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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Josef Schülein

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Josef Schülein - Brauereibesitzer und „König von Haidhausen“.

Im Münchner Stadtteil Berg am Laim verläuft senkrecht zur Kreillerstraße, wie die B 304 hier heißt, die Schüleinstraße. Auf halber Höhe öffnet die Straße sich linker Hand zu einem kleinen Platz, auf dem ein Brunnen steht. Straße, Platz und Brunnen tragen den Namen Josef Schülein. Der Namensgeber ist sogar bei langansässigen Bewohnern größtenteils in Vergessenheit geraten, obwohl er Anfang des 20. Jahrhunderts eine der bekanntesten Persönlichkeiten Münchens war. Grund genug, sich auf eine Spurensuche in die Vergangenheit zu begeben. Einen ersten Hinweis bietet die Betrachtung des Schülein-Brunnens: Diesen ziert, auf einer Säule über dem Becken thronend, die Bronzeskulptur eines Mälzerbuben, Symbolbild des Brauer- und Mälzerberufs. In der Tat, Schülein war Brauereibesitzer, und zwar einer der bedeutendsten seiner Zeit.

Unscheinbare Anfänge

Auf diesen Werdegang hatte zu Beginn seines Lebens nicht viel hingewiesen. Schülein kam am 31. März 1854 im mittelfränkischen Thalmässing in einfachen Verhältnissen zur Welt. Der Ort hatte bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine verhältnismäßig große jüdische Bevölkerung, als im Zuge der voranschreitenden jüdischen Emanzipation immer mehr Juden in die Städte übersiedeln und bürgerliche Berufe annehmen konnten. Diesen Weg ging auch der junge Josef Schülein: 1873 zog es ihn zusammen mit seinen Brüdern Gustav und Julius nach München. Noch verhältnismäßig mittellos angekommen, schafften sie es rasch, in der Geschäftswelt Fuß zu fassen, zunächst nicht im Brauereiwesen, sondern als Bankiers: 1878 war Schülein bereits Eigentümer einer Privatbank, 1881 wurde ihm das Münchner Bürgerrecht verliehen.

Erfolg als Brauer und Unternehmer

Einen Namen sollte sich Schülein aber als Brauer machen. 1895 kauften die Schülein-Brüder zusammen mit ihrem Schwager Josef Aischberg eine bankrotte Brauerei und gründeten in der Äußeren Wiener Straße die Unionsbrauerei Schülein und Companie. Schon bald war die neue Brauerei beliebt und entsprechend erfolgreich. Bereits 1903 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, wenig später konnte expandiert werden. 1905 fusionierte die Unionsbrauerei mit der Münchner Kindl-Brauerei und konnte so ihren Ausschankdeutlich erweitern. Unter anderem kam der Münchner Kindl-Keller in ihren Besitz – mit mehr als 5.000 Plätzen Münchens größter Biersaal. Schüleins Brauerei zählte vor dem Ersten Weltkrieg mit einer Bierproduktion von jährlich annähernd 320.000 Hektolitern zu den fünf größten Münchner Brauereien. 1920 erwarb Schülein zusätzlich Schloss und -brauerei Kaltenberg. 1921 fusionierte die Unionsbrauerei mit der Löwenbräu AG und etwas später mit dem Bürgerlichen Brauhaus München, das unter anderem den Bürgerbräukeller betrieb. Josef Schülein selbst wirkte nach der Fusion als Aufsichtsrat und verwaltete die Schlossbrauerei Kaltenberg. Sein Sohn Hermann wurde nach kurzer Übergangsphase Vorstandsvorsitzender und Generaldirektor der Löwenbräu AG.

Leo Samberger porträtierte den Brauereibesitzer Joseph Schülein im Jahr 1907.

Leo Samberger porträtierte den Brauereibesitzer Joseph Schülein im Jahr 1907.

Leo Samberger; (CC-PD-Mark); Wikipedia

Der „König von Haidhausen“

Seinen wirtschaftlichen Erfolg wollte Josef Schülein immer an die Stadtbevölkerung zurückgeben. Zeitlebens war er als Freund der einfachen Leute bekannt, schon die Gründung seiner Brauerei im damaligen Arbeiterviertel Haidhausen gibt dafür Indiz. In ihren Betrieben waren die Schüleins, Vater wie Söhne, als großzügige Arbeitgeber geschätzt, Löhne und soziale Leistungen lagen stets über den tariflichen Vorgaben. Josef Schülein unterstützte Haidhausener Vereine, verteilte regelmäßig bei Besuchen im Arbeiterviertel Geschenke an die Kinder, gründete Stiftungen und war jährlich Pate für etwa 40 bis 50 Firmlinge, die er für den Festtag neu einkleidete und bewirtete. Wegen seiner Wohltätigkeit war er bei der Bevölkerung bald als „König von Haidhausen“ bekannt und beliebt. Auch im benachbarten neuen Stadtteil Berg am Laim tat sich der Brauereibesitzer sozial hervor: Er stiftete 21 Grundstücksparzellen mit je 1.000 – 2.500 m2 für den sozialen Wohnungsbau. 1920 benannte die Stadt München die dort gelegene Straße und Platz nach ihm. 1928 stiftete er den Brunnen am Platz. Schülein setzte sich auch für die Förderung des Münchner Brauchtums ein. Ihm zu Ehren führten die Schäffler ihren berühmten Tanz vor seinem Haus in der Richard-Wagner-Straße 7 auf, das er 1902 als Wohnsitz hatte errichten lassen. Obgleich selbst eher weltlich eingestellt, hielt Josef Schülein die jüdischen Traditionen stets hoch. So war für alle Familienmitglieder in München das gemeinsame Essen am Vorabend des Sabbat Pflicht.

Antisemitische Schmähungen

Schon seit den ersten Erfolgen als Brauer musste Josef Schülein antisemitischen Schmähungen erdulden. Wegen der Diffamierung seines Biers als „Dividendenwasser“ klagte er 1905 gegen die Redaktion der „Münchner Bier-Chronik“ – und bekam Recht zugesprochen. Die antisemitischen Angriffe nahmen in den 1920er Jahren erheblich zu. Sein Bier wurde als „Judenbier“ diffamiert, der „Völkische Beobachter“ ätzte 1922 gegen eine angebliche „Verjudaisierung der bayerischen Brauindustrie“. Sogar Hitler selbst ereiferte sich 1928 bei einer NSDAP-Versammlung öffentlich gegen Schülein und sein Brauerei-Imperium. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mussten die jüdischen Aufsichtsratsmitglieder der Löwenbräu AG ihr Mandat niederlegen, darunter Josef Schülein, der sich nach Schloss Kaltenberg zurückzog. Sein Sohn Hermann musste als Generaldirektor und Vorsitzender des Vorstands zurücktreten, dem er als einfaches Mitglied noch bis 1935 angehörte. Danach emigrierte er nach New York City. Schüleinstraße und -platz wurden auf Antrag der NSDAP in Halserspitzstraße und -platz nach einem unbedeutenden Berg der Voralpen umbenannt. Die Besitztümer der Familie wurden nach und nach enteignet.

Nachwirkung

Josef Schülein lebte fortan auf Schloss Kaltenberg, wo er am 9. September 1938 starb. Er wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf den Neuen Jüdischen Friedhof in München überführt.

In New York war Hermann Schülein seit seiner Emigration mit großem Erfolg als Generaldirektor der Liebmann Breweries tätig. Obwohl er nie mehr dauerhaft in seine Heimatstadt zurückkehrte, blieb er ihr dennoch zeitlebens verbunden. Ab 1945 organisierte er Care-Paket-Aktionen für die Münchner Bevölkerung und beteiligte sich am Wiederaufbau des Alten Peter und des Nationaltheaters. 1949 kehrte er auch wieder in den Aufsichtsrat von Löwenbräu zurück. Er erhielt 1954 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik, 1961 den Bayerischen Verdienstorden und 1969 die Medaille „München leuchtet“ in Gold. Auf dem Gelände der ehemaligen Unionsbrauerei in der heutigen Einsteinstraße 42 wird seit den 1980er Jahren wieder eine Gaststätte betrieben. Seit einigen Jahren erinnern dort zwei Gedenktafeln an die Brauerfamilie Schülein. Schon kurz nach dem Krieg hatte die Stadt München erste symbolische Versuche unternommen, begangenes Unrecht wiedergutzumachen: Am 7. August 1945 wurden Platz und Straße in Berg am Laim wieder nach Josef Schülein benannt, dessen Namen sie bis heute tragen.

Autor: Maximilian Mihatsch, Bibliothekarischer Mitarbeiter/Presse- & Öffentlichkeitsarbeit 
Sankt Michaelsbund

 

Harlander, Lilian, Purin, Bernhard (Hg.), Bier ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten, München 2016.

Kluy, Alexander, Jüdisches München, Wien 2009.

Knauer-Nothaft, Christl, Kasberger, Erich, Berg am Laim. Von den Siedlungsanfängen zum modernen Stadtteil München, München 2007.

Magall, Miriam, „Wie gut sind deine Zelte, Jakob …!“. Spaziergänge im jüdischen München, München 2008.

Ostendorf, Jutta, Die Richard-Wagner-Straße in München, München 2007.

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