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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Louis Weinmann

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Louis Weinmann - Papierfabrikant und Mäzen.

Bis heute ist der Name von Louis Weinmann untrennbar mit der Dachauer Papierfabrik MD verbunden, einem der erfolgreichsten Papiererzeuger Deutschlands. Lange Zeit lenkte Weinmann innovativ dieses bedeutende Unternehmen. Er ist ein Beispiel dafür, wie maßgebend Unternehmer jüdischer Herkunft das wirtschaftliche Leben in Deutschland bestimmt und modern gestaltet haben. In seinen Villen in München und in Leoni am Starnberger See traf sich zudem alles, was künstlerisch und wissenschaftlich Rang und Namen hatte.

Aus Bayrisch Schwaben

Louis Weinmann wird am 4. September 1839 in Wallerstein geboren, einer der bedeutendsten früheren jüdischen Gemeinden in Bayrisch-Schwaben, die zu den ältesten in Deutschland gehört. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das „königlich-bayerische Bezirksrabbinat Wallerstein“ für alle jüdischen Gemeinden im bayerischen Ries zuständig. Bereits als jungen Mann zieht es ihn nach München. Hier arbeitet er zunächst als Buchhalter und Kassierer im Bankhaus Josef von Hirsch. Literarisch und künstlerisch interessiert, bewegt er sich auch in Münchens Künstlerkreisen, wo er Julie Wassermann (1849-1936) kennenlernt, die Tochter des Reichenhaller Hoteliers Josef Wassermann, die gleichfalls jüdischer Herkunft ist. Wenige Jahre später heiratet er sie und sie bekommen drei Söhne: Kurt, Fritz und Rudolf.

Erfolgreich als Geschäftsführer der MD-Papierfabrik in Dachau

1864 tritt der 25-jährige Louis Weinmann in die Dachauer Aktiengesellschaft für Maschinenpapierfabrikation (MD) ein, die 1862 vom Münchner Ingenieur Gustav Medicus gegründet worden ist. Als Weinmann in den Vorstand gewählt wird, hält der Erfolg Einzug. Der Betrieb wird neu organisiert und auf seine Person konzentriert. Weinmann veranlasst wegweisende Investitionen des Unternehmens: den Kauf des umfangreichen Areals Steinmühle in Dachau, auf dem eine Papierfabrik errichtet wird, die sich in den kommenden Jahrzehnten zum Herzstück der MD entwickelt. Unter ihm erhält der Betrieb eine Werksfeuerwehr, die auch der Gemeinde Dachau Hilfe leistet. Viele neue Maschinen werden angeschafft, darunter auch eine Papiermaschine, die 1873 in Wien auf der Weltausstellung als technische Innovation vorgeführt worden war. 1890 wird der mittlerweile zum Kommerzienrat ernannte und zum Handelsrichter avancierte Weinmann Hauptaktionär der MD-AG. Das in Dachau hergestellte Papier wird auch für bekannte Münchner Zeitschriften wie den „Simplicissimus“ oder die „Jugend“ verwendet.

Soziales Engagement

Weinmann, der „Vater der Arbeiter“, wird in der von ihm geführten Fabrik zum Initiator wichtiger Sozialleistungen. Er gründet eine Betriebskrankenkasse und eine Pensionskasse für die Werksangehörigen, sowie einen Wohltätigkeitsfonds, mit dessen Zinsen in Not geratene Arbeiter und Beamte Unterstützung finden. Auch die hygienischen Verhältnisse im Betrieb verbessert er. Zusammen mit seiner Frau initiiert er 1889 zudem eine Stiftung, die Kinder von verstorbenen oder verunglückten Beschäftigten unterstützt. Um seinen Mitarbeitern günstigen Wohnraum in der Nähe ihres Arbeitsplatzes anbieten zu können, werden zudem mehrere Häuser nahe der Fabrik errichtet.

Zur Bedeutung der MD

Unter Weinmann entwickelt sich die Fabrik der MD zum Wachstumsmotor und jahrzehntelang zum wichtigsten Arbeitgeber in Dachau und Umgebung. Tatsächlich ist es mitunter auf die Ansiedlung der Papierindustrie in Dachau zurückzuführen, dass Dachau sich zu einer modernen Stadt entwickelt. Doch die Strahlkraft der MD reicht weit über die regionalen Grenzen hinaus nach ganz Europa und Übersee.

Weinmanns Haus am Siegestor – Treffpunkt Münchner Schriftsteller und Künstler

Louis Weinmann selbst wohnt mit seiner Familie in München am Siegestor in einer Villa, die nach den Plänen Albert Schmidts errichtet worden ist, der auch der Architekt der alten Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße im Zentrum von München gewesen ist. Weinmanns Villa entwickelt sich in den 1890er Jahren zu einem wichtigen Künstler- und Gelehrtentreff. Seine Frau Julie etwa steht hier in engstem Austausch mit der Schriftstellerin Carry Brachvogel, die gleichfalls einen Salon am Siegestor führt.

Skizze aus dem Gästebuch des Ehepaares Weinmann.

Skizze aus dem Gästebuch des Ehepaares Weinmann.

StadtAM-NL-WEINM-1; Gästebuch des Ehepaares Weinmann; Dr. Ingvild Richardsen

Villa Weinmann in Leoni

Bereits 1877 hat Louis Weinmann für seine Sommeraufenthalte ein 14.000 Quadratmeter großes Grundstück mit Villa in Leoni am Starnberger See von der Witwe des Bestsellerautors Georg Friedrich Hackländer erworben. 1882 wird dort eine neue Villa ins Grundbuch eingetragen, die Villa Weinmann, die bis 1919 in Familienbesitz bleiben sollte. Aus den 2016 wiedergefundenen Gästebüchern geht hervor, dass nicht nur die Münchner Villa, sondern auch das Leoni-Anwesen in der Weinmann-Ära zu einem bedeutenden Treffpunkt deutscher und europäischer Wissenschaftler und Künstler avanciert. In den Gästebüchern finden sich Namen vieler bekannter Persönlichkeiten und Familien, darunter Pilar Prinzessin von Bayern, Franz von Pocci, der Physiker Dr. Leo Graetz, die Verlegerfamilien Hanfstaengl und Knorr & Hirth, Mitglieder der Familien Rothschild, Rosenthal, Wassermann, Kustermann, Porges, Wertheimer oder von Miller.

Weinmannsche „Gedächtniskapelle“

Dass sich auch die Weinmanns aufgrund der Assimilationsbestrebungen vieler deutscher Juden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von ihrem Selbstverständnis nicht mehr als „jüdisch“ begreifen, ist daran zu ersehen, dass alle drei Söhne der Weinmanns in den 1890er Jahren zum protestantischen Glauben übertreten. Deutlich wird dies aber auch an den mit dem Tod von Louis Weinmann verbundenen Begräbnisumständen: Nach jüdischem Brauch üblich gewesen wäre ein Begräbnis in einem Holzsarg. Nach seinem Tod am 13. Mai 1902 in München wird Louis Weinmann stattdessen vier Tage später in ein Krematorium in Jena gebracht, eingeäschert und seine Urne wieder nach München überführt. Im Jahr darauf errichtet der bekannte Architekt Theodor Fischer (1862-1938) hinter der Weinmann Villa in Leoni eine im Jugendstil gehaltene „Gedächtniskapelle“ als Aufbewahrungs- und Gedenkort, die heute unter Denkmalschutz steht.

 

Autorin: Dr. Ingvild Richardsen forscht seit 2005 zu Frauenbewegungen, feministischen Themen, Erinnerungskultur, Jewish Heritage, NS-Zeit und modernen Kunstbewegungen.

Die Frauenrechtlerinnen vom Haus Buchenried. Artikel vom 21. Sept. 2019 im Münchner Merkur.  https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/muenchen-chiemsee-starnberg-frauenbewegung-1.4604812

Isaria Wohnbau (Hg.): Das Louis Weinmann Projekt. Von der Papierfabrik zum Stadtviertel. Isaria Wohnbau AG, 2017 (Geschichte der Papierfabrik von 1862 bis 2007). https://www.historische-projekte.de/buecher/louis-weinmann-projekt/

Chronik der MD; http://www.auer-muehlbach.de/content/spaziergang/kegelhof/chronikdermd/

Zum Grabmal und zur Gedächtniskapelle der Weinmann siehe: https://mediatum.ub.tum.de/939152

Julie Weinmann, geb. Wassermann. Gedenkbuch München; https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch_link&gid=11227

NL-WEINM-1 Gästebuch der Familie Louis und Julie Weinmann, Besitzer der Villa Weinmann bei Leoni am Starnberger See, 21. Juli 1883 bis 8. September 1919, 1883-1937 (Akt); Stadtarchiv München. https://stadtarchiv.muenchen.de/scopeQuery/detail.aspx?ID=663073

Kaufvertragsurkunde des Notariats München XVI vom 10. Juli 1919 Reg. Nr. 980 an die nachfolgenden Eigentümer den Apotheker und Fabrikanten Karl Weinreben aus Frankfurt. (Staatsarchiv München, Eichstätt)

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