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80 Jahre Kriegsende
Die Befreiung

Autorin/Autor: Dr. Michael Hahn

Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa am 8. Mai 1945 markierte nicht nur das endgültige Ende der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten, sondern es läutete den Wandel unseres Landes ein, hin zu einer stabilen und geschichtsbewussten Demokratie. In diesem Jahr jährt sich das Ende des schrecklichsten Konflikts der Weltgeschichte in Europa zum 80. Mal – es wurde erst verzögert als Initialzündung des modernen Deutschland verstanden.

 

Die "Trümmerfrauen" waren nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich am Wiederaufbau zerstörter Städte beteiligt. Sie stehen symbolisch für den Neuanfang Deutschlands.

Die "Trümmerfrauen" waren nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich am Wiederaufbau zerstörter Städte beteiligt. Sie stehen symbolisch für den Neuanfang Deutschlands.

© Panthermedia/Imago

In den Abgrund

Anfang 1945 lag Deutschland in Ruinen. Millionen Menschen hatten ihr Leben gelassen, als Soldaten an der Front, bei den Bombardierungen der Städte oder als Opfer des nationalsozialistischen Verbrecherregimes. Millionen weitere waren auf der Flucht oder hausten in den Trümmern ausgebombter Städte. Der Schrecken, den die Nationalsozialisten seitdem in Europa verbreitet hatten, war auf Deutschland selbst zurückgefallen. Teils blutjunge Soldaten lieferten sich die letzte Schlacht des Krieges in Europa mit sowjetischen Truppen – ein sinnloses Opfer auf dem Altar einer sterbenden Diktatur. Adolf Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 markierte den endgültigen Zusammenbruch. Kurz darauf, am 7. Mai, unterzeichnete Deutschland in Reims die bedingungslose Kapitulation gegenüber den Westalliierten, die einen Tag später in Kraft trat. Es folgte eine zweite Kapitulationserklärung in der Nacht zum 9. Mai im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin. In Asien dauerte der Krieg noch an – erst die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki führten zur Kapitulation des japanischen Kaiserreichs am 15. August. Das Kriegsende in Europa bedeutete für die Deutschen die Befreiung von Diktatur und die Aussicht auf Freiheit. Doch die Ausgangslage war verheerend. Das zerstörte Land sah einer ungewissen Zukunft unter alliierter Besatzung entgegen.

Spaltung und Ernüchterung

Die Sieger teilten Deutschland in vier Besatzungszonen auf, ein Fortbestehen der Strukturen des Nazi-Staates sollte unbedingt verhindert werden. Der Westen wurde von den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich und Frankreich verwaltet. Der Osten fiel unter die Kontrolle der Sowjetunion – eine für die deutsche Geschichte schicksalhafte Entwicklung. Große Gebiete im Osten wurden zudem an Polen und die Sowjetunion abgetreten, was zur Vertreibung von Millionen führte. Nahrungsmittelknappheit und zerstörte Infrastruktur bedingten für die Menschen in Deutschland zudem immense Härten in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dazu kam die nun beginnende Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Die Nürnberger Prozesse zwischen 1945 und 1946 sollten die Nazi-Größen zur Rechenschaft ziehen und die Gräueltaten des Holocaust und der Kriegsverbrechen aufdecken. Für viele Deutsche führten diese Enthüllungen zu einer schmerzhaften Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung zu den im Dritten Reich begangenen Verbrechen – und nicht selten zu Totschweigen oder Verschleiern der persönlichen Vergangenheit.

In den Jahren nach dem Krieg wurde Deutschland zum Brennpunkt des ideologischen Kampfes zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion, der 1949 mit der Gründung zweier getrennter Staaten offiziell wurde: Die Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszonen und die Deutsche Demokratische Republik im sowjetischen Sektor. Der Eiserne Vorhang trennte die Deutschen. Symbolischen Charakter hatte das Kriegsende für das neue, demokratische Deutschland von Beginn an: Das Grundgesetz der Bundesrepublik wurde am 8. Mai 1949 verabschiedet, genau vier Jahre nach der Kapitulation – ein Datum, das nicht unumstritten war, denn für viele Zeitgenossen war das Kriegsende eben kein Neubeginn, sondern wurde als eine schmerzliche Niederlage empfunden.

Der deutsche Lazarus

Doch was folgte, war die wirtschaftliche und politische Auferstehung. Die Erneuerung der zerstörten Infrastruktur, die diplomatische Anbindung der Bundesrepublik an die Westmächte sowie großzügige Aufbauhilfen durch die neuen Verbündeten, besonders die USA, bedingten ein deutsches Wirtschaftswunder. Das Grundgesetz – entstanden außerhalb der durch den Krieg zerstörten Städte in der oberbayerischen Abgeschiedenheit – erwies sich als äußerst widerstandsfähige demokratische Verfassung. Deutschland wurde Innovationsmotor und politischer Stabilitätsfaktor in Europa, ein bemerkenswerter Wandel. Und langsam veränderte sich nun auch die Wahrnehmung des 8. Mai 1945. Nicht mehr als Zusammenbruch, sondern als Erneuerung wurde das Kriegsende zunehmend gesehen, eine Haltung, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 im Deutschen Bundestag auf den Punkt brachte: Er sprach vom 8. Mai als "Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System nationalsozialistischer Gewaltherrschaft". Mit der Wiedervereinigung konnte schließlich auch die Spaltung Deutschlands als unmittelbare Folge der Kriegsniederlage überwunden werden.

Geschichtsbewusstsein als Stärke

Das Gedenken an den 8. Mai 1945 ist deshalb kein Schuldkult, wie zuweilen behauptet wird – ganz im Gegenteil. Erinnerungskultur und Geschichtsbewusstsein sind große Stärken einer selbstbewussten Demokratie und eine einzigartige Leistung der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Am 80. Jahrestag des Endes des Krieges in Europa erinnern wir an vergangenes Leid, überwundene Hürden und aufkeimende Hoffnung: Wir denken an die Gefahren des Autoritarismus, an den Wert der Demokratie und an die anhaltende Notwendigkeit, Frieden und Freiheit wachsam zu bewahren. Aus Ruinen entstand ein Wirtschaftswunder, aus Kriegsgegnern wurden Verbündete, politische Spaltung wurde zu Einheit und das Totschweigen von Verbrechen wich der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. 

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Leiter: Dr. Michael Hahn
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