sondern weil man mangels Kenntnis eine Ansteckung befürchtete.

Das “Manhattan Project”

Am 7. August 1945 teilte US-Präsident Harry S. Truman der Welt die Folgen der „Manhattan Project“ genannten Entwicklung mit: „Die Kraft, aus der die Sonne ihre Macht bezieht, ist auf diejenigen losgelassen worden, die dem Fernen Osten Krieg brachten.“ Der Leiter des Manhattan-Projektes und „Vater der Atombombe“, der Physiker Robert Oppenheimer, hatte dagegen früh Skrupel, die Waffe einzusetzen. Nach dem ersten Test einer Atombombe im Juli 1945 dachte er nach eigener Aussage an die an einen hinduistischen Text angelehnten Worte: „Nun bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“

Am 9. August 1945 wurde auf die Stadt Nagasaki, die eigentlich nur ein Ausweichziel für die primär anvisierte, aber an diesem Tag von einer dichten Wolkendecke geschützten Stadt Kokura war, die zweite und noch stärkere Atombombe „Fat Man“ geworfen. Mit Plutonium statt Uran als Spaltmaterial. Dabei wurden nach Schätzungen bis zu 74.000 Menschen sofort getötet, mindestens ebenso viele verletzt. In Nagasaki wurden die Torpedos für die Kampfflugzeuge gebaut, mit denen Japan in Pearl Harbor im Dezember 1941 den Angriff auf die USA eröffnet hatte. So kam der Krieg mit unvorstellbarer Macht zurück.

„Ich hatte nie eine schlaflose Nacht, nur weil ich die Bombardierung befehligte.“

Colonel Paul Tibbets, Pilot der „Enola Gay“

Für die Amerikaner war für die beiden Abwürfe aus damaliger Sicht ausschlaggebend, dass sie damit Hunderttausende Opfer unter ihren Soldaten durch eine Invasion des japanischen Kernlandes vermeiden konnten. Der fanatische Kampf japanischer Soldaten (inklusive der „Kamikaze“-Flugzeuge) trotz mittlerweile deutlicher militärischer Unterlegenheit hatte bis dahin zu sehr hohen Verlusten unter den GIs geführt. Zugleich verhinderte man die sowjetische Eroberung japanischer Inseln mit ähnlichen Folgen wie im geteilten Deutschland. Keine Quellen finden sich bisher für eine angebliche Machtdemonstration gegenüber den Sowjets.

Ironie der Geschichte: Der US-Kreuzer „Indianapolis“, der Teile der Hiroshima-Bombe zum Startflugplatz auf der Pazifikinsel Tinian geliefert hatte, wurde auf der Rückfahrt am 30. Juli 1945 als letztes US-Kriegsschiff im Zweiten Weltkrieg von einem japanischen U-Boot versenkt.

Die völlige Vernichtung

Die Abwürfe der zwei Bomben führte am 15. August 1945 zur Kapitulationsrede des japanischen Kaisers Hirohito, die durch einen erfolglosen Staatsstreich des japanischen Militärs noch verhindert werden sollte. „Darüber hinaus hat der Feind begonnen, eine neue und ungeheuer grausame Bombe einzusetzen, deren Zerstörungskraft wahrhaft unermesslich ist und viele unschuldige Leben fordert. Eine Fortsetzung des Kampfes würde nicht nur zum endgültigen Zusammenbruch und der Vernichtung der japanischen Nation führen, sondern auch zur vollständigen Auslöschung der menschlichen Zivilisation."

Der Kaiser beschönigte in der Rede nicht nur die eigene Kriegsverantwortung, sondern “vergaß” dabei auch, dass japanische Soldaten in Asien viele furchtbare Massaker wie in Nanking 1937 (bis zu 300.000 Opfer) oder in Manila 1945 (rund 100.000 Opfer) begangen hatten, die in ihrer Brutalität sogar die deutschen Verbrechen in den Schatten stellten. Auch Chemie- und Biowaffenangriffe wurden durch Japan verübt, grausame Menschenversuche durchgeführt, Kriegsgefangene systematisch gefoltert und Millionen Menschen versklavt. Seit den 30er Jahren wurden dabei insgesamt mehrere Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet.

Die "Gembaku Domu" ("Atombombenkuppel") in Hiroshima heute - die Ruine wird als Mahnmal an den Atombombenabwurf konserviert und als UNESCO-Weltkulturerbe erhalten. Alle Menschen, die am 6. August 1945 darin arbeiteten, kamen durch die Bombe um - "Ground Zero" war nur 140 Meter entfernt.

Kushnirov Avraham; ©HSS; Adobe Stock

Die bedingungslose Kapitulation Japans wurde am 2. September an Bord des US-Schlachtschiffes „Missouri“ unterzeichnet. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Die US-Besatzungsarmee dokumentierte die Schäden der beiden Bomben danach sehr genau, hielt sie jedoch lange geheim. US-Medienberichte aus Hiroshima und Nagasaki sorgten allerdings ab 1946 für eine heftige Debatte über die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von „Little Boy“ und „Fat Man“ sowie um den künftigen Umgang mit der Bombe.

„Oh mein Gott, was haben wir getan?" 

Robert A. Lewis, Co-Pilot der „Enola Gay“, in seinem Logbuch

Das Zeitalter des nuklearen Schreckens begann im August 1945 jedoch erst. Denn ein sowjetischer Spionagering um den Physiker Klaus Fuchs, der an dem Manhattan-Projekt in Los Alamos, New Mexico, mitarbeitete, hatte längst alle Erkenntnisse an den kommenden Feind verraten. Zwar wurde seitdem in keinem Krieg mehr eine Atombombe eingesetzt, aber mittlerweile haben mindestens neun Länder zusammen rund 12.400 Atombomben: die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien, dazu inoffiziell Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel. Die stärkste gezündete Atombombe, die 1961 von der Sowjetunion getestete "Zar-Bombe", hatte eine Sprengkraft von rund 4000 Hiroshima-Bomben. Die Welt könnte mit all diesen Bomben zigfach vernichtet werden – der „Overkill“.

Symbole des atomaren Schreckens

Unvollendete oder mutmaßliche Atombombenprojekte, manche davon nur mehr oder weniger fortgeschrittene Gedankenspiele, gab es nach 1945 zudem in Ägypten, Syrien, Argentinien, Italien, Brasilien, Australien, Irak, Jugoslawien, Libyen, Saudi-Arabien, Rumänien, Taiwan, Schweden und der Schweiz - im Iran wird ein noch laufendes Programm vermutet, das jüngst durch israelische und amerikanische Luftangriffe auf die Atomanlagen zurückgeworfen wurde. Südafrika hat seine sechs Atombomben 1991 vernichtet. Die Ukraine, Belarus und Kasachstan übergaben in den 90er Jahren ihre von der Sowjetunion “geerbten” Kernwaffen an Russland. Im Zweiten Weltkrieg hatten zudem auch das Deutsche Reich, Japan, die Sowjetunion, Kanada und Großbritannien eigene Kernwaffenprojekte verfolgt.

Die zerstörten Städte Hiroshima und Nagasaki wurden nach dem Krieg wiederaufgebaut, sind wieder wichtige Industriestandorte und ohne zusätzliche radioaktive Belastung - weil die Bomben in großer Höhe gezündet wurden. Die zwei japanischen Metropolen wurden zu Symbolen für die Schrecken eines Atomkrieges. Dort zeugen stehengelassene Ruinen als Mahnmale von dem Atombombeneinsatz. Jeweils zur Abwurfzeit läuten in beiden Städten alljährlich die Friedensglocken zur Erinnerung an den Tod von oben.

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