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Weltweite Christenverfolgung
Eintreten für die Religionsfreiheit

Ersteller: Dr. Philipp W. Hildmann

Religiöse Toleranz gehört zu den Werten, die im größten Teil der zivilisierten Welt für selbstverständlich gehalten werden, dabei muss weltweit fast jeder zehnte Christ für seinen Glauben leiden. Verfolgung, Inhaftierung, Folter oder Konversion bedrohen besonders die ältesten Christengemeinden in Syrien und dem Irak aber auch in Nigeria, Eritrea oder Nordkorea.

In über 100 Ländern dieser Erde, von Iran und Eritrea über Nigeria bis hin zu Nordkorea, erfahren Christen aufgrund ihres Glaubens heute Einschüchterungen, Benachteiligungen, Inhaftierungen oder Folter. Sie werden entführt, erniedrigt, zur Konversion gezwungen oder mit dem Tod bedroht. Forschungseinrichtungen wie das amerikanische „Pew Research Center“ gehen von über 215 Millionen aktuell Betroffenen aus. Wie stellt sich ihre Situation konkret vor Ort dar und welche Konzepte gibt es dies- und jenseits des Atlantiks, dieser wachsenden globalen Herausforderung zu begegnen?

In seiner Rede bezog Vize-Präsident Mike Pence klar Stellung für Christen weltweit. Es müsse alles Denkbare unternommen werden, um für Sicherheit für alle, Toleranz und gegenseitigen Respekt zu sorgen.

In seiner Rede bezog Vize-Präsident Mike Pence klar Stellung für Christen weltweit. Es müsse alles Denkbare unternommen werden, um für Sicherheit für alle, Toleranz und gegenseitigen Respekt zu sorgen.

HSS

Eine hochkarätig besetzte Expertenrunde der Hanns-Seidel-Stiftung suchte in Washington am 12. Mai Antworten auf diese Fragen, die auch im Mittelpunkt des zeitgleich stattfindenden „Weltgipfeltreffens zur Verteidigung verfolgter Christen“ standen. Auf Einladung von Christian Forstner, des Leiters des Washingtoner Stiftungsbüros, standen drei Impulsgeber zur Verfügung, die Themen des Gipfeltreffens mit ihren Impulsreferaten zu ergänzen: Knox Thames, Sonderberater im US-Außenministerium für religiöse Minderheiten im Nahen Osten und Süd-/Südost-Asien, der syrisch-orthodoxe Patriarch von Antiochien und dem Ganzen Osten, Ignatius Aphrem II., sowie der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, Thomas Schirrmacher. Gemeinsam gaben sie Einblicke sowohl in die bedrohte Lage vieler Christen in Konfliktregionen als auch in die westlichen Debatten über politische Strategien zur Stärkung des Menschenrechts Religionsfreiheit. Auf dem „Weltgipfel zur Verteidigung verfolgter Christen“, der vom 10. bis 13. Mai ebenfalls in Washington stattfand, war die Hanns-Seidel-Stiftung durch ihren Beauftragten für Interkulturellen Dialog, Philipp W. Hildmann, vertreten. Der internationale Kongress insgesamt verfolgte im Wesentlichen vier Ziele

I. Aufmerksamkeit schaffen

  • Aufmerksamkeit für den weltweit wachsenden Druck auf Christen schaffen, die aufgrund ihres Glaubens verschiedensten Formen der Bedrängnis ausgesetzt sind. Eine Rede des US-Vizepräsidenten, Mike Pence, am zweiten Konferenztag unterstrich hier klar, dass die Dramatik der Entwicklung zumindest in den Vereinigten Staaten auf der obersten politischen Ebene angekommen ist. 

In seinem Impulsreferat bei der HSS-Expertenrunde erinnerte Knox Thames an das amerikanische Freiheitsideal, das 1998 mit dem Gesetz über Internationale Religionsfreiheit seinen Widerhall auch in den außenpolitischen Leitlinien der USA gefunden hat.

„Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung durch Petition um Abstellung von Missständen zu ersuchen.“

Die US-Regierung beobachte die globalen Entwicklungen bei der Religionsfreiheit sehr genau und sehe den größten Handlungsbedarf bei Bildungsmaßnahmen, um das Bewusstsein für Menschenrechte zu stärken, bei der Erziehung zu kultureller Toleranz, bei der Bewahrung von religiösen und kulturellen Stätten sowie beim transatlantischen Dialog zu gemeinsamen Werten, in die alle Tagungssprecher die christlichen Prägungen auf beiden Seiten des Atlantiks miteinschlossen. Dezidiert lobte er die Einsetzung des EU-Sonderberichterstatters für Religionsfreiheit, Ján Figel’, und artikulierte den Wunsch der amerikanischen Seite nach einem ähnlich zentralen Ansprechpartner auf deutscher Seite.

Patriarch Ignatius Aphrem II. plädiert für Schutzzonen für religiöse Minderheiten in Syrien und dem Irak. Dazu sind eine funktionale Armee und staatliche Strukturen jedoch unabdingbar.

Patriarch Ignatius Aphrem II. plädiert für Schutzzonen für religiöse Minderheiten in Syrien und dem Irak. Dazu sind eine funktionale Armee und staatliche Strukturen jedoch unabdingbar.

HSS

II. Solidarität zeigen

  • Solidarität zeigen mit den Bedrängten. Etwa 120 Teilnehmer des Weltgipfels waren aufgrund ihres Glaubens bereits inhaftiert und/oder gefoltert worden. Die Spuren der Misshandlungen waren auf den Fluren des Konferenzortes überall sichtbar, was der Zusammenkunft eine bedrückende Tiefe verliehen hat.

Eine konkrete Forderung an die internationale Gemeinschaft formulierte Aphrem II.  In der Kriegs- und Krisenregion Syrien und Irak müssten gezielt Schutzzonen für religiöse Minderheiten geschaffen werden. Zugleich räumte er mit der Einschätzung auf, dass Maßnahmen zum Schutz verfolgter Christen einseitige Klientelpolitik seien, die nur den Christen zu Gute kämen. Vielmehr sei es richtig, dass die christlichen Gemeinden seit jeher enge Kontakte zu anderen lokalen Religionsgemeinschaften unterhielten und daher im regionalen Kontext eine stabilisierende Rolle einnähmen. Um geschützte Räume zu schaffen, so der Patriarch, brauche man zumal in Syrien allerdings funktionierende Staatsstrukturen und eine handlungsfähige Armee. Zudem dürfe der Druck auf regionale Akteure wie Saudi-Arabien nicht nachlassen, damit die Unterstützung für radikal-islamistische Gruppen endlich ein Ende fände. Der gefallene Ölpreis, so seine Einschätzung, könne dabei den westlichen Hebel auf Riad vergrößern.

Nicht nur in den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak sind Christen zunehmend Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Besonders in Indonesien erhöht sich derzeit der Druck auf christliche Gemeinden.

Nicht nur in den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak sind Christen zunehmend Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Besonders in Indonesien erhöht sich derzeit der Druck auf christliche Gemeinden.

betticohen; CC0; Pixabay

III. Praktische Lösungsansätze

  • Diskussionen intensivieren, mit welchen Strategien dem weltweit wachsenden Problem der Verfolgung religiöser Minderheiten ganz konkret in den einzelnen Ländern begegnet werden kann. Die Vorschläge reichten von einer Ausweitung der Aktivitäten insbesondere außerhalb der Vereinigten Staaten und Europas über die Einrichtung einschlägiger Lehrstühle an Universitäten und die Installierung einer nicht-öffentlichen Gesprächsplattform von Vertretern der Weltweiten Evangelischen Allianz, des Muslimischen Ältestenrats und der Al-Azhar-Universität in Kairo bis hin zur Publikation eines Internationalen Jahrbuchs zur Religionsfreiheit.

Thomas Schirrmacher verband mit dem Hinweis auf die transatlantischen Wertegemeinsamkeiten den Appell an die Kirchen, ihre Bande untereinander ebenfalls zu stärken. Wann immer führende Kirchenvertreter auf Reisen seien, sollten sie nicht nur politische Kontakte knüpfen, sondern auch den interreligiösen Dialog pflegen. Er machte zudem auf eine interessante Entwicklung aufmerksam: In globaler Perspektive sei das Christentum im letzten Jahrhundert zweifellos friedfertiger geworden, während die vom Islam und Hinduismus ausgehende Gewalt zugenommen habe. Vielfach fehlten aber fundierte Feldstudien, um die Lage in Konfliktregionen besser einschätzen zu können. Die Tatsache, dass 85 Prozent aller Christen weltweit in sicheren und demokratischen Ländern lebten, sei kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen, seien historische christliche Stätten heute doch akut von Zerstörung bedroht. Bemerkenswert sei auch, dass die Zahl der Christen gerade in Ländern mit besonders hohem Verfolgungsdruck steige, was sich der öffentlichen Wahrnehmung allerdings weitgehend entziehe, da sich christliche Gemeinden dort zumeist im Untergrund zusammenfänden.

IV. Augenzeugen berichten

  • Informationen aus erster Hand von betroffenen Zeugen aus den jeweiligen Ländern erhalten. Auch hier erhielt die Konferenz durch die Berichte von Betroffenen aus Ländern wie Nordkorea, Pakistan, Eritrea, Nigeria, Syrien oder Irak noch einmal eine bedrückende Tiefenschärfe.

Bei der anschließenden Aussprache mit Vertretern aus Politik, Religion und dem NGO-Bereich wurde von allen Beteiligten die Notwendigkeit artikuliert, die schwierige Lage religiöser Minderheiten gerade im Nahen und Mittleren Osten noch stärker in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu rufen. Einigkeit bestand auch darüber, dass die transatlantische Wertegemeinschaft aufgefordert bleibe, Handlungsoptionen zum Schutz des Menschenrechts Religionsfreiheit auszuloten, wozu explizit auch Waffenlieferungen an bedrohte Glaubensgemeinschaften gezählt wurden. „Ein deutsch-amerikanischer Dialog zum Krisenmanagement in der Region“, so fasste es Christian Forstner abschließend zusammen, „kann eine wesentliche Grundlage für einen robusten multilateralen Rahmen sein.“   Der „Weltgipfel zur Verteidigung verfolgter Christen“ mündete am vierten Konferenztag schließlich in die Verabschiedung eines gemeinsamen Kongressbeschlusses, in dem die über 600 Teilnehmer die politisch Verantwortlichen gezielt auf den weltweit wachsenden (Verfolgungs-)Druck auf Christen in einer Vielzahl von Ländern hinwiesen und sie zum entschiedenen Handeln für das Menschenrecht Religionsfreiheit aufforderten. Dieses Signal sollte noch stärkeren Wiederhall in den Reihen der deutschen Politik finden. Die Hanns-Seidel-Stiftung wird mit ihrer Stabsstelle für Interkulturellen Dialog das Ihrige dazu beitragen.

Gemeinsamer Kongressbeschluss (Englisch)

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Strategieentwicklung und Grundsatzfragen
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de