HSS Perspektive
Digitalisierung im Gesundheitswesen – Ein großer Schritt
Über den Autor: Prof. Dr. med. Hans Theiss ist Oberarzt und Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und internistische Intensivmedizin sowie Professor für Innere Medizin an der LMU mit Schwerpunkt Kardiologie. 2025 wurde er in den Bundestag gewählt.
Hans Theiss
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein unverzichtbarer Schritt, um die Behandlung der Patienten zu verbessern, eine höhere Kosteneffizienz zu erreichen, wichtige Prozesse zu beschleunigen und die Wissenschaft voranzubringen. Hier hat sich paradoxerweise die Covid-Pandemie als wichtiger „Treiber“ entpuppt: Seit der Pandemie sind breite Teile der Bevölkerung quer durch alle Altersschichten in der Lage, Videokonferenzen durchzuführen. Dies begünstigt natürlich digitale Formate des Arzt-Patienten-Kontaktes.
Wir sind damals daran gewöhnt worden, mit der Corona-Warn-App zu agieren, dort unsere Impfzertifikate hochzuladen und uns über eigene Expositionsrisiken zu informieren. Auch die Gesundheitsbehörden haben nolens volens die digitale Vernetzung und Verarbeitung von Daten schneller umsetzen müssen. Dies hat verschiedene überfällige Schritte in der Digitalisierung im medizinischen Bereich beschleunigt.
„Paradoxerweise hat sich die Covid-Pandemie als wichtiger „Treiber“ entpuppt.“
Elektronische Patientenakte
Die Elektronische Patientenakte war dringend notwendig. Heute können alle gesetzlich Versicherten sie freiwillig beantragen, die privaten Kassen ziehen nach. Bis zum 15. Januar 2025 sollen alle gesetzlich versicherten Patienten mit einer elektronischen Patientenakte ausgestattet werden, es sei denn, sie widersprechen (sogenanntes opt-out). Die Patienten können über ihre Daten jederzeit verfügen, das sorgt für Transparenz. Sie entscheiden selbst, welche Daten ein Arzt einsehen darf, und Krankenversicherungen können nicht einfach zugreifen. Nur der Patient hat Verfügungsgewalt über die zwei Schlüsselkomponenten Endgerät und Passwort.
Die elektronische Patientenakte führt zu weniger Doppeluntersuchungen und steigert somit die Kosteneffizienz. Außerdem sind beispielsweise im Falle eines Herzinfarktes, bei dem es um Minuten geht, alle relevanten Informationen sofort verfügbar und müssen nicht erst mühsam aus anderen Krankenhäusern oder Arztpraxen beschafft werden.
„Die Patienten entscheiden selbst, welche Daten ein Arzt einsehen darf, und Krankenversicherungen können nicht einfach zugreifen.“
Elektronisches Rezept
Anfang 2024 löste das elektronische Rezept die rosafarbenen Papierrezepte ab. Die Übertragung des Rezeptes von der Arztpraxis zur Apotheke findet verschlüsselt statt. Die Patienten können das Rezept dann über ihre Gesundheitskarte in der Apotheke einlösen. Es ist aber auch möglich, sich in der Arztpraxis einen Papierabholschein mit QR-Code ausdrucken zu lassen. Dies ist vor allem für ältere Patienten, die nicht so digital-affin sind wie die jüngere Generation, ein guter Weg. Auch die Übermittlung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen erfolgt mittlerweile digital, so dass die Übertragung schnell, sicher und effizient gelingt.
Gesundheits-Apps und Telemedizin
Eine andere spannende Entwicklung sind die Gesundheits-Apps, in der Fachterminologie Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) genannt, die es mittlerweile auch auf Rezept gibt. Diese unterstützen Patienten in ihrem Alltag bei verschiedensten Erkrankungen und können helfen, Arztbesuche zu reduzieren und die Behandlungseffektivität zu steigern.
Ein großer Schritt in der digitalen medizinischen Behandlung ist auch die Telemedizin. Das betrifft sowohl den Arzt-Patienten-Kontakt als auch die fachliche Abstimmung der Ärzte untereinander. Patienten müssen nicht mehr in jedem Fall persönlich zum Arzt und digitale Sprechstunden können per Video-Konferenz abgehalten werden, wenn keine zusätzlichen direkten Untersuchungen notwendig sind. Das ist gerade in Regionen mit geringer Arztdichte und weiten Wegstrecken sehr hilfreich.
Gleiches gilt für die digitale Abstimmung unter Ärzten: Wenn beispielsweise ein Patient mit akutem Schlaganfall in die Notaufnahme eines Krankenhauses ohne Schlaganfallspezialisten eingeliefert wird, können Computertomografie-Bilder von einem externen Radiologen ausgewertet werden, und über digitale Zuschaltung könnte ein externer Neurologe die Entscheidung über die weitere Therapie treffen. Das ist ein gewaltiger Sprung in der akuten Notfallmedizin.
„Die digitale Abstimmung unter Ärzten ist ein gewaltiger Sprung in der akuten Notfallmedizin.“
All diese Daten stellen einen immensen wissenschaftlichen Schatz dar. Es wäre ein Quantensprung für die Wissenschaft, wenn diese in großem Umfang – natürlich anonymisiert und sicher – genutzt werden könnten, um weitere Therapien für unsere Patienten zu entwickeln.
Erfahren Sie mehr über andere Perspektiven auf das Thema Digitalisierung in der aktuellen Ausgabe des politicus: „Next Level. Alles digital.”
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Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Internistische Intensivmedizin