Verein LichtBlick unterstützt bedürftige Senioren
Ein Licht für die Vergessenen
Ein Obdachloser sucht in einem Mülleimer nach Pfandflaschen.
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„Ich hab nicht mehr leben wollen. Ja, der Gedanke war da …“, den Satz bringt Lieselotte Pawlowsky nicht zu Ende, Tränen laufen über ihre Wange. Die 75-Jährige wischt sie weg. Pawlowsky gegenüber sitzt Hildegard Wieser, die in die Stille hinein zustimmend nickt. „Ich wollte auch nicht mehr leben, das ist noch gar nicht so lange her“, flüstert die 85-Jährige, „ich hatte auch Depressionen.“ Es sind Worte, die sitzen. Worte, die einen berühren und verstummen lassen. Worte, die einem noch lange in den Ohren nachhallen.
Wir sitzen an einem großen weißen Holztisch bei LichtBlick Seniorenhilfe im Münchner Stadtteil Au. Der Verein lebt von Spenden und unterstützt unverschuldet in Not geratene Senioren finanziell. Über 31.000 bedürftigen älteren Menschen hilft LichtBlick Seniorenhilfe – darunter 27.000 Senioren ein Leben lang - und gibt gleichzeitig neuen Mut und neuen Lebenswillen. „Schwerpunkt ist Oberbayern, Niederbayern und Münster sind nun auch dazugekommen“, erklärt Lydia Staltner, die vor 21 Jahren LichtBlick Seniorenhilfe ins Leben gerufen hat. Auslöser damals war eine alte Dame mit Buckel und Gehwagerl in der Au, die Sommer wie Winter selbst bei 30 Grad Hitze Wintermantel und Winterschuhe trug. „Die muss doch schwitzen, da muss doch irgendwas sein, dachte ich mir“, erinnert sie sich, „bis mir klar wurde: Sie hatte nichts anderes zum Anziehen.“ Da beschloss Staltner: „Für die oiden Leit mach i was.“ Heute, 21 Jahre später, unterstützt LichtBlick Seniorenhilfe allein in München rund 10.000 Seniorinnen und Senioren.
Wieder ein Stück Lebensfreude: Lieselotte Pawlowskys Wunsch wird erfüllt: ein Besuch im Tierpark
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Trotz Jahrzehnten Vollzeitarbeit kein Geld für Brot
Zwei davon erzählen uns heute ihre Geschichte. „Ich konnte mir nicht mal mehr Brot kaufen“, nach diesem Satz stockt die quirlige Hildegard Wieser kurz und blickt in ihre Teetasse. Dann fährt sie fort: „Ich war finanziell am Ende, mir ist es so dreckig gegangen.“ Und das, obwohl die Münchnerin seit ihrem 14. Lebensjahr immer Vollzeit gearbeitet hat. Mit 19 Jahren bekommt sie Sohn Werner, der Vater lässt sie im Stich. Später lernt sie ihren Mann kennen, sie bekommen Sohn Andreas. „Mein Mann ist jeden Abend von der Arbeit in die Wirtschaft, hat getrunken und mich geschlagen“, sagt Wieser mit fester Stimme.
Sie ist es, die den gesamten Haushalt schmeißt. „Wir hatten keine Waschmaschine und eine Kohlenheizung“, erinnert sie sich, „ich habe also jeden Tag Kohle in den vierten Stock geschleppt, dann den Kinderwagen, weil dieser nicht unten stehen durfte, dann die Kinder.“ Gearbeitet hat Hildegard Wieser damals schon lange, Vollzeit als Bürokauffrau unter anderem bei der Caritas. Die Kinder bringt sie in der Früh in die Krippe und holt sie nach acht Stunden wieder ab. „Ich weiß heute gar nicht mehr, wie ich das alles geschafft habe, wenn ich ehrlich bin.“ 1975 lässt sie sich scheiden, „endlich“. Nun ist sie mit den Söhnen allein. Wieser setzt sich aufrecht hin. Weil das Geld als Alleinerziehende knapp ist, arbeitet sie nachts schwarz bei einer Datenverarbeitungsfirma. „Das hab ich für die Kinder gemacht, von 20 Uhr bis Mitternacht drei Mal in der Woche und auch am Samstag und Sonntag.“ Gejammert habe sie nie. „Ich hab mich zammgrissen, es hilft ja nix.“
Schicksale, die sonst nicht gehört werden: Hildegard Wieser (l.) erzählt Susanne Hornberger, Leiterin der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung, warum sie von Altersarmut betroffen ist
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Mit der Rente wachsen die Sorgen
Selbst als sie schwer an Krebs erkrankt und 2010 ihr erster Sohn Werner plötzlich an Herzversagen stirbt, wird sie schwer gebeutelt, aber nicht umgehauen. Aufgrund der heftigen Krebs-Behandlung kann Wieser nicht mehr arbeiten und muss mit 52 Jahren in die Erwerbsunfähigkeits-Rente in Anspruch nehmen. Sie rappelt sich auf und schöpft als Tagesmutter wieder Kraft. „Ich habe mich um einen fünf Wochen alten Buben gekümmert, auch am Wochenende“, berichtet Wieser. Als Leandros zur Schule kommt, bringt sie ihn hin und holt ihn wieder ab. „Ich mag ihn sehr gerne, noch heute – Leandros ist schon 25 Jahre alt – wir sind ein Herz und eine Seele“, sagt sie und strahlt. Für die Betreuung erhält sie 150 Euro – die Rente ist etwas aufgebessert. Etwa acht Jahre lang betreut sie den Buben, doch dann geht es nicht mehr aus gesundheitlichen Gründen.
Mit der Rente wachsen die Sorgen, denn das Geld reicht vorne und hinten nicht. 1.200 Euro Rente erhält Wieser im Monat, davon muss sie allein für ihre Wohnung 840 Euro berappen. Als die Preise für Lebensmittel immer weiter steigen, geht es irgendwann nicht mehr. Sie ernährt sich von Suppe, Nudeln („die sind mir schon bald oben rausgekommen“), Kartoffeln („mit ihnen kann man viel machen“). Für Brot reicht es nicht mehr, sie ist am Ende, weiß nicht mehr weiter. Dann, vor acht Jahren, kommt die Münchnerin „über eine Bekannte“ zu LichtBlick Seniorenhilfe. Hildegard Wieser beginnt zu strahlen: „Jeder ist hier immer so freundlich, sonst würde mir das so schwerfallen, hierherzukommen.“ Tatsächlich fällt es vielen Betroffenen nicht leicht, durch die Tür in der Schweigerstraße 15 zu gehen, um bei den LichtBlick-Mitarbeitern um Unterstützung jeglicher Art zu bitten. Viele sehen das als Betteln oder Schnorren, die allermeisten schämen sich, denn sie haben in ihrem Leben jahrzehntelang gearbeitet. „Ich bin ja auch vom alten Schlag“, beschreibt sich Wieser. Doch heute ist sie unendlich froh, dass sie den Schritt hierher gewagt hat, „ich bin noch nie abgelehnt worden“. Und zählt auf, welche Unterstützung sie von LichtBlick Seniorenhilfe bereits erhalten hat in den acht Jahren: Eine neue Waschmaschine, eine neue Matratze, einen Kühlschrank, immer mal wieder Lebensmittelscheine „und vor zwei Wochen erst Geld für Unterwäsche“. Im vergangenen Jahr gab es Unterstützung einer Modemarke, die Kleidung in kleinen Größen gespendet hat. Wieser, die sehr zierlich ist, huscht ein Lächeln über die Lippen: „Da habe ich wunderschöne Kleidung erhalten.“ Sie schaut kurz in die Runde. „Ohne LichtBlick wüsste ich nicht wie es weitergehen soll.“
Dank LichtBlick mit neuer Zuversicht: Hildegard Wieser (u.l.) und Lieselotte Pawlowsky (u.r.) mit Lydia Staltner, Susanne Hornberger und Ines Weinzierl (o. von l.)
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Für was noch leben?
Nun nickt ihr Gegenüber beipflichtend. „Dem kann ich nur zustimmen“, sagt Liselotte Pawlowsky, „ich bin plötzlich dagestanden und dachte, es geht nicht mehr weiter und war so weit, dass ich mir etwas antun wollte.“ Kurzes Schweigen, dann beginnt sie, ihre Geschichte zu erzählen, die Parallelen zu Wieser aufweist. Vor acht Jahren verliert Pawlowsky nach über 20 Jahren Partnerschaft ihren Lebensgefährten, von jetzt auf gleich. „Da bricht nicht nur die Welt zusammen, sondern ich bin plötzlich ohne etwas dagestanden.“ Die 75-Jährige hatte ihr Geld für den Haushalt ausgegeben, ihr Partner zahlte Miete, Strom und das Auto. Pawlowsky lächelt: „Da ging‘s mir gut – ich bin ja kein Luxusmensch.“
1.300 Euro Rente bezieht die Münchnerin, davon zahlt sie 720 Euro Miete und 140 bis 150 Euro Strom im Monat. Da kann man den Kopf nicht ewig oben halten. Oft quäle sie die Frage „für was lebe ich überhaupt noch? Was gibt es noch?“
Trotzdem kann sie sich überwinden und zum Sozialamt gehen, um Mietzuschuss zu erhalten. Doch dies wird sofort abgelehnt, „weil ich 20 Euro zu viel verdient habe“. 20 Euro über der Bemessungsgrenze und schon fällt man aus dem System. Lydia Staltner, die Gründerin von LichtBlick, nennt genau das „die versteckten Armen, die in keiner Statistik auftauchen und einfach durchrutschen“.
Lydia Staltner hat vor 21 Jahren die LichtBlick Seniorenhilfe ins Leben gerufen
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In der Verzweiflung aufgefangen
Beim Sozialamt erbarmt sich die Mitarbeiterin, „weil ich aus Verzweiflung geschluchzt habe und wir uns sympathisch waren“, und gibt Pawlowsky diverse Flyer mit Angeboten für Ältere, mit darunter der von LichtBlick Seniorenhilfe. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht als sie sagt: „Hier wurde ich sofort aufgefangen, man sagte, ich solle nicht verzweifeln, sondern mit Unterlagen hierherkommen. Das war Lichtblick im besten Sinne.“ Sieben Jahre ist das her. Seitdem unterstütze LichtBlick sie mit einem Kochherd, „weil der alte über 20 Jahre alt war und so viel Strom verbraucht hat, mehreren Lebensmittelgutscheinen, neuen Schuhen und Winterkleidung, „ich durfte mir eine Federbettdecke kaufen und eine Strom-Nachzahlung von 416 Euro wurde übernommen und die GEZ-Gebühr“. Sie beugt sich nach vorne. „Es ist ja alles teuriger geworden.“
Auch Lieselotte Pawlowsky hat ihr Leben lang gearbeitet. Gelernt hat sie Großhandelskauffrau, doch weil sie durch das Schreibmaschinenschreiben in beiden Armen eine länger andauernde Sehnenscheidenentzündung bekam, hat sie die Lehre abgebrochen. Sie wechselt in eine Spielefabrik und kümmert sich hier – drei Jahre lang - um den Postversand. Mit 18 Jahren arbeitet sie als Bedienung. Als ihr Chef zudringlich wird, kündigt sie. Sie bekommt sofort wieder einen Job: in einer Kleiderfabrik arbeitet sie als Telefonistin. Als sie heiratet und ihr erstes Kind bekommt, hört sie auf zu arbeiten. „Mein Mann wollte, dass ich aufhöre und mich um das Kind kümmere.“ Sie bekommt ein zweites Kind. Doch nach fünf Jahren lässt sie sich scheiden, weil ihr Mann trinkt und sie schlägt.
Mit ihren zwei Kindern – ein Bub und ein Mädel - hält sie sich mit diversen Jobs über Wasser: Sie übernimmt Vollzeit eine Hausmeisterei, mittags arbeitet sie stundenweise in der Altenhilfe, „dafür gab‘s in der Stunde fünf Mark“, erinnert sie sich und lacht, „ich habe gekocht für die alten Damen und Herren, sie frisiert und die Nägel geschnitten“. Im Traum wäre ihr nicht eingefallen, jemanden „anzubetteln“. „Bevor ich gefragt hab, habe ich geputzt.“ Dreimal in der Woche putzt Pawlowsky nachts in drei Lokalen, Wäsche gewaschen und gebügelt eine alleinstehende Freundin kümmert sich derweil um die Kinder. Irgendwann fängt sie an Trachtenpuppen zu nähen, „zehn Stunden habe ich für eine Puppe gebraucht und hab dafür 30 Mark erhalten“, berichtet sie und zeigt mit ihren Händen die Größe der Puppen. „Eine habe ich sogar nach England verkauft.“
Die Hausmeisterei gibt sie auf, als ihr Sohn Michael 18 Jahre jung an Leukämie stirbt. Und findet etwas später Halt in einem strukturierten Job als Empfangsdame und Telefonistin bei einer Versicherung. „Das war Vollzeit und bis zur Rente, also 20 Jahre habe ich hier gearbeitet, es hat Spaß gemacht.“ Sie überlegt kurz. „Ich hab halt lauter kleine Jobberl gemacht.“ Sie sagt es lachend, aber das Lachen soll ihre Verzweiflung übertünchen.
Wenn Sparen zur alltäglichen Herausforderung wird, werden nicht nur Angebote der verschiedenen Lebensmittelgeschäfte verglichen, sondern auch weitere Strecken mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln in Kauf genommen, um entsprechende Schnäppchen zu erwerben. Das machen beide, Pawlowsky und Wieser.
Susanne Hornberger, Kommunikationschefin der HSS (links), im Gespräch mit Lieselotte Pawlowsky - eine von 31.000 bedürftigen älteren Menschen, die der Verein LichtBlick Seniorenhilfe finanziell unterstützt
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Von der Politik verlassen
Welche Wünsche denn die beiden haben? „Ich würde so gerne mal wieder in den Zoo gehen ich liebe die Alpaka“, sagt Pawlowsky sofort. Das ist für LichtBlick Seniorenhilfe kein Problem. „Da müssen wir nachher gleich sprechen, wir ermöglichen Ihnen das“, antwortet LichtBlick-Mitarbeiterin Ines Weinzierl, die an unserem Tisch sitzt. Der Wunsch von Wieser ist nicht so einfach zu erhalten: „Ich hätte gerne eine Freundschaft zu einer Frau oder einem Mann, ganz egal. Mehr nicht.“ Wie sieht es mit Wünschen an die Politik aus? Wieser winkt ab. „Ich fühle mich von der Politik verlassen. Sehr sogar.“ Pawlowsky hingegen sagt resolut: „Politiker sollten sich mehr um die Alten kümmern, denn die Alten sind diejenigen, die den Wohlstand erbracht haben.“
Lydia Staltner kommt wieder an unseren großen Tisch. „Genau das ist unsere Philosophie“, erklärt sie und legt ihre Hände auf Pawlowskys Schultern, „alle hier haben eine Lebensleistung erbracht, alle bekommen Rente, haben Kinder großgezogen. Ihnen muss man etwas zurückgeben, weil sie dazu beigetragen haben, dass es uns jetzt gutgeht.“ Möglichst vielen wollen sie hier helfen. 80 Prozent sind Frauen, „wir wissen, dass Altersarmut weiblich ist“.
Viele, die zu LichtBlick kommen, schlafen auf dem Boden auf einer Matratze, besitzen keinen Kleiderschrank, weil der alte zusammengefallen ist, sie können wichtige Medikamente nicht bezahlen oder können weder fernsehen noch lesen, weil Krankenkassen keine Brillen mehr bezahlen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Staltner: „Jeden Tag gibt es Momente, wo man sagt: Mei, des derferd net sei.“ Und so wird die LichtBlick Seniorenhilfe-Familie jeden Tag größer. „Wir haben fünf bis zehn Anträge jeden Tag“, berichtet Staltner. Und das, führt sie fort, obwohl der Rentendurchschnitt oft nicht einmal wenig sei, „zwischen 700 bis 1.100 Euro etwa“. Staltner rechnet vor: „Wenn jemand zehn Jahre gearbeitet hat und 3.000 Euro verdient hat, bekommt er 263 Euro.“ Man sehe also, dass die Senioren hier wirklich Leistung erbracht und wirklich gearbeitet haben. Welchen Wunsch sie an die Politik hat? „Eine grundsätzliche Rentenreform. Außerdem finde ich, dass Politik den Menschen, die arbeiten gehen, mehr Würde schenken, nicht so viel Steuern abziehen und überhaupt zum Arbeiten motivieren sollte.“ Und die Seniorinnen nicken zustimmend. Und stecken die Köpfe zusammen, reden und lachen zusammen. LichtBlick Seniorenhilfe ist für sie nicht nur zu einem persönlichen „LichtBlick“ geworden, sondern auch zu einem Ort mit Halt und Unterstützung.
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