Im Interview: Sophia Albrecht zu ihrem Kurzfilm „Beautiful Smile“
Liebe gegen das Vergessen
Sophia Albrecht, Regisseurin des Films "Beautiful Smile"
© Sophia Albrecht
Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. In einer Zeit, die von zunehmenden Kriegen, erstarkendem Autoritarismus und wachsender Diskriminierung geprägt ist, bekommt die Frage nach Erinnerung und Verantwortung eine neue Relevanz. Die junge Regisseurin Sophia Albrecht setzt sich in ihrem neuen Kurzfilm “Beautiful Smile” mit diesen Themen auseinander. Die Studentin der Hochschule Macromedia in München und Stipendiatin der Journalistischen Nachwuchsförderung der Hanns-Seidel-Stiftung erzählt darin eine zarte, zutiefst bewegende Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen – im Inneren eines Deportationszugs. Entstanden ist ein emotionaler Film über eine junge Liebe, kindliche Unschuld und die Kraft menschlicher Nähe im Angesicht des Todes.
Im Interview spricht Sophia Albrecht über die Entstehung des Films, die Herausforderungen kreativen Arbeitens unter schwierigen Bedingungen – und darüber, welche Bedeutung Erinnern in der heutigen Zeit haben kann.
Plakat des Kurzfilms "Beautiful Smile"
© Sophia Albrecht
Was hat dich dazu bewegt, gerade diese Liebesgeschichte zweier jüdischer Jugendlicher im Angesicht des Todes zu erzählen? Gab es einen konkreten Auslöser oder eine persönliche Verbindung zur Thematik?
Ich engagiere mich seit über acht Jahren in der Holocaust-Gedenkarbeit – auf ganz unterschiedliche Weise. Ich organisiere zum Beispiel mit anderen zusammen Zeitzeugengespräche für Schulen und Bildungsreisen, zudem organisiere ich selbstständig deutsch-israelische Jugendbegegnungen, bei der Jugendliche aus Israel nach Deutschland kommen. Dabei arbeite ich oft mit Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren zusammen, die genauso alt wie die Protagonisten in meinem Film sind. Diese Lebensphase ist unglaublich intensiv: Man ist neugierig, naiv, träumt vom Erwachsensein und erlebt vieles zum ersten Mal. Es ist eine Zeit der Unschuld – und gleichzeitig beginnt man, die Schattenseiten der Welt wahrzunehmen. Auch in den Begegnungen mit Holocaustüberlebenden, zu denen ich teils enge persönliche Beziehungen habe, spielt diese Lebensphase eine große Rolle. Einige von ihnen erzählten mir, dass sie ihren ersten Kuss im Ghetto oder sogar im Deportationszug erlebt haben. Diese so prägende Zeit des Erwachsenwerdens wurde ihnen brutal genommen.
“Beautiful Smile” erzählt genau davon: Von der Unschuld und dem kindlichen Blick auf eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Kinder nehmen das Grauen oft anders wahr – nicht als Ganzes, sondern in Fragmenten, die sie emotional kaum fassen können. So sieht Viktor im Film nicht den toten Mann, sondern nur die Blumen in dessen Brusttasche. Dieses kindliche Wahrnehmen macht das Erlebte nicht weniger schrecklich – im Gegenteil: Es zeigt, wie sehr das Unvorstellbare in eine unschuldige Realität eindringt, die eigentlich geschützt sein sollte.
Der Film "Beautiful Smile" von Sophia Albrecht erzählt die bewegende Liebesgeschichte zweier jüdischer Jugendlicher in einem Deportationszug auf dem Weg ins KZ.
© Sophia Albrecht
Der Film wurde in Estland gedreht – mit einem internationalen Team aus Studierenden, das sich erst zum Drehstart in Tallinn persönlich kennengelernt hat. Vor Ort musstet ihr Drehorte, Schauspielerinnen und Schauspieler und Requisiten organisieren. Wie bist du unter diesen Bedingungen an die Umsetzung deiner Vision herangegangen?
Ehrlich gesagt fällt es mir selbst schwer, diese Frage zu beantworten – manchmal weiß ich gar nicht genau, wie wir das alles überhaupt geschafft haben. Normalerweise dauert es bei einem solchen Kurzfilmprojekt von der Idee bis zum Dreh etwa anderthalb Jahre und dann kommt noch die Postproduktion hinzu. Bei uns war alles viel komprimierter: Der Film ist während meines Auslandssemesters in Estland entstanden, also in gerade einmal fünf Monaten. Ich kannte niemanden, als ich nach Estland gekommen bin, außer einer Kommilitonin, die dann meine erste Regieassistentin wurde.
In einem unserer Kurse haben wir Drehbuchideen entwickelt, diskutiert und schließlich abgestimmt, welches Projekt realisiert wird – mein Buch wurde ausgewählt. Der erste Schritt war dann, ein Team zu finden. Anfangs hatten wir Sorge, dass sich in einer Filmschule, in der alle mit ihren eigenen Projekten beschäftigt sind, kaum jemand zusätzlich engagieren würde. Aber das Gegenteil war der Fall: Aber tatsächlich haben uns am Ende 70 Beteiligte unterstützt. Viele von ihnen waren internationale oder estnische Studierende, für die das Thema eine ganz persönliche Bedeutung hatte. Einige stammten aus jüdischen Familien, andere hatten Fluchterfahrungen – etwa aus der Ukraine. Auch in Estland selbst hat der Holocaust tiefe Spuren hinterlassen, viele wurden nach Sibirien deportiert. Dieses kollektive Bewusstsein hat viele motiviert, mitzumachen.
Gemeinsam haben wir eine Location gefunden, haben die Kostüme aufgetrieben oder ein ganzes Wochenende lang aus hundert Paletten das Set aufgebaut. Wir haben Heu aufgetrieben, Wärmflaschen und Wasserkocher besorgt – alles, was man bei minus zehn Grad Außentemperatur so braucht. Das Budget? Gerade einmal 3000 Euro, die wir über Spenden gesammelt haben.
Eine große Herausforderung war auch das Casting. Wir haben Kinder gesucht, die mehrere Sprachen sprechen mussten, und wir haben viel mit ihnen geprobt. Für die Rolle des alten Mannes konnten wir sogar den Intendanten des estnischen Nationaltheaters gewinnen – ich habe ihn persönlich davon überzeugt, mitzuspielen.
Szene aus dem Film "Beautiful Smile" der Filmhochschulstudentin und HSS-Stipendiatin Sophia Albrecht
© Sophia Albrecht
Im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal – gleichzeitig erleben wir weltweit neue Wellen von Krieg, Verfolgung und Diskriminierung. Welche Rolle kann Dein Film im Kontext heutiger Erinnerungskultur spielen – und was möchtest Du dem Publikum mitgeben?
Seit fast einem Dreivierteljahr sind wir auf Festivals unterwegs und stellen dort den Film vor. Ich merke immer wieder, wie unterschiedlich der Film wahrgenommen wird – je nachdem, wie vertraut jemand bereits mit der Gedenkarbeit ist. Das spiegelt sich im Feedback und in den Fragen wider. Ein eindrückliches Beispiel war ein Festival in der Türkei: Dort haben viele Menschen kaum Wissen über die Deportationszüge, und der Film wird entsprechend ganz anders aufgenommen – auch im Kontext ihrer eigenen historischen Erfahrungen.
Interessanterweise sind auf den Festivals immer wieder Lehrer im Publikum, die mich fragen, ob sie dem Film im Unterricht verwenden dürfen. Genau das möchte ich in der nächsten Phase verstärken: Schulen den Zugang zu diesem Film ermöglichen, ihn als Anlass für eigene Fragen zu nutzen oder ihn mit Zeitzeugengesprächen zu verknüpfen.
Natürlich gibt es sehr viele Filme, die mit größeren Budgets arbeiten und umfassendere Informationen über den Holocaust erzählen können. Aber ich glaube, die Stärke eines Kurzfilms liegt gerade darin – vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen –, dass er kurz und konzentriert ist. Er überfordert nicht mit Faktenfülle, sondern schafft Raum für Emotionen und ein Grundgefühl. Gerade in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne durch Social Media begrenzt ist können Kurzfilme einen Zugang zu einem bestimmten Thema vermitteln. Solche Filme kann man gut in den schulischen Kontext einbinden. Es ist wichtig auch die kleinen Schicksale zu erzählen.
Natürlich ist die Message des Films auch in die Zukunft gerichtet. Es ist sehr wichtig, weiterhin Gedenkarbeit zu leisten, gerade in einer Welt, in der viele Kinder unter Verfolgung, Krieg und Verlust ihrer Kindheit leiden. Niemand möchte, dass sich solche Erfahrungen wiederholen – weder für das eigene Kind noch für ein anderes.
Der Film „Beautiful Smile“ wird derzeit auf mehreren Festivals vorgestellt und hat bereits einige Preise gewonnen; danach soll er Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Behind the Scenes-Material und Infos zu kommenden Projekten können auf Instagram unter @beautifulsmileproduction eingesehen werden.
Die Crew des Films "Beautiful Smile"
© Sophia Albrecht
Kontakt
Stipendiatin am Institut für Begabtenförderung der Hanns-Seidel-Stiftung