Die Alliierten vor den Toren
Der Weltkrieg in Bayern
Das nach mehreren Luftangriffen weitgehend eingeäscherte Würzburg 1945, in der Mitte der St. Kiliansdom. Es wurde 1945 sogar erwogen, die Stadt wegen der großflächigen Zerstörungen ganz aufzugeben.
Heritage Images; ©HSS; imago
Bellum ante portas - der Krieg stand früh auch vor den bayerischen Toren. Nicht nur durch die zahlreichen getöteten und verletzten Soldaten seit dem 1. September 1939.
Angriffe aus der Luft
Bereits am 10. März 1940 sichtete man erstmals britische Flieger über München, die Leuchtbomben abwarfen – ohne Schäden oder Opfer. Im Juni 1940 forderte ein Luftangriff auf das BMW-Werk in Allach die ersten Verletzten, der erste schwere Angriff vom 19. September 1942 dann schon 149 Tote und 413 Verletzte. Bis Kriegsende starben bei insgesamt 74 Angriffen 6632 Menschen allein in München. Die Frauenkirche wird mehrmals getroffen, auch Pinakothek, Justizpalast und Hauptbahnhof erhalten schwere Treffer.
Zweiter Weltkrieg: Eine Öltankexplosion im Hafen von Deggendorf nach einem Luftangriff am 20. April 1945. Dabei wurde der Hafen und die Sirius-Werke in zwei Bombenangriffen auf die Öl-Depots zu großen Teilen zerstört.
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Flotten mit mehreren Hundert Bombern konnten ganze Stadtkerne in kurzer Zeit vernichten. Die Hitze des Angriffs am 16. März 1945 auf Würzburg verband die oft von Phosphorbomben verursachten Brandherde zu einer 2000 Grad heißen, orkanartigen Feuerwalze, die gerade mal sieben Häuser der Kernstadt unversehrt ließ. Auch die Kugellager-Fabriken in Schweinfurt, Rüstungswerke in Augsburg, Bayreuth und Nürnberg, Bahnhöfe in Bamberg und Ansbach oder die Messerschmitt-Flugzeugindustrie in Regensburg waren Ziele. Die damals noch zu Bayern gehörenden Städte Ludwigshafen und Kaiserslautern traf es ebenfalls schwer. Ab 1943 rückten auch Dörfer ins Visier: Am 9. April 1945 fielen beispielsweise 2100 Bomben auf das kleine Geretsried und die dortige Munitionsfabrik der Dynamit AG. Am 18. April 1945 starben in Erding bei einer Attacke 144 Menschen – versehentlich, denn das eigentliche Ziel war der Freisinger Rangierbahnhof.
Alltag im Krieg
Sirenengeheul, der Lauf in die Luftschutzkeller, Scheinwerfer am Nachthimmel, das Donnern der Flugabwehr, Schutt, rauchende Trümmer, gefährliche Zeitzünder-Bomben, das Schreien und Wimmern von verwundeten und sterbenden Menschen, das war beinahe Alltag auch in Bayern. Die Toten wurden in Massengräbern beerdigt. Zur lebensgefährlichen Räumung von Blindgängern wurden KZ-Häftlinge herangezogen, abgestürzte alliierte Flieger teils von wütenden Bürgern gelyncht. Zudem musste das Land insgesamt 678.000 Evakuierte und Ausgebombte aus anderen Reichsgebieten aufnehmen.
Häftlinge bei der Zwangsarbeit im Steinbruch des KZ Flossenbürg. Ein Foto der SS, entstanden um 1942.
Niederländisches Institut für Kriegsdokumentation; ©HSS; Gedenkstätte Flossenbürg
Der Krieg zeigte sich aber auch anders: Zehntausende Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge arbeiteten für alle sichtbar auf den Feldern, in Steinbrüchen, Fabriken, Gasthäusern, Privathaushalten, bei der Bahn und Friseuren, untergebracht allein in München an über 400 Standorten wie etwa der Waldwirtschaft.
40 Tage Alpenfestung
Die Amerikaner fürchteten die von den Nazis propagierte „Alpenfestung“ – tatsächlich ein Fantasieprodukt. Diese Furcht machte Bayern dennoch zum Schlachtfeld, weil sich die US-Armee statt nach Berlin Richtung Berge wandte. Am 25. März 1945 betraten alliierte Truppen bei Aschaffenburg bayerischen Boden – nimmt man die damals noch bayerische Pfalz aus. Es dauerte nur rund 40 Tage, bis sie auch Hitlers Berghof bei Berchtesgaden eroberten.
Die Ruinen von Nürnberg 1945. Die symbolträchtige Stadt der Reichsparteitage war erheblichen britischen und amerikanischen Bombenangriffen ausgesetzt, die den größten Teil der Altstadt zerstörten. Als großes Industriezentrum war Nürnberg außerdem vorrangiges Ziel.
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Aber der Anfang verlief zäh. So ergab sich das zur Festung erklärte Aschaffenburg erst eine Woche später. Nürnberg, "Stadt der Reichsparteitage", fiel mit seinem fanatischen Gauleiter Karl Holz erst nach fünf Tagen erbittertem Häuserkampf am 20. April, dem letzten "Führergeburtstag". Gesprengte Brücken wie in Würzburg, Regensburg, Nürnberg oder später bei Landsberg, Schongau oder Gmund am Tegernsee behinderten das Vorrücken der Alliierten. Fanatische SS-Truppen, Heckenschützen, Hitlerjugend mit Panzerfäusten und meist weniger begeisterter „Volkssturm“ sorgten für sinnlose, aber schwere Ruinenkämpfe, etwa bei Kronach, Hammelburg, Leutershausen, Crailsheim, Miesbach oder Oberammergau. Vereinzelt konnten Verantwortliche die kampflose Übergabe von Kommunen und Brücken aushandeln, andere wurden dafür noch von NS-Schergen hingerichtet. Auch der Versuch, an Donau und Iller eine neue Front zu errichten, scheiterte kläglich durch das frühzeitige Übersetzen der Amerikaner bei Dillingen am 22. April. Der im oberpfälzischen Cham 1959 gedrehte Film „Die Brücke“ zeigt den Wahnsinn dieser letzten Tage.
Das Ende
Dann ging es schnell: Am 26. April erreichten die GIs Regensburg, am 28. April Augsburg, am 1. Mai Landshut, am 2. Mai Passau und Rosenheim, am 4. Mai Berchtesgaden und den Obersalzberg. Die Völkerwanderung von Soldaten, Kriegsgefangenen und Flüchtlingen beschrieb der Riedener Pfarrer Johann Huber: „Deutsche Soldaten aller Dienstgrade traben zu Fuß auf der Straße, Offiziere mit dem Bündel auf dem Rücken. Auf Fahrrädern, Motorrädern bahnen sich die höchsten Offiziere der geschlagenen, flüchtenden Wehrmacht irgendwohin den Weg. Auf holzgasgefahrenen, gegen Fliegersicht mit Tannengrün und Spreubündeln getarnten Lastwagen kommen die Reste der stolzen Wehrmacht, fahren dem Ende zu. In Luxuswagen mit eingeschlagenen Fenstern eilen hohe Parteileute vom Norden nach dem Süden. (…) Am Rande der Straße liegen oder hocken in den unmöglichsten Stellungen Rastende. Feuer brennen in den Wäldern. Da wird abgekocht. Wenn einer noch was hat. Die Bauern neben der Straße sind nicht zu beneiden.“ (Quelle hier) Huber beschrieb auch alliierte Tieffliegerangriffe, etwa auf einen Flüchtlingszug aus Wien. „(Die Kinder) wissen noch nicht, dass ihre Mutter tot ist. Ich muss es ihnen sagen. Es ist herzzerreißend. (…) In wehem Schmerz fallen die zwei größeren Mädchen sich in die Arme.“
Waffenfabrik in Augsburg 1936. Dort wurden Panzer I bei M.A.N. (Motorenwerke Augsburg bei Nürnberg) zusammengebaut, weshalb die Stadt auch zum Ziel alliierter Bomberflotten im Krieg wurde.
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Am 27. April begann die „Freiheits- und Aufbau-Aktion Bayern“ unter Hauptmann Rupprecht Gerngroß, der über den Sender Freimann zur Befreiung Bayerns aufrief. Die NS-Führung schlug den Aufstand brutal nieder – allein in Penzberg ermordeten Fanatiker 16 Einheimische. Und doch: Der Widerstand rettete Leben: Mehrere tausend KZ-Häftlinge waren auf dem „Todesmarsch“ vom KZ Dachau nach Südtirol. Als die SS-Bewacher eines Teils davon im Radio den Aufruf hörten, machten sie sich aus dem Staub. Viele Häftlinge dürften nur deshalb überlebt haben. München hat nach dem Krieg einen Platz in Schwabing zur Ehre der FAB in "Münchner Freiheit" umbenannt.
Auch in München rückten die Alliierten am 30. April weitgehend friedlich ein, obwohl der zuständige Oberkommandierende der Wehrmacht, Feldmarschall Albert Kesselring, noch den „Kampf bis zur letzten Patrone“ angeordnet und Bayerns Ministerpräsident Paul Giesler die Sprengung der Isarbrücken vorbereitet hatte. Gauleiter Giesler, der von Hitler noch als Nachfolger des Münchners Heinrich Himmler zum Reichsinnenminister ernannt wurde, tötete sich Anfang Mai selbst. Der Massenmörder Himmler selbst geriet am 21. Mai in britische Kriegsgefangenschaft, in der er sich zwei Tage später mit einer Zyankali-Kapsel das Leben nahm. Sein bayerischer Handlanger, Gestapo-Chef Heinrich Müller, starb wahrscheinlich Anfang Mai in Berlin beim Ausbruchsversuch.
München in Trümmern. Der Blick vom Odeonsplatz mit der Feldherrnhalle in die Theatinerstrasse und auf die stark beschädigte Frauenkirche am 4.Juli 1945.
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Das Oberland zählte zu den letzten Kriegsschauplätzen, viele bis dahin verschonte Dörfer wurden noch zerstört. So wurde am 30. April Mittenwald von US-Artillerie bombardiert. Am gleichen Tag befreite die Wehrmacht in Niederdorf (Südtirol) 139 sogenannte „Sippen- und Sonderhäftlinge“ aus den Fängen der SS (Infos hier), darunter Mitglieder der Familie Wittelsbach, der seit 1943 inhaftierte spätere CSU-Mitgründer Josef Müller sowie zahlreiche Angehörige der Widerständler des 20. Juli 1944 (Infos hier).
Am 6. Mai 1945 schwiegen in Bayern die Waffen.
Nach dem Krieg
„Ganze Berge von Granathülsen liegen umher. (…) Zäune und Bäume sind umgefahren. Gärten und Felder zermalmt von den Panzerketten“, beschrieb der Riedener Pfarrer Huber das Kriegsende in seinem Ort. Zurückgelassene Wehrmachtswaffen töteten noch etliche Kinder, die damit spielten. In vielen Orten verteilten US-Soldaten Süßigkeiten an die Kinder, andere waren weniger freundlich. Es gab Verhaftungen, teils Übergriffe, darunter auch Vergewaltigungen. Ausgangsverbote wurden verhängt. Häuser und Geschäfte wurden durchsucht, teils beschlagnahmt und geplündert, nicht nur von GIs, auch von freigelassenen Häftlingen.
Amerikanische Soldaten mit ihren Jeeps vor dem Gipfel des "Hochkalter" bei Berchtesgaden nahe Hitlers Berghof 1945. Ein Foto der 101. US-Luftlandedivision, die schon am D-Day in der Normandie und während der Ardennenoffensive 1944 zum Einsatz kam.
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Für die kriegsmüde Bevölkerung begann der Kampf ums nächste Essen und die Räumung der Schäden. Trümmerfrauen, Hamsterfahrten, Schwarzmarkt, Kinderverschickung und Schuttbahnen, das sind die Schlagworte der folgenden Monate. Man musste zudem die Einquartierung von Flüchtlingen dulden. Zwei Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene kamen nach 1945 nach Bayern. Der Freistaat wurde der amerikanischen Besatzungszone zugeteilt, ausgenommen Lindau und die Pfalz. Schon am 25. Mai 1945 ernannte die Militärregierung den früheren Vorsitzenden der Bayerischen Volkspartei, Fritz Schäffer, zum Ministerpräsidenten.
Die Bilanz des Schreckens
320.400 bayerische Soldaten starben im Zweiten Weltkrieg. Zehntausende weitere wurden verletzt, verstümmelt oder blieben vermisst. Dazu starben in den Jahren bis 1955 auch Tausende bayerische Kriegsgefangene. In ganz Bayern gab es nur durch den Luftkrieg mehr als 33.000 zivile Opfer, dazu auch Zehntausende Opfer des Naziterrors in den KZs – besonders jüdische Bayern. Zu den am stärksten zerstörten Städten zählten Würzburg (74,7 Prozent zerstörter Wohnraum), Nürnberg (49,3 Prozent) und Aschaffenburg (37,9 Prozent). Aber auch einige kleinere Städte wie Donauwörth (75 Prozent), Schwandorf (73 Prozent) oder Neu-Ulm (38 Prozent) waren gezeichnet. Relativ unversehrt blieben neben vielen ländlichen Gebieten vor allem Regensburg und Bamberg.
Bis heute werden noch Blindgänger der Fliegerbomben in Bayern gefunden - 2023 waren es noch 25, dazu weitere Kampfmittel wie Granaten oder Panzerfäuste. Gedenktafeln, Stolpersteine und KZ-Gedenkstätten erinnern an die Zeit des Krieges und des NS-Terrors. In einigen Städten läuten alljährlich Kirchenglocken an den einstigen Tagen des Schreckens, so jeden 16. März in Würzburg für die Dauer des Bombenangriffs 1945: 17 Minuten.
Verwendete Quellen: https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-59068120.pdf
Die Häftlinge des KZ Dachau jubeln bei ihrer Befreiung durch die US-Armee am 29. April 1945. Dachau war eines der berüchtigtsten und zugleich das erste Konzentrationslager der Nazis überhaupt, es diente auch als Schulungslager für die SS-Wachmannschaften. Den GIs bot sich ein Bild des Schreckens: Tausende ausgemergelte Leichen lagen bis fast unter das Dach gestapelt und warteten auf ihre Einäscherung.
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