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Politik und Popkultur
80 Jahre Lügenbaron Münchhausen im Film

Autorin/Autor: Mathias J. Lange
, Stefan Preis

Der Film Münchhausen aus dem Jahre 1943 ist ein Klassiker des deutschen Kinos und wird dieses Jahr 80 Jahre alt. Die Hauptfigur ist der berühmte Baron Münchhausen. Von Regisseur Josef von Báky inszeniert, gilt er als eine der aufwändigsten Produktionen der deutschen Filmgeschichte. In dem Seminar Politik und Popkultur diskutieren die Referenten die historische Figur des Lügenbarons, das Drehbuch, die (restaurierten) Fassungen und die Neuverfilmung aus dem Jahr 1988.

Münchhausen war der bis dato teuerste Unterhaltungsfilm des Filmkonzerns Ufa. Das Großprojekt glänzte mit neuer Farbtechnik, beindruckenden Trickaufnahmen und einer hochkarätigen Besetzung.

Münchhausen war der bis dato teuerste Unterhaltungsfilm des Filmkonzerns Ufa. Das Großprojekt glänzte mit neuer Farbtechnik, beindruckenden Trickaufnahmen und einer hochkarätigen Besetzung.

IMAGO; IMAGO

Am 3. März 1943 kam es zur Premiere des Films Münchhausen im Berliner UFA Filmpalast. Das als Leistungsschau angelegte Großprojekt glänzte mit neuer Farbtechnik, mit beeindruckenden Trickaufnahmen und einer hochkarätigen Besetzung. Anlässlich des 80jährigen Jubiläums des Films führte die HSS im Rahmen von der Online-Veranstaltungsreihe Popkultur ein Seminar mit Stefan Preis und Matthias J. Lange (redaktion42) durch.

1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, ließ Propagandaminister Joseph Goebbels den bis dato teuersten Unterhaltungsfilm der Nazi-Zeit drehen. Vier Wochen nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad, 14 Tage nach Goebbels Sportpalast Rede zum „totalen Krieg“, zeigte die Premiere des Films ein trügerisches Bild von Normalität inmitten des beginnenden Zusammenbruchs. Der Film sollte 1943 zum 25-jährigen Jubiläum des Filmkonzerns Ufa die Leistungskraft des deutschen Kinos bezeugen. Bis heute wird diskutiert, ob der Film auch subtile Kritik am NS-Staat enthielt.

Erich Kästner schrieb das Drehbuch zu dem Film

Propagandaminister Goebbels hatte das übliche Kostenlimit aufgehoben und eine Sondergenehmigung erteilt, damit ein erstklassiger, aber offiziell verbotener Autor das Drehbuch schreiben konnte: Erich Kästner. Er schrieb nach dem Krieg „Man trat damals an mich heran, für das 25-jährige Jubiläum der Ufa einen Jubiläumsfilm zu schreiben, [also] schlug ich Münchhausen vor. Und es war ja auch sehr gut, dass ich mal wieder ein Angebot hatte, denn vom Nägelkauen kann der Mensch nicht leben.

Dabei standen Kästners Bücher auf der Liste der 1933 verbrannten Bücher: Am 10. Mai 1933 warfen bei der zentralen Veranstaltung in Berlin nationalsozialistische Studenten und Professoren sowie ihre Sympathisanten auf dem Opernplatz in Berlin eine große Anzahl von Büchern ins Feuer. Erich Kästner, einer der geächteten Autoren, schaute sich die Verbrennung in Berlin persönlich an. Er schreibt später: "Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen."

Goebbels schätzte jedoch Kästners Gedichte, und gute Filmautoren waren rar, nachdem die Nationalsozialisten die besten außer Landes getrieben hatten. Der NS-Propagandaminister wollte einen Film, der Hollywood Paroli und zugleich der Bevölkerung Ablenkung vom Krieg bieten sollte.

Erich Kästner, eigentlich ein bekannter Gegner des NS-Staates, schrieb das Drehbuch für den Film. Filmexperten mutmaßen, dass er in seinen Dialogen versteckte Kritik am Regime einfügte.

Erich Kästner, eigentlich ein bekannter Gegner des NS-Staates, schrieb das Drehbuch für den Film. Filmexperten mutmaßen, dass er in seinen Dialogen versteckte Kritik am Regime einfügte.

WIKIMEDIA COMMONS; WIKIMEDIA COMMONS

Im Film fand sich auch versteckte Kritik 

Aber Kästner hatte im Drehbuch auch Kritik am NS-Regime untergebracht. Als Schlüsselszene gilt ein Dialog, in dem der zwielichtige Graf Cagliostro Münchhausen für seine Eroberungspläne gewinnen will: „Wenn wir erst Kurland haben, pflücken wir Polen. Dann werden wir König“ erklärt er dem Lügenbaron, der darauf antwortet: „In einem werden wir zwei uns nie verstehen. Sie wollen herrschen, ich will leben. Abenteuer, Krieg, fremde Länder, schöne Frauen, ich brauche das alles. Sie aber missbrauchen es.“ Man kann dahinter eine direkte Kritik an die Eroberungspolitik NS-Deutschlands sehen, doch der verschlagene, Wucherzinsen nehmende Cagliostro trägt ebenfalls deutlich antisemitische Züge. Ihn verkörpert außerdem Ferdinand Marian, der die Titelrolle im antisemitischen Hetzfilm „Jud Süß“ gespielt hatte.

Als direkte Anspielung auf den Gestapo-Terror wird oft jene Szene angeführt, in der Casanova Münchhausen in Venedig vor der Verfolgung warnt: „Venedig ist im Karneval ein gutes Versteck, seien Sie aber trotzdem vorsichtig. Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme, und sie hat die Macht, Recht und Unrecht zu tun, ganz wie es ihr beliebt.“

In einer weiteren Szene philosophiert Münchhausen über eine Billardkugel. Sie werde gestoßen und wisse gar nicht, wie es mit ihr geschieht. Dies kann man mit der gleichen Einstellung vergleichen wie diejenige der Menschen, die fatalistisch und ohnmächtig einfach nur noch versucht haben, im nationalsozialistischen Deutschland durchzukommen.

Der Film endet mit der Reise zum Mond. Ein Jahr dauert auf dem Mond nur ein Tag. Somit wäre auf dem Mond ein tausendjähriges Reich schon nach knapp drei Jahren beendet. Dadurch zeigte der Film, dass auch das Dritte Reich irgendwann vorübergehen würde.

Die Farben des Films

Über die neutrale Schweiz waren Technicolor-Kopien von „Gone with the Wind“ (1939) und „The Thief of Baghdad“ (1940) organisiert worden, um das Team um Regisseur Josef von Baky zu inspirieren. Diesen Einfluss sieht man dem Münchhausen-Film deutlich an: Der Film wurde in Zusammenarbeit der Murnau Stiftung und Arri München aufwändig digital in 4K restauriert. Dank der Farbberatung durch Professorin Dr. Barbara Flückiger von der Universität Zürich wurde sichergestellt, dass der Film nicht modern, sondern moderat in den damaligen Farbwerten restauriert wurde. Während das bis dahin übliche sogenannten dreistreifige Technicolor Verfahren aus den USA eher bunt war, konnte das neu entwickelte Agfacolor (Farbenfilm genannt) mit pastelligen Tönen mehr Natürlichkeit und einfachere Kameras sicherstellen.