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Interview
Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen

Autorin/Autor: Maximilian Witte

Die Kosten steigen in unserem Gesundheitssystem. Wie können wir auch in Zukunft Versorgungssicherheit gewährleisten? Wir haben Prof. Dr. Susanna Minder gefragt, Expertin für Gesundheitsmanagement an der Internationalen Hochschule in München.

HSS: Frau Prof. Minder, wenn Sie von Nachhaltigkeit sprechen, dann geht es nicht um Naturschutz. Was bedeutet der Begriff in der öffentlichen Gesundheitsversorgung?

Prof. Dr. Susanna Minder: Wenn wir auch in ein oder zwei Jahrzehnten auf unser Gesundheitssystem blicken und weiterhin sagen können, dass wir hier in Deutschland eines der am weitesten entwickelten und funktionierenden Gesundheitssysteme der Welt haben – das ist in diesem Kontext Nachhaltigkeit. Nachhaltig ist somit, wenn wir auch weiterhin einen der oberen Plätze im Ranking des internationalen Gesundheitsindexes erreichen.

Prof. Minder lächelt in die Kamera

Prof. Dr. Susanna Minder studierte an der Technischen Fachhochschule Berlin Betriebswirtschaftslehre. Nach mehrjähriger Praxiserfahrung promovierte sie an der University of Latvia in Riga über Organisations- und Personalentwicklungsprozesse. Prof. Dr. Minder war langjährig in verschiedenen Fach- und Führungspositionen u.a. in der Gesundheitsbranche tätig, bevor sie 2017 an den Lehrstuhl Gesundheitsmanagement an der IU Internationalen Hochschule in München berufen wurde.

Prof. Dr. Susanna Minder

HSS: Welche unterschiedlichen Ansätze gibt es denn weltweit, die öffentliche Gesundheit zu organisieren?

Grundsätzlich gibt es vorrangig zwei Systeme: Das sogenannte Bismarck´sche System der Sozialversicherung, wie wir es in Deutschland kennen, und das Beveridge Modell, das originär aus Großbritannien stammt. Der Unterschied der beiden Systeme ist vor allem, wer für die Leistungserbringung zuständig ist und wie das System finanziert wird. Bei Beveridge Modellen erfolgt die Finanzierung durch Steuern, nicht aus Beiträgen wie beim Bismarckschen System. Die medizinisch notwendige Versorgung erhält der Patient dabei natürlich in beiden Systemtypen. Andere Länder setzen auf andere Systeme wie etwa die Kopfprämie in den Niederlanden, ein vorrangig privatwirtschaftliches Modell wie in den USA, oder einem System der Gesundheitssparkonten wie in Singapur.

HSS: Auf welchen Säulen ruht die allgemeine Gesundheitsversorgung in Deutschland und wie könnte sie gestärkt werden?

Da wir in Deutschland ein Bismarcksches System in der Gesundheitsversorgung haben – sprich die Sozialversicherung – ruht das System auf den Schultern von uns allen. Damit meine ich vorrangig die Erwerbstätigen in Deutschland, die mit ihren Beiträgen zusammen mit den Arbeitgebern unser System finanzieren. Und auch wenn der Staat Geld über Steuereinnahmen zuschießen muss, sind das auch wir Bürger, die diese Steuern zahlen. Die Leistungen – sowohl im ärztlichen als auch im pflegerischen Umfeld – werden von weiteren Erwerbstätigen finanziert. Es muss sichergestellt werden, dass wir in Deutschland weiterhin ein funktionierendes und zukunftsfähiges System der Sozialversicherung haben.

HSS: Wie können wir in Deutschland ein „nachhaltiges“ Gesundheitssystem schaffen? Gibt es konkrete Forderungen an die Politik?

Die Forderungen an die Politik sieht man gerade sehr deutlich, zum Beispiel die Proteste des Virchow-Bunds, der gerade für den Wegfall der Budgetierung in allen Fachgruppen, die Wiedereinführung der Neupatientenregelung, mehr Studienplätze in der Humanmedizin, den Erhalt der ambulanten dezentralen Strukturen durch freiberufliche akademische Heilberufe kämpft. Erste Schritte im stationären Umfeld sind hier auch schon mit der geplanten Krankenhausreform erfolgt. Hier sind die Ziele vor allem die Entökonomisierung, die Sicherung und Steigerung der Behandlungsqualität, die Entbürokratisierung des Systems sowie die Gewährleistung der Versorgungssicherheit.

HSS: Welche Faktoren belasten die öffentliche Gesundheit bei uns am meisten?

Das sind mehrere Faktoren, die in unterschiedlicher Ausprägung zu einem Anstieg der Gesundheitsausgaben führen. Beispiele sind zum einen das Vorhalten von Doppelstrukturen zum Beispiel im ambulanten und stationären Sektor oder die geringe Transparenz in der Abrechnung zwischen den gesetzlichen Krankenkassen, Leistungserbringern und Patienten. Auch die steigenden Lohnkosten sind sowohl im stationären als auch im ambulanten Sektor ein Problem, das nicht unendlich durch steigende Vergütungen ausgeglichen werden kann. Dazu kommen neue Behandlungsmethoden, die manchmal auch eine höhere finanzielle Belastung unseres Systems bedeuten, sowie allgemein der demographische Wandel.

HSS: Öffentliche versus private Verantwortung bei der Gesundheit: Welche Rolle hat der Staat und wo darf er sich nicht einmischen?

Das ist eher eine gesellschaftspolitische Frage. Unterschiedliche Systeme in der Welt haben eine unterschiedlich starke Einmischung des Staates zur Folge. So ist das auch im Gesundheitswesen. In unserem deutschen Gesundheitssystem gibt der Staat die Leitplanken vor, die Ausgestaltung findet dann aber durch die einzelnen Selbstverwaltungsorganisationen wie die Kassen(zahn)ärztliche Bundesvereinigung, die Deutsche Krankenhausgesellschaft oder den Spitzenverband Bund der Krankenkassen und deren Organisationen statt. In anderen Ländern ist es dagegen die Rolle des Staates, auch medizinische Leistungen zu erbringen. Und in diesen Ländern ist das völlig akzeptiert. In Deutschland hingegen setzt man auf eine Trennung dieser Strukturen.

HSS: Wie sehen Sie die Welt auf eine neue Pandemie vorbereitet? Haben wir genug aus der Corona-Krise gelernt?

Die Corona-Krise hat bestimmt dazu beigetragen, dass wir das Thema Prävention mehr in den Fokus gerückt haben. Prävention kann in allen Bereichen dazu beitragen, dass weniger therapiert und kuriert werden muss, und kann somit ein Einsparpotential in der Gesundheitsversorgung bedeuten. Auch die Diskussion über das Vorhalten von Betten und Gerätschaften hat durch die Corona-Pandemie Auftrieb erhalten. Und nicht zuletzt auch der Umgang mit medizinischem Personal: Erst durch die Corona-Pandemie ist der breiten Öffentlichkeit bewusst geworden, wie wichtig es ist, qualifizierte Mitarbeiter in diesem Bereich zu haben. In Summe denke ich, dass wir einiges aus der Corona-Pandemie gelernt haben und dieses Wissen auch hoffentlich behalten werden. Wenn wir allerdings bedenken, dass wir eigentlich ähnliches schon einmal vor 100 Jahren im Rahmen der sogenannten Spanischen Grippe erlebt haben, hoffe ich, dass diesmal das Wissen und der Lernfaktor länger anhalten.

HSS: Prof. Minder, vielen Dank für das Gespräch.

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