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Historikerin Dr. Martha Schad im HSS-Kurzinterview
„Mich faszinieren die tragischen Lebensläufe der Frauen“

Autorin/Autor: Anne Wildermann

Die 86-Jährige ist in München geboren und Autorin zahlreicher Sachbücher. Im Interview mit der Hanns-Seidel-Stiftung spricht sie über den italienischen Bildhauer Gian Lorenzo Bernini, dem sie ihren neuen Bildband gewidmet hat, und über Papst Leo XIV.

Schad lebt mit ihrem Ehemann in Neusäß (Landkreis Augsburg).

Ihr aktuelles Buch „Leuchtspuren am Himmel von St. Peter – Berninis heilige Frauen auf den Kolonnaden in Rom“, ist im Kunstverlag Josef Fink erschienen, 19,80 Euro.

Bild von Martha Schad

Martha Schad / Privat

HSS: In Ihrem aktuellen Buch „Leuchtspuren am Himmel von St. Peter – Berninis heilige Frauen auf den Kolonnaden in Rom“ setzten Sie den Fokus auf die steinernen Frauenfiguren, von denen einige sowohl der italienische Bildhauer Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) geschaffen hat als unter anderem auch der Landsmann und Bildhauer Lazzaro Morelli (1619-1690).

Was fasziniert Sie an diesen „heiligen Frauen“?

Dr. Martha Schad: Insgesamt stehen auf den Kolonnaden 140 Heiligenfiguren – davon sind 38 Figuren Frauen. Es ist schon erstaunlich, dass in der damaligen Zeit überhaupt 38 Frauen dargestellt worden sind, von denen jede mehr als drei Meter groß ist. Und natürlich faszinieren mich die unterschiedlichen und teils tragischen Lebensläufe dieser Frauen.

HSS: Einige dieser Statuen stellen Märtyrerinnen und Ordensgründerinnen dar. Was sagen diese Frauenbilder über die katholische Kirche des Barocks aus? Und was über unsere heutige Zeit?

Dr. Martha Schad: Die steinernen Frauenfiguren verkörpern nicht nur Heilige, sondern auch bestimmte katholische Tugenden des Barock wie Gehorsam, Demut, Opfer- und Leidensbereitschaft. Die dargestellten heiligen Frauen sind stark idealisiert und mit bestimmten Attributen wie Märtyrerpalme, Schriftrolle oder Kruzifix ausgestattet. Diese Idealisierung sagt mehr über die damalige Wunschvorstellung der katholischen Kirche aus als über das tatsächliche Leben von Frauen im 17. Jahrhundert.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau heutzutage noch so bedingungslos ein Martyrium ertragen würde. Dass sie bereit wäre für ihren Glauben zu sterben. Oder dass Ordensgründerinnen, die damals in vollem Gottvertrauen gehandelt haben, diese heute auch noch machen.

HSS: In Ihrem Buch gehen Sie nicht nur auf die einzelnen, bewegten Biografien der Frauen ein, sondern auch auf das Leben des Bildhauers Bernini und seine künstlerische Handschrift. Er galt zu Lebzeiten schon als Ausnahmetalent, war ein Günstling des damaligen Papstes Urban VIII. (1568-1644).

Sehen Sie Bernini auch als einen Frauenverehrer oder nur als Auftragskünstler?

Dr. Martha Schad: Bernini hatte im Alter von 38 Jahren eine Romanze mit der damals 22-jährigen Costanza Piccolomini Bonarelli, die mit dem Restaurator Matteo Bonarelli verheiratet war. Dem nicht genug: Die schöne Costanza hatte zeitgleich auch eine Affäre mit Berninis jüngerem Bruder Luigi. Der Skandal war perfekt. Beinahe hätte Bernini seinen jüngeren Bruder umgebracht und auch das Gesicht seiner Geliebten Costanza wollte er von seinem Diener mit einem Messer verunstalten lassen.
Erst Papst Urban VIII. sorgte für Ruhe und veranlasste, dass Bernini eine junge Frau namens Caterina heiratete. Das Paar hatte elf gemeinsame Kinder und er blieb seiner Ehefrau stets treu.
Bernini war handwerklich und künstlerisch einfach genial! Sowohl was seine Ideen anbelangte als auch sein Pensum an Auftragsarbeiten. Diverse Brunnen in Rom, den Baldachin des Papstaltars im Petersdom und natürlich einige seiner heiligen Frauenfiguren hat er erschaffen.

HSS: Welche der von Ihnen porträtierten Frauengestalten der katholischen Kirche sollte für unsere Gesellschaft Ihrer Meinung nach heute wichtiger denn je sein? Und warum?

Dr. Martha Schad: Dafür wäre die Heilige Katharina von Siena geeignet, die schon 1461 heiliggesprochen wurde. Papst Benedikt XVI. stellte die sie am 24. November 2010 im Rahmen seiner Katechese bei der Generalaudienz zu den mittelalterlichen Heiligen vor. Er sagte: „Katharina ist eine große Mystikerin mit einer christologisch orientierten und eucharistischen Spiritualität gewesen.“ Katharina hatte die Durchsetzungskraft, die auch heute wichtig ist.

Drei der insgesamt 38 Frauenfiguren auf der Nordseite der Kolonnaden des Petersdoms in Rom: Balbina von Rom (li.), Lucia von Syrakus (Mitte) und Olympia von Konstantinopel.

Drei der insgesamt 38 Frauenfiguren auf der Nordseite der Kolonnaden des Petersdoms in Rom: Balbina von Rom (li.), Lucia von Syrakus (Mitte) und Olympia von Konstantinopel.

Monica / Adobe Stock

HSS: Papst Leo XIV. ist seit 100 Tagen im Amt. Was zeichnet Ihrer Ansicht nach diese ersten 100 Tage besonders aus? Was war überraschend für Sie? Was hat Sie enttäuscht?

Dr. Martha Schad: Die größte Überraschung war die Tatsache, dass der heutige Papst ein Amerikaner ist. Enttäuschungen gibt es keine. Ich wünsche mir nur, dass dieser Papst die Rolle der Frau in der Kirche weiter vorantreibt, denn in der katholischen Kirche spielen Frauen noch immer eine untergeordnete Rolle.

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