Print logo

Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Rafael Seligmann

Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Rafael Seligmann - ein authentischer Brückenbauer.

Aus der jüdischen Zeitgeschichte ist er nicht wegzudenken. Es beeindruckt ihn nicht, dass ihm nicht jeder seine Bekanntheit gönnt, dass er der Öffentlichkeit gleichermaßen als „Nestbeschmutzer“ (Allgemeine Jüdische Wochenzeitung) und als „Aufklärer“ (Die Zeit) präsentiert wird. Diese Souveränität hat er sich erarbeitet und strahlt sie aus. Dass sein Weg nicht immer einfach war, lässt sich in seinen Romanen nachlesen. Er hat die Menschen teilhaben lassen an seiner Emanzipation, an seinem Streben, sich in Deutschland zurechtzufinden, einen gemeinsamen Weg zu finden, sich selbst zu finden. Geschont hat er dabei niemanden. Das tut er bis heute nicht, was sich direkt aus seinem Lebensmotto ableitet: Menschen ins Gespräch bringen. Möglichst offen und unverblümt soll diese Kommunikation sein, damit man authentisch bleiben und die eigene Position nicht nur verteidigen, sondern selbst besser verstehen kann.
Dazu hat er vielfältige Kommunikationswege gesucht und gefunden. Wenn es sie nicht gab, hat er sie geschaffen.
Für die Gründung der deutsch-jüdischen Zeitung „Jewish Voice from Germany“ wurde ihm zusammen mit seiner Frau Elisabeth am 7. Mai 2021 das Bundesverdienstkreuz am Bande von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht.

Das Werk

Dr. Rafael Seligmann wurde am 13. Oktober 1947 in Israel geboren. Seine Eltern entschlossen sich zehn Jahre später, nach Deutschland zurückzugehen. „Deutschland wird Dir gefallen“, das versprach ihm sein Vater, der seine deutsche Heimat immer vermisst hatte. Um diesen Satz herum baute Seligmann einen Roman, der 2010 erschien. Mit „Lauf, Ludwig, lauf“, erschienen 2019, beschrieb er, wie Ludwig – sein Vater – in der Weimarer Zeit zwar bejubelt wurde, weil er ein spielentscheidendes Tor schoss, aber das Land trotzdem verlassen musste.

Die dynamische Auseinandersetzung mit seiner Mutter, die sich in „Die jiddische Mamme“ (1990) findet, die aber auch in „Rubinsteins Versteigerung“ (1988) bereits sehr präsent war, zeigt nicht ohne Ironie die Besonderheiten jüdischer Familien. Aber – und da kommt Seligmanns Fähigkeit zum Tragen, sich auf operativen Ebenen genauso sicher zu bewegen wie auf Metaebenen – die Prozesse waren und sind immer eine Reflexion dieser Eigenarten unter deutschen Rahmenbedingungen. In „Hannah und Ludwig: Heimatlos in Tel Aviv“ (2020) kommen nun die Ebenen zusammen: Seine Mutter und sein Vater, die Abkehr vom Leben im kleinen schwäbischen Ichenhausen hin zum globalen Blick, die 80 Schreibmaschinenseiten, die der Vater hinterlassen hat, über die Suche nach Heimat und die Rückkehr nach Deutschland, dieser Heimatsehnsucht, der auch der Sohn gefolgt ist. Seine Familiengeschichte erschien im September 2020 und ist ein deutsch-jüdischer Gesellschaftsroman, bei dem dieser Bindestrich zwischen „deutsch“ und „jüdisch“ so wichtig ist.
Seligmann war und ist hier in Deutschland. Als Jude. Er redet und schreibt. Über Themen, die uns alle beschäftigen, aber eben mit einer weiteren Linse. Er ist ein Deutscher, ein deutscher Jude.

Rafael Seligman will Menschen ins Gespräch bringen und sucht nach neuen Wegen der Kommunikation.

Rafael Seligman will Menschen ins Gespräch bringen und sucht nach neuen Wegen der Kommunikation.

Privatbesitz

Der Werdegang

Dass ihm diese Verbindung so gut gelingt, liegt auch an seinem Werdegang. Nach der Ausbildung zum Fernsehelektroniker fand er über den zweiten Bildungsweg den Weg an die Universität. Dort standen Politikwissenschaft, Neuere und Bayerische Geschichte auf dem Lehrplan. Nach seiner Promotion zu „Israels Sicherheitspolitik“ (1982) stand „Akademischer Rat“ an seinem Zimmer des Geschwister Scholl Instituts der LMU München. Es hätten weichere Themen zur Auswahl gestanden als die Analyse knallharter Sicherheitsfragen. Aber so sehr der Mensch Seligmann mit Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten der Menschen umzugehen weiß, so sehr ist dem Denker Seligmann bewusst, dass Macht und Interesse wesentliche Träger menschlicher Beweggründe sind.

Ein Sachbuch zu „Hitler. Die Deutschen und ihr Führer“ (2004) war aus seiner Perspektive nur konsequent. Seligmann selbst sagt, dies sei sein längstes Projekt gewesen, was immer er damit meint. Warum? Das ist die Frage dahinter, die Antwort: Angst! Angst vor der Veränderung, vor dem Projekt der Moderne. Die „German Angst“ hat Hitler und das Volk zusammengeschweißt. Den Stoff lieferten die Juden, die für das Momentum der Moderne stehen, so Seligmanns Thesen.

Der Journalist

In der Zeit als Akademischer Rat an der LMU München gründete er die „Jüdische Zeitung“ und war zwei Jahre lang deren Chefredakteur. Der Beginn seiner journalistischen Ambitionen. Für die namhaften deutschen Zeitungen hat er geschrieben, von 2004 bis 2009 war er Chefredakteur der Monatszeitung „The Atlantic Times“.
2012 gründete er die „Jewish Voice from Germany“ und fungierte bis 2019, als sie eingestellt wurde, als Herausgeber. Vier Mal pro Jahr erschien diese englischsprachige Zeitschrift. Sie sollte eine Brücke sein zwischen Deutschland und den Juden in aller Welt. Sie wurde den Abgeordneten der Knesset ebenso zugestellt wie denen des amerikanischen Kongresses und den Parlamenten in Kanada und Australien. Von 2015 an wurde sie auch in deutscher Sprache aufgelegt.

Der Brückenbauer

Rafael Seligmann hat zwischen Deutschen und Juden, zwischen deutschen Juden und amerikanischen Juden, zwischen Deutschen und den Juden in der ganzen Welt Brücken gebaut. Er tut das auf seine eigene Art und Weise und die findet Befürworter und Gegner. Ihm ist klar, dass ihm als Jude die Möglichkeit gegeben ist, Dinge zu sagen, die sich ein nichtjüdischer Deutscher nicht zu sagen traut – aber vielleicht denkt. Wie wichtig es ist, eine Sprach- und Sprechebene zu schaffen für Gedanken, die mindestens schlummern, zeigt sich heute mehr denn je: In Zeiten von Hate-Speech, in Zeiten, in denen der Antisemitismus neue Nährböden findet, in denen sich Menschen verkannt fühlen, weil sie sich kritisch äußern, geht es um Erdung. Das zu schaffen, kann heißen: reden, reden, reden, mal provozieren, aushalten, mal schelmisch lächeln und mal gar nichts sagen. So wie das der deutsche Jude Rafael Seligmann tut und immer getan hat.

Autorin: Dr. Claudia Schlembach ist Leiterin des Referats Wirtschaft und Finanzen an der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung.

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de
Leiter: Thomas Klotz
Bildung, Hochschulen, Kultur
Leiter:  Thomas Klotz
Telefon: 089 1258-264
Fax: 089 1258-469
E-Mail: klotz-t@hss.de