Herausforderungen im Kampf gegen Menschenhandel
Frauenhandel und Trauma
„Menschenhandel und Trauma – Herausforderungen im Kampf gegen Frauenhandel“ – ein komplexes Thema, das am 17. Oktober 2023 in Regensburg auf der 20. gemeinsamen Fachtagung von der Hanns-Seidel-Stiftung, dem Aktionsbündnis gegen Frauenhandel und dem katholischen Hilfswerk Renovabis behandelt wurde. Folgende Fragen galt es anhand von Vorträgen und Themenforen zu erörtern: Unter welchen Traumata und Traumafolgen leiden die Betroffenen und wie kann ihnen therapeutisch geholfen werden? Wie kann der Ausstieg aus der Prostitution gelingen? Wie groß ist die Gefahr der Sekundärtraumatisierung für Helfende? Sind sich die Freier der von ihnen verursachten Traumata bewusst? Wie kann man Freier in die Verantwortung nehmen?
Die Experten der Jahrestagung thematisierten die Opfer von Zwangsprostitution unter dem Aspekt ihrer traumatischen Gewalterfahrungen.
Deutschland als „Bordell Europas“
Bereits in den Grußworten wurde das Kernproblem zum Ausdruck gebracht: Deutschland entwickelte sich durch die aktuelle Gesetzgebung zum „Bordell Europas“, das mittlerweile einen jährlichen Umsatz von rund 15 Milliarden Euro erwirtschaftet und von dessen Gewinnen hauptsächlich Schleußer, Schlepper, Menschenhändler und Zuhälter profitieren. Darüber hinaus waren sich die Fachleute aus dem Bereich der Polizei und der Fachberatungsstellen darüber einig, dass die große Mehrheit der Prostituierten in Deutschland nicht selbstbestimmt und eigenständig tätig ist, sondern unfreiwillig und vielfach Opferkriterien aufweist.
Der Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Markus Ferber,MdEP, regte in seiner digitalen Begrüßung zum Nachdenken darüber an, was mit den Normen und Werten einer Gesellschaft passiert, wenn Prostitution und damit die Käuflichkeit von Menschen weitgehend als „normal“ angesehen werden. Mathias Dörr von Renovabis verwies auf die seit über 20 Jahren schleppend verlaufende Präventionsarbeit in Osteuropa, vor allem in den Partnerländern Rumänien, Bulgarien und Moldawien, wo der Menschenhandel blüht. Die 2. Bürgermeisterin der Stadt Regensburg, Dr. Astrid Freudenstein, nahm bezugnehmend auf den Begriff „Frauenhandel“ das eigentlich positiv konnotiert Wort „Handel“ kritisch in den Blick. Mit „blühendem Handel“ hat Frauenhandel nichts gemein, denn nichts, so Freundenstein, blüht, wo die Würde von Frauen zerstört wird.
Im Anschluss an die Grußworte, referierten die Fachleute zum Themenkomplex „Frauenhandel und Trauma.
Herausforderungen im Kampf gegen Frauenhandel aus politischer Perspektive
Über die politischen Herausforderungen im Kampf gegen Frauenhandel sprach Bernadette Dechant, Stadträtin, Bezirksrätin und stellvertretende Kreisvorsitzende der CSU in Regensburg. Sie bemühte sich um eine objektive Sicht und betonte ausdrücklich, dass das Prostitutionsgesetz von 2002 und das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 durchaus gut gemeint waren. Prostitution als „normale Arbeit“ zu deklarieren, sollte helfen, das Gewerbe aus der „Schmuddelecke“ herauszuholen und Prostituierten Schutz und Rechte zuzusprechen. Doch die Realität sei offensichtlich eine andere, der Plan gescheitert. In der Einführung des Nordischen Modells, das neben Präventionsarbeit und Ausstiegshilfen eine Bestrafung der Freier aufgrund eines Sexkaufverbots beinhaltet, sieht sie die Chance, das Hauptproblem einzudämmen: die Nachfrage. Es sei aber unrealistisch zu glauben, man könne damit die Prostitution plötzlich zum Verschwinden bringen, auch Mord und Diebstahl würden durch Gesetze nicht verhindert. Doch in Schweden habe sich in 20 Jahren ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen. Sexkauf sei dort nicht nur verboten, sondern auch gesellschaftlich geächtet.
Traumata und Traumafolgen bei Betroffenen von Frauenhandel
Die Psychotherapeutin und Traumatherapeutin Dr. Brigitte Schmid-Hagenmeyer erläuterte eindrücklich die Folgen der sich wiederholenden Gewalterfahrung für die Betroffenen. Bei Prostitution gibt es keinen Konsens der Beteiligten über das, was geschieht: „Die Einen wollen Sex, die Anderen Geld.“ Weil Prostituierte ertragen müssen, was sie eigentlich nicht wollen, und sich die Psyche nicht täuschen lässt, entsteht aus psychotraumatologischer Sicht immer Stress, dem mit Abschalten, Gefühllosigkeit, Gleichgültigkeit begegnet werden muss, um das Ausgeliefertsein auszuhalten. Die für Außenstehende oft so verwirrende Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit bei Prostituierten sind automatische Selbstschutzmechanismen. Meist wird das Ausmaß der seelischen und körperlichen Schädigung erst nach dem Ausstieg realisiert.
Die andauernde Traumatisierung löst somit schwer zu therapierende Traumafolgestörungen aus. Die Zahl der von posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) Betroffenen unter Prostituierten wird in Studien mit 48-87% angegeben (nach Farley 2003, Zumbeck 2001, Mayr 2021) – versus 2-7% in der Gesamtbevölkerung Deutschlands; die Prävalenz für PTBS ist demzufolge in der Prostitution größer als im Krieg. Häufig wird auch eine dissoziative Identitätsstörung (DIS) diagnostiziert. Nach Einschätzung der Traumatherapeutin geschieht die Schädigung der Psyche nicht nur bei Prostitution unter Zwang. Mindestens 50% derer, die sich als selbstbestimmt und frei bezeichnen, haben ebenfalls psychische Erkrankungen wie Depressionen, Panikattacken, Schlafstörungen, Essstörungen, Zwangsstörungen und Süchte. Zudem ist die Suchtgefahr immens hoch: 88% der Prostituierten nehmen Schmerzmittel, Psychopharmaka und Drogen. Daraus entsteht ein weiteres Problem: Entzugstherapien sind ohne Krankenversicherung nicht möglich.
Traumatherapeutische Hilfe für Aussteigerinnen aus der Prostitution
Rodica Knab, Traumatherapeutin und Mitarbeiterin bei der Fachberatungsstelle SOLWODI Augsburg, sprach über traumatherapeutische Unterstützungen für Aussteigerinnen aus der Prostitution. Sie wies darauf hin, dass die meisten Prostituierten aus kollektivistischen Gesellschaften kommen, in welchen die Lebensrealität von Frauen allgemein von physischer und psychischer Gewalt und Entwürdigung geprägt ist. Die Abhängigkeit von gewalttätigen Männern ist Alltagserfahrung, ein Opferbewusstsein fehlt daher. Ist eine Frau ausstiegswillig, braucht sie viel Unterstützung: psychosoziale Beratung, Organisation von Dokumenten, Beantragung von Leistungen und, Abschluss einer Krankenversicherung, Hilfe bei der Suche von Wohnung und Sprachkurs, Begleitung bei Behördengängen, Beratung in Erziehungsangelegenheiten etc. Nur 20% schaffen die Rückkehr in die bürgerliche Welt tatsächlich.
Sekundärtraumatisierung helfender und unterstützender Personen
Von Cathrin Schauer-Kelpin, der geschäftsführenden Vorständin des Vereins KARO eV., wurde die Gefahr einer Sekundärtraumatisierung bei den Helfenden in den Fokus gerückt, ein Thema, über das kaum gesprochen wird. Dabei ist leicht nachvollziehbar, dass in Beratung und Begleitung das Weltbild permanent erschüttert wird. Bei vielen Engagierten zeigen sich nach einiger Zeit Burnout-Symptome wie Erschöpfung, Motivationsverlust, Zynismus, Reizbarkeit, Zweifel an der eigenen Kompetenz, Gefühle der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Bei der Sekundärtraumatisierung geschieht eine Übertragung der traumatischen Situation, ohne selbst traumatisiert worden zu sein. Das Wissen um das traumatische Ereignis weckt ein starkes Mitgefühl und führt schließlich zur unbewussten Identifizierung, so dass die gleichen Symptome wie bei der PTBS zu beobachten sind.
Die Verantwortung der Freier
Ergebnisse einer internationalen Freier-Befragung unter Leitung der amerikanischen Psychologin Melissa Farley präsentierte Kerstin Neuhaus, Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin des Vereins AugsburgerInnen gegen Menschenhandel. Da die Referentin selbst die qualitativen Befragungen in Deutschland durchgeführt hatte, konnte sie ein klares Fazit ziehen: Freier wissen über die desolate Verfassung der meisten Prostituierten, um den Zwang, dem sie unterliegen. Doch weil Freier für etwas bezahlen, das in Deutschland erlaubt ist, übernehmen sie keine Verantwortung, 75% der Freier glauben, dass Prostitution Vergewaltigungen verhindert, doch das Konzept der Vergewaltigung greift in ihren Augen nicht bei Prostituierten. Sie geben jedoch mehrheitlich an, auf die Inanspruchnahme von bezahltem Sex verzichten zu wollen, wenn Sexkauf illegal wäre und ihr Verhalten als kriminell eingestuft würde. Bei der derzeitigen Gesetzeslage ist die Hemmschwelle extrem niedrig. Das Durchschnittsalter der Freier beim Erstkontakt mit einer Prostituierten liegt bei 22 Jahren. – Die Studienergebnisse scheinen den Befürwortern eines Sexkaufverbots Recht zu geben: Die Verursacher der Traumata sind durch Aufklärung nicht zur Verhaltensänderung zu bewegen, denn sie wissen, was sie tun.
Im Anschluss an die Fachvorträge bot sich den Teilnehmenden die Möglichkeit zur aktiven Beteiligung in drei parallelen Themenforen über (1) Traumatisierte Betroffene von Menschenhandel, (2) Die Situation der Helfenden sowie (3) Die Verantwortung der Freier. Die Arbeitsergebnisse der drei Foren wurde im Plenum präsentiert.
Fazit
In ihrem Schlusswort betonte Daniela Lutz von der Fachberatungsstelle SOLWODI Augsburg, dass Traumata den Ausstieg aus der Prostitution erschweren, und forderte einheitliche Regeln für die gesamte EU sowie einen erweiterten Schutzstatus für Betroffene von Zwangsprostitution aus Nicht-EU-Ländern.
Frauenhandel ist moderne Sklaverei und eine schwere Menschenrechtsverletzung. Die Fachtagung konnte dazu beitragen, Expertinnen und Experten zu vernetzen, in der Öffentlichkeit mehr Bewusstsein für die Opfer von Zwangsprostitution zu schaffen sowie politische Handlungsoptionen auszuloten.
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