Konferenz „Wie viel Religion braucht die Demokratie?“
Gesprächsbrücken bauen
Staatsminister Joachim Herrmann, MdL, hält einen Impulsvortrag im Rahmen der Veranstaltung "Wie viel Religion braucht die Demokratie"
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Das Thema Religion hat trotz des Bedeutungsverlusts der großen Volkskirchen in den vergangenen Jahren massiv an Relevanz gewonnen. Paradoxerweise geht die zunehmende Säkularisierung jedoch mit einer verstärkten Pluralisierung einher: Die religiöse Landschaft ist heute so vielfältig wie nie zuvor. Das stellt Staat und Religionsgemeinschaften vor neue Herausforderungen. Mehr denn je sind die verschiedenen Akteure darauf angewiesen, in einen offenen Dialog mit- und untereinander zu treten. Über 200 Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen haben sich daher im Rahmen der Konferenz „Wie viel Religion braucht die Demokratie?“ der Hanns-Seidel-Stiftung an einem offenen und kontroversen Austausch beteiligt.
Staatsminister Joachim Herrmann, MdL, wies in seiner Eröffnungsrede nachdrücklich auf den Gottesbezug im Grundgesetz und in der Bayerischen Verfassung hin. Die Väter und Mütter beider Dokumente hätten in der Religion eine Stütze des demokratischen Gemeinwesens gesehen – gerade vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen. Es gelte daher, die obersten Bildungsziele der Bayerischen Verfassung – die Ehrfrucht vor Gott, die Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen – ernst zu nehmen. Herrmann interpretierte dies auch als Aufruf, sich um den interreligiösen Dialog zu bemühen: „Es ist oft fehlendes Wissen über einen anderen Glauben, der empfänglich für Intoleranz macht. Als Integrationsminister ist es mir daher ein sehr wichtiges Anliegen, den Dialog mit den Religionsgemeinschaften zu führen.“
Die ehemalige Regionalbischöfin und stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Susanne Breit-Keßler, spricht von den widersprüchlichen Facetten des Glaubens
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Die ehemalige Regionalbischöfin und stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Susanne Breit-Keßler, verwies auf die Ambivalenzen religiöser Überzeugung. Zum einen seien die Fundamente von Aufklärung und Demokratie durch christliche Grundeinsichten und Glaubenswahrheit geprägt worden – aus der Gottesebenbildlichkeit folge die Gleichwertigkeit aller Menschen, aus dem Glauben an die gottgewollte Gerechtigkeit das Recht auf Unversehrtheit, Sicherheit und Zusammenleben. Zum anderen hätten sich die Kirchen zu lange gegen ihre eigenen Traditionsbestände gesperrt. Wesentliche Errungenschaften mussten daher gegen sie durchgesetzt werden. Und auch heute gebe es weiterhin problematische Zugänge zur Religion – seien es evangelikale Trump-Anhänger, islamistische Terroristen oder fundamentalistische jüdische Siedler. All dies zeige: „Religion ist nicht automatisch kompatibel mit Demokratie. Das liegt daran, dass Institutionen, die Religion vertreten, stets in sich die Versuchung tragen, ihr Gedankengut, ihre Überzeugungen absolut zu setzen. Religion trägt in sich die Versuchung des Totalitären“, erklärt Susanne Breit-Keßler.
Für Engagement und Gemeinsinn
Anschließend kamen Vertreter der drei abrahamitischen Weltreligionen – Judentum, Christentum und Islam – zu Wort. Sie dachten aus ihrer je eigenen Perspektive über das Verhältnis von Demokratie und Religion nach, wiesen auf Chancen und Herausforderungen hin. Der katholische Augsburger Bischof Dr. Bertram Meier betonte das besonders hohe Maß an „Engagement-Bereitschaft“ religiöser Menschen: „Das ehrenamtliche Engagement ist geradezu ein Markenzeichen religiöser Praxis. So sind die Mitglieder der beiden großen christlichen Kirchen überproportional stark im Ehrenamt aktiv. Die Kirchen erweisen sich als entscheidender Knotenpunkt zur Stärkung der Zivilgesellschaft.“
Meiers evangelischer Kollege, Landesbischof Christian Kopp, machte in seinem Impulsbeitrag den Gemeinsinn als wichtige Ressource der Demokratie stark. Gerade hierzu würden die Glaubensgemeinschaften einen wertvollen Beitrag leisten: „Religion zielt auf das Höhere, Gott, die Ehrfurcht. Die Bedeutung des Awe, des Anderen, des Wunders. Und darum sehen religiöse Menschen immer auf das Gemeinsame. Gerade das ist grundlegend für unsere plurale Wirklichkeit. Ich erlebe das auch im interreligiösen Dialog. Wer am Dialog teilnimmt, hat schon verstanden: nicht allein mein oder euer Wille geschehe.“
Jo-Achim Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, beklagt den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland
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Gegen Sippenhaft und Diskriminierung
Jo-Achim Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, beklagte mit eindringlichen Worten den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland: „Der Wind weht uns mit einer Schärfe entgegen, die ich mir nicht habe vorstellen können.“ Als Ausweg aus dem Hass verwies er auf eine Stelle aus dem Buch Ezechiel, die sich gegen Ungleichbehandlung und Sippenhaft wendet. Er übertrug den Vers auf die heutige Zeit: „Wenn ein Jude lügt, sind nicht alle Juden Lügner. Wenn ein Muslim ein Verbrechen begeht, sind nicht alle Muslime Verbrecher.“
Auch Benjamin Idriz, Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg, beklagte Unsicherheit und gesellschaftliche Spaltung. Er warnte: „Dieses Gefühl der Ausgrenzung wird dazu führen, dass Muslime sich weiter zurückziehen und in Parallelwelten abdriften.“ Zugleich wandte sich Idriz an seine Glaubensgeschwister. Er rief sie auf, menschenverachtenden Islaminterpretationen entgegenzutreten und sich für jüdisches Leben stark zu machen. Letzteres stehe in der islamischen Tradition – seien muslimische Länder in der Geschichte doch oft Zufluchtsorte für Juden gewesen.
Jo-Achim Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg (Mitte links) und Benjamin Idriz, Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg (Dritter von rechts), folgen interessiert den Reden.
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Wissenschaftlich beleuchtet
Die Statements der Religionsvertreter wurden in der anschließenden Podiumsdiskussion erneut aufgegriffen und aus wissenschaftlicher Perspektive diskutiert – unter reger Beteiligung des Publikums. Prof. Heinrich de Wall, Experte für Kirchen- und Staatsrecht, betonte, dass mit dem Recht auf Religionsfreiheit auch das Recht auf Freiheit von der Religion einhergehe. Die Gesetzgebung zu Themen wie Abtreibung oder Asyl müsse daher immer auch jenseits von religiösen Begründungen plausibilisiert werden.
Prof. Georges Tamer, Direktor des Bayerischen Forschungszentrums für Interreligiöse Diskurse, wies auf die zentrale Bedeutung theologischer Fragestellungen im Dialog zwischen den Religionen hin. Nur wenn man zusammen in die Tiefe gehe und Gemeinsamkeiten wie Unterschiede gemeinsam erörtere, verliere alles Trennende seine explosive Kraft. Dem stimmte auch Prof. Martin Rötting zu. Er setzt sich seit Jahren für die Schaffung eines Hauses der Kulturen und Religionen ein – einer Begegnungsstätte für Angehörige verschiedener Glaubensrichtungen in München. Sieben Religionen seien bereits beteiligt.
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