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Interview
Frauen in Indien - zwischen Emanzipation und Tradition

Autor: Louise von Hobe-Gelting

Die Rolle der Frauen in Indien im 21. Jahrhundert ist noch immer von Kontroversen und Konflikten dominiert. Im wachsenden Diskurs zur Rolle der Frau sehen sich indische Frauen zwischen Stärkung und Tradition, Gleichberechtigung und Diskriminierung. Brutale Fälle von Vergewaltigungen bestimmen oft die Außenwirkung des Landes und führen zu hitzigen Debatten im Land. Wir haben mit Volker Plän, Auslandsmitarbeiter der Hanns-Seidel-Stiftung für Indien, über die Situation der indischen Frauen gesprochen.

Junger Mann mit ordentlichem Kurzhaarschnitt und korrekter, runder Brille, blickt selbstbewusst und leicht hintergründig.

Seit Dezember 2016 leitet Volker Lennart Plän das Büro der Hanns-Seidel-Stiftung in Neu-Delhi. Zuvor koordinierte er bereits von München aus die Südasienprojekte der Hanns-Seidel-Stiftung. Volker Lennart Plän hat einen Master-Abschluss in International Development Studies der Philipps-Universität Marburg und arbeitete anschließend als Berater für die Welthungerhilfe Südasien. Seine Forschungsschwerpunkte waren ländliche Lebensumstände und mikroökonomische Strukturen Indigener in verschiedenen Bundesstaaten Indiens. Heute faszinieren ihn beson-ders die soziologischen und ökologischen Aspekte des Landes.

HSS; Volker Plän

HSS: Die Rolle der Frau in Indien ist kontrovers- einerseits gab und gibt es durchaus sehr starke Frauen in der indischen Gesellschaft, andererseits gehört Frauenfeindlichkeit in Indien leider zum Alltag. In welcher Weise werden Frauen in Indien benachteiligt?

Volker Plän: Die Benachteiligung der Frau geschieht eher subtil in Indien, von einer systematischen Frauenfeindlichkeit würde ich nicht sprechen. Es existieren sogar zahlreiche Kampagnen und Gesetze, welche Mädchen und Frauen schützen und fördern sollen. Dass Frauen im indischen Alltag bis heute benachteiligt werden, liegt vielmehr an tief verwurzelten Traditionen, wo die Benachteiligung subtil aber folgenreich ist. Die starke Familienkultur in Indien erwartet die Erfüllung der traditionellen Rollen von Mann und Frau: arrangierte Ehen mit Mitgift durch die Brautfamilie, Kinder gebähren, Kochen für die gesamte Familie. Auch das Leben von Männern ist damit fremdbestimmt – allerdings sind die Konsequenzen meist weniger ausgeprägt. Da die Frau bei der Hochzeit zu einer anderen Familie übergeht und Mitgift gezahlt werden muss, gelten Mädchen  von Geburt an auch heute noch als Last im Vergleich zu Jungen. Das hat Konsequenzen im Alltag. Die zahlreichen staatlichen Förder-, Aufklärungs-  und Schutzprogramme der Regierung für Mädchen und Frauen helfen, durchdringen aber nicht die über Jahrhunderte gewachsene patriarchalische Struktur.

Frauen in Indien haben viele Rechte, aber auch viele Pflichten: die moderne Inderin soll heutzutage schön und gebildet sein, Karriere machen, aber eben auch der Familie des Ehemanns nicht widersprechen, wenn diese fordert, sich voll auf das Ehe- und Familienleben zu konzentrieren. Einen Nachteil hat die Frau allein dadurch, dass sie in eine andere Familie einheiratet und dort als „Neue“ in einer unterprivilegierten Situation ist. Selbst Mütter oder Schwiegermütter, die der gleichen Situation gegenüberstanden, schützen ihre (Schwieger-)tochter selten dagegen. Auch Frauen in einflussreichen Positionen in Politik, Wirtschaft und Medien nehmen den Kampf gegen dieses System nicht immer auf. Der Ansehensverlust in der patriarchalischen Gesellschaft wäre zu riskant.

Frauenförderung im persönlichen Alltag hat deshalb immer noch oft einen gönnerhaften Beigeschmack. Etwa wenn Ehemänner erzählen, dass sie ihren Frauen „erlauben, arbeiten zu gehen“. Man kann an die indische Gesellschaft (noch) nicht die gleichen Erwartungen stellen wie an die Emanzipation in Deutschland. Solch kleine Schritte sind hier bereits ein Erfolg.

HSS: In den vergangenen Jahren sind in Indien Gesetze zum Schutz von Frauen erlassen, Frauenquoten in Stadträten und Parlamenten eingeführt und ein Sonderbeauftragter für Familien ernannt worden. In der Theorie ist also viel geschehen. Wie stellt sich die Lage in der Praxis dar?

Viele der Gesetze reichen sogar bis in die 1960er Jahre zurück. Die Rechtslage ist für Frauen in Indien vorbildlich. Leider zeigt sich jedoch, dass Vieles nicht so umgesetzt wird, wie es gedacht war. Frauenquoten werden umgangen, indem (Ehe-) Frauen als „Strohpuppen“ eingesetzt werden; die Implementierung der guten Gesetze durch Richter, Polizei, Beratungsstellen und Anwälte ist oft nicht im Sinne ihrer Verfasser. Zudem sind sich Frauen ihrer Rechte meist gar nicht bewusst. Wie auch unsere Projektarbeit zeigt, gibt es selbst bei zuständigen Beamten in Ministerien, bei der Polizei und bei Richtern große Wissenslücken bei der Implementierung von Gesetzen, Kompensationen, Kampagnen. Stellen Sie sich vor, Sie werden wiederholt Opfer häuslicher Gewalt und die Beratungsstelle für Frauen empfiehlt Ihnen, sich wieder mit dem Täter zu arrangieren, anstatt mit Hilfe der Justiz und Polizei für Ihren sofortigen Schutz zu sorgen und den Mann der Justiz zuzuführen.

Die guten Gesetze sind schnell eingebracht, aber die Mechanismen dahinter und das Wissen über ihre Anwendung können Jahre dauern. In unserer Arbeit in Pune treffen wir immer wieder auf Anwälte und Richter, die das Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt (von 2005) gar nicht kennen. Kompensationen werden verhängt, aber nicht ausgezahlt, Frauenhäuser existieren kaum. Und dann ist da noch das soziale Stigma des Opfers oder die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau von ihrem Ehemann, die Opfer an einer Anzeigenerstattung hindern – hier sind auch die besten Gesetze unwirksam.

HSS: Haben Vergewaltigungen seit 2012 in Indien zugenommen oder ist es vielmehr so, dass mehr darüber berichtet wird und Vergewaltigungen eher zur Anzeige gebracht werden, so dass sie Eingang in die Statistiken finden?

Die urbane, gebildete Schicht wird durch das Thema spürbar bewegt. Durch Proteste sorgen sie für beständige Aufmerksamkeit. Auch die Medien lenken seit 2012 verstärkt Licht auf diese Situation – mittlerweile wohl eher aus dramaturgischen denn aus informativen Gründen. Dies beeinflusst natürlich die Wahrnehmung. Experten gehen davon aus, dass in Städten der Tatbestand der Vergewaltigung öfter zur Anzeige gebracht wird, die Menge der Taten jedoch weiterhin auf dem gleichen Niveau bleibt.

Es hat sich also seit der brutalen Massenvergewaltigung in Delhi im Dezember 2012 sicherlich etwas getan in der Gesellschaft. Dass es trotz der medialen Aufmerksamkeit aber auch keinen Rückgang der Taten gibt, ist durchaus besorgniserregend. Und auch die Intensität der Taten scheint nicht abzunehmen: es gibt noch immer Massenvergewaltigungen (wenn auch wenige), die Opfer scheinen immer jünger zu werden und viele Taten gehen mit Verstümmelung, Folter und Totschlag einher. Dies alles trägt zu einem wachsenden Gefühl der Unsicherheit bei Frauen bei.

HSS: Die HSS ist in Indien u.a. im Bereich Frauenförderung tätig, einerseits durch Verbesserung des polizeilichen Frauen- und Opferschutzes, andererseits durch Stärkung der politischen Teilhabe von Frauen. Was bedeutet dies in der Praxis?

Wie erwähnt sind die Gesetze bereits vorbildlich. Wir arbeiten nun daran, dass die ganze Kette der Beteiligten die indischen Gesetze auch entsprechend umsetzt: mehr Wissen über spezifische Gesetze, bessere Kooperation von Polizei, Staatsanwaltschaft, Richtern und Nichtregierungsorganisationen untereinander.

Im bayerischen Partner-Bundesstaat Karnataka ist Frauen- und Opferschutz sogar explizit ein Wunschthema des Innenministers gewesen. Wir arbeiten Hand in Hand mit der bayerischen und der karnatakanischen Polizei für einen effektiveren und sensiblen Umgang mit Opfern sexueller Gewalt sowie einer praxisnahen Polizeiausbildung.

Hierfür kooperieren wir mit lokalen Partnerorganisationen, die sich auf Rechtsunterstützung oder Frauenförderung spezialisiert haben; aber auch direkt mit der Polizei des Bundesstaats Karnataka, den bundesstaatlichen Ämtern für Frauen und Kinder sowie der Menschenrechtskommission.

Letztendlich haben die gesamte indische Gesellschaft und Wirtschaft einen Nutzen, wenn Frauen sich sicherer fühlen, den Behörden vertrauen und das indische Justizsystem eine größere Glaubwürdigkeit erlangt.

Der zweite Projektstrang stärkt die Frauen in ihrer politischen Tätigkeit. Oft fehlt ihnen selbst zum Teil das Wissen um ihre Rechte. Durch gezielte politische Bildungsarbeit von Bezirkspolitikerinnen sehen unsere Partner und wir große Effekte bei der lokalen Selbstverwaltung, aber auch bei der Akzeptanz von weiblichen Volksvertretern: Sie bringen neue Aspekte in die Politik, aus denen alle Nutzen ziehen.

HSS: Wie wichtig ist es, Männer, insbesondere solche mit Vorbildfunktion, in die Förderung der Gleichberechtigung einzubeziehen?

Männer müssen auf jeder Ebene in jeder öffentlichen Diskussion miteinbezogen werden. Viele Kampagnen zur Frauenförderung sind auch von Männern ausgegangen. Mittlerweile zeichnet sich jedoch ab, dass die Frauenbewegung sich isoliert. Möglicherweise trägt hieran Mitschuld, dass auf Druck von nationaler und internationaler Gesellschaft immer schärfere Gesetze explizit für Frauen auf den Weg gebracht werden. Kein indisches Gesetz zu sexuellen Straftaten ist geschlechtsneutral geschrieben. Nun gibt es sogar Pro-Männerbewegungen als Antwort.

HSS: Indien wählt nächstes Jahr, welche Rolle könnte das Thema „Frauen“ im Wahlkampf spielen?

Ich sehe aktuell keine Partei, die Frauenförderung als Kernbotschaft mit sich trägt oder durch besondere Forderungen in diesem Bereich aufgefallen wäre – trotz weiblicher Parteichefs und Ministerinnen. Der Anteil der weiblichen Abgeordneten ist sehr gering. Interessant ist aber, zu sehen, dass der Anteil der weiblichen Wählerschaft mittlerweile genauso hoch ist wie bei den Männern. Parteien haben Frauen als Wähler erkannt und wir werden abwarten, ob sich das in den Wahlprogrammen niederschlägt. Weibliche Kandidatinnen gibt es wenige (etwa acht Prozent), aber auch dieser Anteil steigt – besonders in Gebieten, wo es prozentual deutlich weniger Frauen gibt. Vielleicht werden Frauen also die nächste Wahl entscheiden?

HSS: Herr Plän, vielen Dank für das Gespräch. 

Kontakt
Leiter: Stefan Burkhardt
Süd-/Südostasien
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