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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Hermann Levi

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Hermann Levi (1839-1900), Dirigent, Komponist und Pianist.

Die Presse schrieb so über den Dirigenten Hermann Levi nach dessen erstem öffentlichen Auftritt als Dirigent vor Münchner Publikum:

„Schon nach den Proben äußerten sich unsere gleichmütigsten Hofmusiker sehr günstig über die neue Leitung. Mit allgemeiner Spannung sah man der Aufführung entgegen; dieselbe zeigte Licht und Schatten, Feuer und Schwung, wie man sie lange nicht gehört hatte.“

Im Alter von gerade einmal 33 Jahren wurde er vom Intendanten des königlich-bayerischen Hof- und Residenztheaters als Hofkapellmeister und Generalmusikdirektor angeworben. Es mag also nicht verwundern, dass Levi heute als einer der bedeutendsten Dirigenten des 19. Jahrhunderts gilt.

Porträt Hermann Levi von Franz von Lenbach (1897).

Porträt Hermann Levi von Franz von Lenbach (1897).

Franz von Lenbach (1897); (CC 3.0); Wikimedia Commons

Zwischen jüdischer Tradition und christlicher Umgebung

Das Talent war Levi offenbar in die Wiege gelegt. Seine Mutter Henriette legte großen Wert auf die musikalische Erziehung ihrer Kinder. Sie entstammte einer Tabakfabrikantenfamilie in Mannheim und starb 1842 bei der Geburt ihres vierten Kindes, das ebenfalls kurze Zeit darauf verstarb. Hermann Levi war damals drei Jahre alt. Levis Vater, der hessische Landesrabbiner Benedikt Levi, versuchte nach dem Tod seiner ersten Frau (und seiner zweiten Frau, die nur ein Jahr nach der Vermählung bei der Geburt der gemeinsamen Tochter Auguste verstarb), die Fähigkeiten seiner musikalischen Söhne und Töchter zu fördern.

Hermann Levi entstammte einer Rabbiner-Familie. Er betonte mehrfach, dass 14 Generationen seiner Vorfahren väterlicherseits Rabbiner gewesen seien. Mindestens zehn davon, zurückreichend bis ins 16. Jahrhundert, sind belegbar. Levis Verhältnis zum Judentum wurde im Laufe seines Lebens immer distanzierter, vor allem durch öffentliche antisemitische Anfeindungen. Letztlich, so schreibt es Frithjof Haas, sei Levis Verhalten „ein oft hilfloses Pendeln zwischen der Verpflichtung gegenüber seinen orthodoxen Rabbiner-Ahnen und der Anpassung an eine christlich-bürgerliche Umwelt“ gewesen.

Levis Talent wurde früh erkannt

Bereits während seiner Schulzeit am Lyceum in Mannheim erhielt Levi Musikunterricht beim Hofkapellmeister Vinzenz Lachner. Dieser entwickelte sich schnell zu einem frühen Lehrmeister und Wegbereiter für Levi – gerade auch in Zeiten des zunehmenden Antisemitismus. In einem Empfehlungsschreiben an den Cäcilienverein Frankfurt schrieb Lachner: „Obwohl Jude von Geburt, hat Hermann Levi keine einzige dieser unangenehmen Eigenschaften, die das Vorurteil als unzertrennlich mit dieser Abstammung verknüpft … Weit entfernt zudringlich oder unbescheiden zu sein, ist er davon gerade das Gegenteil und von einem offenen, geraden und in Allem ehrenhaften Wesen, wie es nicht häufig getroffen wird.“

Ein talentierter Dirigent und viele große Namen

Nach seinem Studium am Leipziger Konservatorium führte Levi sein musikalischer Werdegang zunächst über Paris, Saarbrücken, Mannheim, Rotterdam schließlich 1864 ans Karlsruher Hoftheater. Zwischen dem jungen Kapellmeister und dem Komponisten Johannes Brahms entwickelte sich eine enge Freundschaft. Levi führte zusammen mit Brahms mehrere Kompositionen auf, wie etwa 1869 „Ein deutsches Requiem“. Die beiden Musiker unterhielten Kontakt zu der Pianistin Clara Schumann. Dass sich Schumann und Levi wohl gut verstanden, zeigen die freundschaftlichen Briefwechsel der beiden. Sie tauschten sich zeitlebens nicht nur über musikalische Themen aus, sondern auch über ihre Gefühle und Freundschaften zu anderen Künstlern.

Nach und nach ließ die Intensität der Freundschaft zwischen Levi und Brahms nach. Levi, der zunehmend Gefallen an den Kompositionen Richard Wagners gefunden hatte, suchte ab 1871 mehr den Kontakt zu ebenjenem.
Nachdem er 1872 nach München gekommen war, entwickelte sich eine innige Freundschaft zwischen Levi und Wagner. So kam es auch, dass Levi die Uraufführung von Wagners „Parsifal“ in Bayreuth dirigierte.
Auch zu Wagners zweiter Ehefrau, Cosima, unterhielt er bis zuletzt engen Kontakt. In Briefen schrieb er sie  – wohl aufgrund der großen Verehrung für ihren Mann – mit „Verehrte Frau Meisterin!“ an. Auf Wunsch von Cosima Wagner hatte Levi nach Richard Wagners Tod die künstlerische Leitung der Bayreuther Festspiele inne – trotz zunehmender antisemitischer Kritik in der Öffentlichkeit.

Eine weitere erwähnenswerte Beziehung war jene zwischen Levi und Richard Strauss. Während sich die beiden offenbar recht gut verstanden, stand vor allem der Vater von Richard Strauss, ein Antisemit, zwischen ihnen. Doch Levi schrieb 1893 an Richard Strauss:

„Halten Sie es für möglich, sich mit mir nicht nur auf einen geschäftlichen, sondern auf einen freundschaftlichen Fuß zu stellen? (…) Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, da wir uns in Ruhe aussprechen können, und da Sie erkennen werden, daß Sie mich bisher doch wohl in einer falschen Beleuchtung gesehen haben. (…) Ich meinentheils habe Ihnen gegenüber gar Nichts zu überwinden, und würde Ihnen herzlich gerne die Hand bieten zu einträchtigem Zusammenwirken!“

Trotz der Diskrepanzen und den verschiedenen Auffassungen über die Positionen eines Dirigenten, spielten Levi und Strauss schlussendlich regelmäßig Skat.

Hochzeit und Rückzug in die Berge

Aus gesundheitlichen Gründen, die wohl auf jahrzehntelange Überarbeitung zurückzuführen waren, sah sich Levi 1896 gezwungen, seine Laufbahn zu beenden. Kurz zuvor hatte er im Alter von 55 Jahren Mary Fiedler, die Witwe des Münchner Kunsthistorikers Konrad Fiedler, geheiratet. Auf der Heiratsurkunde wurde „konfessionslos“ eingetragen.

Sie beide zogen schließlich nach Partenkirchen, wo sich Levi mehr seinen Freundschaften, unter anderem zu Paul Heyse, widmete und mit Mozarts und Goethes Werken beschäftigte.

Nach seinem Tod 1900 wurde er zunächst in München beigesetzt, auf Verlangen seiner Frau fand Levi die letzte Ruhestätte jedoch in einem Mausoleum auf dem Grundstück seiner Villa in Partenkirchen.

Autor: Thomas M. Klotz, Leiter des Referats Bildung, Hochschulen, Kultur in der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung.

Hass, Frithjof: Zwischen Brahms und Wagner. Der Dirigent Hermann Levi. Zürich und Mainz: Atlantis Musikbuch-Verlag, 1995

Schwarzmüller, Alois (2021): Hermann Levi – Dirigent, Komponist und Übersetzer in Partenkirchen. (8.11.2021), abrufbar unter: www.gapgeschichte.de/aktuelles/biografisches/levi_hermann_1.htm

Steil, Dieter: Wie freue ich mich auf das Orchester! Briefe des Dirigenten Hermann Levi. Köln: Verlag Dohr, 2015

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

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