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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Elijah Levita

Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Elijah Levita - Der große hebräische Grammatiker aus Bayern.

Im Jahr 2021 leben Jüdinnen und Juden nachweislich seit 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschland. Um das zu feiern, finden in der gesamten Bundesrepublik das ganze Jahr über Veranstaltungen statt. Ziel des Festjahres ist es, jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem erstarkenden Antisemitismus entgegenzuwirken.

Die Hanns-Seidel-Stiftung beteiligt sich an diesem Jubiläumsjahr mit vielfältigen Aktivitäten. Auch wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, das Judentum in Geschichte und Gegenwart als untrennbaren und prägenden Teil unseres Landes und unserer Gesellschaft erfahrbar zu machen. Als ein Baustein hierzu dient eine Reihe von Portraits jüdischer Persönlichkeiten, die in ihrem je eigenen Wirkungsbereich Bemerkenswertes und Bereicherndes geleistet haben. Auf diese Weise haben sie Deutschland im Allgemeinen und Bayern im Besonderen zu dem gemacht, was sie heute sind.

Elijah Levita - Der große hebräische Grammatiker aus Bayern

Ein jüdischer Gelehrter aus Bayern richtete im 16. Jahrhundert die Erforschung des Bibeltextes neu aus und erleichterte so auch christlichen Gelehrten das Erlernen der hebräischen Sprache.

Familie und Beruf

Geboren wurde Elijah ben Ascher ha-Levi Aschkenasi („der Deutsche“) in dem mittelfränkischen Dorf Ipsheim an der Aisch um 1469/70. Seine Jugend verbrachte er im nahegelegenen Neustadt, wo sein Vater Ascher offenbar der kleinen jüdischen Gemeinde als Rabbiner vorstand.

Im 15. Jahrhundert wurden die deutschen Juden nach und nach aus zahlreichen Städten und ländlichen Gebieten vertrieben und suchten oft im Osten oder Süden Europas nach einer neuen Heimat.
So kam es auch, dass Levita als junger Mann nach Italien zog und dort 1494 heiratete. Seine Familie ernährte er meist durch Hebräischunterricht und das Kopieren seltener Handschriften. Daneben war Levita auch als Korrekturleser in italienischen Druckereien beschäftigt, die sowohl jüdische Leser als auch interessierte Christen mit Texten versorgten.

Als Lehrer und Gelehrter in Rom

Ein Wendepunkt in seinem Leben war die Begegnung im Jahre 1515 in Rom mit dem Augustinergeneral (und späteren Kardinal) Egidio da Viterbo (1471–1532), der ein eifriger Student des Hebräischen war und sich besonders für die jüdische Mystik, die Kabbala, interessierte und daraus eigene theologische Konzepte entwickelte.
Levita trat mit seiner Familie dem erweiterten Hausstand Viterbos bei, wodurch er keine existentiellen Sorgen mehr hatte und sich mit voller Kraft seinen wissenschaftlichen Interessen widmen konnte.
Zu dieser Zeit lernten Christen bei jüdischen Gelehrten Hebräisch. Viele Juden sahen dies kritisch, weil es ein Verbot gab, die „Angetraute Israels“, also die Torah, an Außenstehende weiterzugeben. Traditionell verstand man dieses Verbot so, dass auch das Hebräische nicht weitergegeben werden sollte. Ein weiterer Grund für diese Ablehnung lag in den antijüdischen Polemiken, die viele dieser christlichen Hebraisten verfassten.
Levita rechtfertigte sich in seinem Buch Masoret ha-Masoret („Die Tradition der Tradition“) gegen diese Art von Kritik, dass es nur verboten sei, Nicht-Juden in der Kabbala zu unterrichten. Zu seinen berühmtesten Schülern gehörten Johannes Reuchlin und Andreas Osiander. Tatsächlich setzte sich Levita auch über dieses Verbot hinweg und kopierte für Egidio da Viterbo kabbalistische Texte. In seiner Rechtfertigung gab Levita freimütig zu, dass er seinerseits auch von Viterbos Wissen profitiert habe.
Die alltägliche Auseinandersetzung mit humanistischen Ideen schlugen in Levitas Erforschung von Lexikographie und Grammatik durch. Er führte beide Traditionen zusammen, was es ihm erlaubte, Glaubenssätze, die viele Juden in Bezug auf den Bibeltext hatten, zu hinterfragen. Das Miteinander zwischen dem jüdischen Gelehrten und seinem christlichen Mäzen war nach unserem Wissen von gegenseitigem Respekt geprägt. Aus Bemerkungen Levitas geht hervor, dass er offenbar die Begeisterung Viterbos für die Kabbala nicht geteilt hat.

Die Folgen des ‚Sacco di Roma‘

Levitas Zeit im Hause Egidio da Viterbos endete abrupt im Jahre 1527 durch weltpolitische Ereignisse. Die Truppen Kaiser Karls V. rebellierten, nachdem ihnen lange Zeit der versprochene Lohn nicht ausgezahlt wurde. Die Soldaten hofften, sich schnell bereichern zu können, indem sie Rom plünderten und Papst Klemens gefangen setzten, um Lösegeld zu erpressen.

Levita und seine Familie überlebten zwar den ‚Sacco di Roma‘, jedoch sah er keine Zukunft mehr in Rom und siedelte nach Venedig über. In Venedig war Levita wieder als Korrekturleser und in anderen Funktionen für die dort ansässigen Buchdrucker tätig. Beispielsweise ist ein Brief Levitas erhalten, in dem er dem christlichen Hebraisten Johann Albrecht Widmanstetter (1506–1557) hebräische Buchtitel zum Kauf vorschlägt, die in Venedig vorrätig waren.

Übersetzung der Werke von Levita ins Lateinische

Im Jahre 1540 reiste Elijah Levita ein letztes Mal nach Süddeutschland, nach Isny im Allgäu, wohin ihn der christliche Buchdrucker Paulus Fagius (1504–1549) eingeladen hatte. Fagius wollte Levitas sprachwissenschaftliche Erkenntnisse für Christen zugänglich machen und übersetzte seine Werke ins Lateinische.

Seine letzten Jahre verbrachte Levita wiederum im Venedig, wo er 1549 verstarb. Bis heute ist der Grabstein dieses bedeutsamen bayerischen Juden auf dem jüdischen Friedhof auf der Insel Lido vor Venedig zu sehen.

Elijah Levita, Sefer Masoret ha-Masoret („Die Tradition der Tradition“), gedruckt in Venedig bei Daniel Bomberg, [1538].

Elijah Levita, Sefer Masoret ha-Masoret („Die Tradition der Tradition“), gedruckt in Venedig bei Daniel Bomberg, [1538].

Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatsbibliothek.

Wissenschaftliche Bedeutung

Wie bereits angedeutet, liegt Levitas Bedeutung in einer Reihe von systematischen Darstellungen zur hebräischen Sprache. 1508 legte Levita erstmals die Früchte seiner Arbeit zur hebräischen Grammatik vor. Jüdische Gelehrte orientierten sich zurzeit Levitas primär an der Grammatik des mittelalterlichen Gelehrten Moses Kimchi. In seinen Glossen zu diesem Werk zeigte Levita erstmals seine gedankliche Schärfe auf.

Einer der Höhepunkte von Levitas Arbeit ist sein Masoret ha-Masoret („Die Tradition der Tradition“), worin er die Gewissheiten seiner Zeitgenossen über den Bibeltext infrage stellte.

Um Levitas Leistung würdigen zu können, muss man bedenken, dass das Hebräische nur mit Zeichen für die Konsonanten geschrieben wird, die Lesung und damit das Verständnis der einzelnen Wörter aber Unklarheiten ergeben kann. Ende des ersten Jahrtausends unserer Zeit nahmen sich jüdische Gelehrte in der Stadt Tiberias dieses Problems an und legten die Bedeutung des biblischen Konsonantentextes fest, indem sie Vokalzeichen über und unter die Konsonanten einfügten. Die Herkunft dieser Vokalzeichen ging im Laufe der Zeit verloren, bis man glaubte, sie seien gemeinsam mit dem Konsonantentext Teil der göttlichen Offenbarung.

Levitas Leistung ist es, anhand zahlreicher Quellen nachgewiesen zu haben, dass diese Zeichen eine spätere Hinzufügung sind. Durch diese und viele andere Arbeiten, wie seine Grammatik Sefer ha-Bachur („Buch des Erwählten“), deren Titel er seinen Beinamen „Bachur“ verdankt, hat sich Elijah Levita einen Ehrenplatz in der Geschichte der Erforschung des Bibeltextes erworben.

Autor: Maximilian de Molière ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Judaistik/Jüdische Studien der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München über den christlichen Hebraisten Johann Albrecht Widmanstetter promoviert.

 

Günter Mayer: Levita, Elias. In: Neue Deutsche Biographie 14 (1985). S. 402f.

Gérard E. Weil: Élie Lévita. Humaniste et Massorète. Leiden 1963.

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