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Fachforum Geisteswissenschaften
"Du sollst mit Gott nicht Demokratie machen"

Religiöse Themen, Symbole und Haltungen werden immer wieder zum Streitthema in unserer Gesellschaft. Wie verhalten sich also unsere Demokratie und die Religionen zueinander? Dieser Frage gingen Stipendiatinnen und Stipendiaten auf dem Fachforum Geisteswissenschaften nach.

„Religion und Demokratie“ war Thema des Fachforums Geisteswissenschaften 2017. Keine leichte Kost. So war auch Dr. Oliver Hidalgo von der Universität Regensburg mit dem Titel „Religion in der (säkularen) Demokratie – Wahlverwandtschaft oder Fremdkörper?“ der ideale Auftakt. In seinem sehr weit gefächerten Vortrag über die Komplexität der Beziehung von Religion und Demokratie konnte ein Einblick in die ideengeschichtliche Entwicklung gewonnen werden. Er führte von Thomas Hobbes, Baruch de Spinoza und Pierre Bayle über Alexis de Tocqueville bis zu Jürgen Habermas und Joseph Ratzinger, wobei sich immer wieder die Ambivalenz des Verhältnisses von Religion und Demokratie herausstellte. Da Religion nicht als rein funktionalistisch zu erfassen sei, so Hidalgo, fiele es schwer, einen unabhängigen Bereich der Politik gegenüber der Religion zu erfassen. Die an den Vortrag anschließende Diskussion wurde äußerst lebendig geführt.

Dr. Ertuğrul Şahin von der Universität Frankfurt verdeutlichte in seinem Vortrag „Religion und Demokratie – Diskurse der Politischen Theologie des Islam“, dass eine monolithische Perspektive auf den Islam als reduktionistisches, westliches Phantasma verstanden werden könne und zu Gunsten einer multiperspektivischen Sicht auf die verschieden Ausprägungen und historischen Entwicklungen des muslimischen Glaubens aufzugeben sei. 

Weiter ging es mit einem Blick auf einen orbis alter, auf die Religion im demokratischen Athen. Dr. Constanze Graml von der Ludwig-Maximilians-Universität München führte in das Thema „Religiöse Praxis in der attischen Demokratie zwischen Individuum und Kollektiv“ ein. Wichtig dabei war die Unterscheidung zwischen offiziellem Kult und der „personal religion“, das heißt, der Ausübung einer persönlichen kultischen Praxis. Die Referentin zeigte, dass das Zusammenleben in der attischen Demokratie nicht ohne die kultische Praxis zu denken war, da der Ritus das kulturelle Gedächtnis forme und somit auch gemeinschaftskonstituierende Qualitäten besitze.

Als Highlight angesetzt war die Podiumsdiskussion über die Arbeit religiöser Verbände in unserer Demokratie. Eingeladen waren Aaron Bruck, Kommunikationschef der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die Vorsitzende des Landesverbandes Bayern des Katholischen Deutschen Frauenbundes Dr. Elfriede Schießleder sowie Evrim Çelik vom Bund der alevitischen Jugendlichen in Deutschland e.V.. Die Podiumsdiskussion moderierte Ulrich Hofstätter. Neben allen Gemeinsamkeiten und für eine Podiumsdiskussion fast schon zu harmonischen Haltungen der eingeladenen Diskussionsteilnehmer stellten sich auch einige Unterschiede bezüglich des Grundverständnisses der Arbeit des eigenen Verbandes heraus. Während der Frauenbund ganz bewusst daran arbeitet, „Frauengeschichte“ zu schreiben, Mitglieder in hohe Positionen zu verhelfen, geht es den Aleviten momentan mehr darum, überhaupt erst in eine solche Stellung zu gelangen, die ihnen eine solche Wirkungsfähigkeit ermöglicht. Aaron Bruck berief sich darauf, dass religiöse Verbände sich aus der aktiven Politik herausnehmen sollten und die Religion eine Sache des privaten Bereiches sei.

Prof. Dr. Dr. Hans-Joachim Sander von der Universität Salzburg hielt den abschließenden Vortrag mit dem Titel „Nur wer Religion frei gibt, kann Demokratie wagen. Über die positive Relativierung von Macht und Wahrheit in einer offenen Gesellschaft“. Er stellte die These zur Diskussion, dass Religion nicht in eine Demokratie einzubinden sei, da es sich um eine Gegenmacht handle. „Wer Demokratie will“, so Sander, „muss Religionsfreiheit respektieren, je säkularer eine Gesellschaft ist, desto besser ist dies auch für eine Religion.“

Gregor Specht

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