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Neue Studie: Russlands militärisches, paramilitärisches und kriminelles Engagement in Afrika
Die Grauzone

In Afrika ist die Haltung gegenüber dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine gespalten. Die Gründe hierfür sind vielfältig, länderspezifisch unterschiedlich und auch auf Doppelstandards des Westens zurückzuführen. Der Einfluss des Kremls erwächst vor allem aus der Versorgung des Kontinents mit Waffen, der historischen Nähe einiger afrikanischer Nationen zur ehemaligen Sowjetunion, aber auch aus den Aktivitäten der „Wagner-Gruppe“, die systematisch anti-westliche Ressentiments ausnutzt. Die Wagner-Gruppe stützt Autokraten mit Söldnern und vertritt private aber auch nationale russische Interessen vor Ort - politisch, militärisch und wirtschaftlich.

Gemeinsam mit der Global Initiative against Transnational Organized Crime (GI-TOC) veröffentlichte die Hanns-Seidel-Stiftung eine neue Studie auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Unter dem Titel: „Die Grauzone: Russlands militärisches, paramilitärisches und kriminelles Engagement in Afrika“ wirft die Studie einen genauen Blick auf die Machenschaften der Wagner-Gruppe.

Bewaffnete und maskierte Männer auf einer Straße in einer afrikanischen Stadt.

Die Söldner der Gruppe Wagner wurden offiziell in fünf Länder Afrikas entsandt: in den Sudan, die Zentralafrikanische Republik, nach Libyen, Mosambik und nach Mali. Mit der Regierung von Burkina Faso wird über einen Einsatz verhandelt.

GI-TOC; ©HSS

Die Gruppe Wagner

Die Wagner-Gruppe hat sich schnell zum effektivsten Mittel entwickelt, den russischen Einfluss in Afrika auszubauen. Seit ihrer ersten dokumentierten militärischen Präsenz auf dem Kontinent Ende 2017 hat die paramilitärische Söldnergruppe aggressiv expandiert. Unser Repräsentant in Südafrika, Hanns Bühler, macht deutlich: „Bisher wurden Söldner von Wagner zwar offiziell nur in fünf afrikanische Länder entsandt, konkret: Sudan, Zentralafrikanische Republik, Libyen, Mosambik und Mali. Derzeit soll Wagner auch in Verhandlungen mit der Regierung von Burkina Faso stehen. Nur in Mosambik konnte Wagner keine militärischen Erfolge gegen die Aufständischen in der Nordprovinz, Cabo Delgado, erzielen, sodass die Söldner das Land nach kurzem Einsatz wieder verlassen mussten. Wagner ist jedoch weit mehr als nur eine Söldnertruppe. Tatsächlich handelt es sich um ein Firmenkonglomerat, das politische, wirtschaftliche und militärische Interessen vertritt. Diese Firmennetzwerke sind in der einen oder anderen Weise bereits in mehr als einem Dutzend afrikanischer Länder aktiv.“ Die Wagner-Gruppe wird von einem engen Verbündeten Wladimir Putins, Jewgeni Prigoschin, kontrolliert und unterhält eine für beide Seiten offenbar vorteilhafte Beziehung zum russischen Staat.

Die von der Global Initiative against Transnational Organized Crime formulierte und von der HSS unterstützte Studie analysiert sowohl die Aktivitäten als auch die Strategie der Wagner-Gruppe in Afrika. Die Wagner-Gruppe ist eine einzigartige Organisation, was Umfang und Ausmaß ihrer Operationen sowie ihre Risikobereitschaft angeht. „Dieser Bericht versucht zu zeigen, dass Wagner nicht in einem Vakuum entstanden ist“, so Julian Rademeyer, einer der Autoren von der GI-TOC. „Aktivitäten und Merkmale der Gruppe spiegeln allgemeinere Trends in der Entstehung und Entwicklung der russischen Oligarchie und organisierten Kriminalität und der Beziehungen der jeweiligen Gruppen zum russischen Staat und ihrer Aktivitäten in Afrika wider. Die Studie versucht, die Wagner-Söldner in diesen breiteren Kontext einzuordnen“.

Der Söldnerfirma wird vorgeworfen, ihre Ziele mit allen Mitteln, einschließlich krimineller Machenschaften, zu verfolgen: von willkürlichem Einsatz von Gewalt gegenüber Zivilisten über Desinformationskampagnen und Wahlmanipulation bis hin zum Schmuggel von Bodenschätzen wie Gold und Diamanten in großem Stil. Wagner operiert in einer Grauzone, die sowohl legale als auch illegale Wirtschaftszweige umfasst.

Volumen der Waffenimporte von Russland nach Afrika zwischen 2000 und 2021; die Grafik zeigt auch die Anzahl der militärischen Abkommen und Nuklearvereinbarungen.

Volumen der Waffenimporte von Russland nach Afrika zwischen 2000 und 2021; die Grafik zeigt auch die Anzahl der militärischen Abkommen und Nuklearvereinbarungen.

Kriminelles Netzwerk mit guten Kontakten

Einige der Charakteristika der Organisation - ihre Betätigung sowohl in der legalen als auch in der illegalen Wirtschaft, ihre Operationen im militärischen und sicherheitspolitischen Bereich und ihre Verbindungen zur russischen Politik - entsprechen denen anderer organisierter krimineller russischer Netzwerke, die in den vergangenen Jahrzehnten in Afrika aktiv waren.

In ähnlicher Weise verkörpern die Wagner-Gruppe und ihr Anführer Prigoschin die symbiotische Beziehung zwischen den politisch vernetzten Geschäftsleuten Russlands und dem Staat. Insbesondere bei ihrem Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik scheinen das politische, diplomatische und militärische Engagement des russischen Staates und die Aktivitäten der Wagner-Gruppe Hand in Hand zu gehen.

Es scheint, als wolle Wagner in neue Regionen in Afrika expandieren, auch wenn immer größere Teile der Truppe zur Unterstützung des anhaltenden russischen Krieges in der Ukraine herangezogen werden. „Während der Fokus der internationalen Staatengemeinschaft auf der Sahel-Region liegt, wo Wagner zunehmend Einfluss gewinnt und Pressemitteilungen zufolge auch Richtung Burkina Faso seine Zusammenarbeit ausweitet, wäre es ein strategischer Fehler, nicht zu erkennen, dass Wagner bereits neue Zielländer wie Kamerun, Madagaskar und die Demokratische Republik Kongo im Fokus hat“, erklärt Hanns Bühler. „Der Westen sollte gerade mit diesen Ländern die strategische Zusammenarbeit verstärken und gleichzeitig das Sanktionsregime für das Wagner-Konglomerat ausweiten“.

Die Wagner-Gruppe ist weit mehr als nur eine Söldnertruppe. Sie vertritt politische, wirtschaftliche und militärische Interessen und gilt in einigen Ländern als verlängerter Arm des Kremls.

Die Wagner-Gruppe ist weit mehr als nur eine Söldnertruppe. Sie vertritt politische, wirtschaftliche und militärische Interessen und gilt in einigen Ländern als verlängerter Arm des Kremls.

Empfehlungen an die Politik

Die Wagner-Söldner spielen bei der Förderung des politischen Einflusses Russlands in Afrika eine zentrale Rolle. In einer Zeit, in der das Land durch westliche Sanktionen immer weiter isoliert ist, hat der afrikanische Kontinent sowohl wirtschaftlich als auch politisch an strategischer Bedeutung für Russland gewonnen. Gleichzeitig werden geopolitische Machtrivalitäten auf dem Kontinent ausgetragen.

Angesichts der zersetzenden Wirkung, die Wagners Aktivitäten auf Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Afrika haben, stellt die Gruppe ein erhebliches Risiko für die Stabilität auf dem Kontinent dar.

Die Studie enthält praktische Empfehlungen, wie dem schädlichen Einfluss Wagners entgegengewirkt und Rechenschaftspflicht, Sicherheit und Menschenrechte in Afrika gestärkt werden können. In diesem Zusammenhang machte Markus Ferber, MdEP, Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, bei der Münchner Sicherheitskonferenz deutlich: „Afrika wird für Europa immer wichtiger und das muss sich nicht nur in der Rhetorik, sondern vor allem auch im politischen Willen und strategischen Projekten vor Ort spiegeln“, so der Europapolitiker. „Dabei sollten die Länder, die gerade jetzt von Wagner ins Visier genommen werden, von Europa Angebote zur engeren Zusammenarbeit vorgelegt bekommen. Dabei sollten die EU und ihre Mitgliedsstaaten die eigenen Interessen definieren und dann kontextspezifische Partnerschaften mit den Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union entwickeln. Gleichzeitig bedarf es dringend eines koordinierten Vorgehens gegen die unzähligen Desinformationskampagnen und Wahleinmischungen, die von Wagner gezielt zur Interessendurchsetzung eingesetzt werden. Im Unterschied zu Russland ist unsere Zusammenarbeit mit den wichtigen 54 Mitgliedsstaaten der AU entwicklungsorientiert und langfristig angelegt. Das wird sich langfristig auch auszahlen.“

Lesen Sie die Studie "The Grey Zone. Russia’s military, mercenary and criminal engagement in Africa" hier im Volltext oder als Executive Summary

Kontakt

: Dr. Susanne Luther
Leiterin
Institut für Internationale Zusammenarbeit
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