Südkorea und die Corona-Krise
Testing and Tracking
Zum ersten Mal wurde am 20. Januar 2020 das Virus in Südkorea bestätigt; am 4. Februar wurde Chinesen aus der Provinz Hubei (in der sich Wuhan befindet, Ursprungsort des Virus) die Einreise verboten. Ab dem 20. Februar stieg die Zahl der Erkrankten massiv an. Der Grund war im Wesentlichen, dass sich dort koreanische Mitglieder einer protestantischen Sekte (Shincheonji Church of Jesus) zur Missionierung aufgehalten hatten. Sie lösten bei ihrer Rückkehr in der Stadt Daegu im Süden des Landes eine massive Krankheitswelle aus, mit „Patient no. 31“, einer der Sekte angehörigen Frau, als „Superspreader“. Südkorea entschloss sich daraufhin, massiv zu testen – die Sekte wurde gezwungen, alle Mitgliedsdaten herauszugeben und fast 230.000 Tests wurden durchgeführt. Etwa 60 Prozent der in Südkorea gemeldeten Fälle von Covid-19 hängen mit der Sekte zusammen. Gleichzeitig wurde eine Politik des „Testing and Tracking“ eingeführt, bei der nicht nur sehr schnell und viel getestet wurde, sondern auch mit Hilfe von Kreditkartendaten, Überwachungskameras, und Handy-Daten versucht wird, möglichst alle menschlichen Kontakte von Infizierten zu identifizieren und diese ebenfalls in Quarantäne zu schicken. Regelmäßig werden automatische Updates über Neuerkrankungen durch die Regierung auf jedes in Südkorea registrierte Handy gesendet.
Da Südkorea das Land ist, das den höchsten Anteil von Zahlungen mit Kreditkarten in der Welt hat, sind diese Daten besonders aussagekräftig. Auch bei den Tests ist Südkorea neue Wege gegangen: Hier wurde der „Drive- Through-Test“ erfunden, bei dem der Kontakt von Testperson und Ärzten bzw. Personal besonders gering ist.
Derzeit scheint die Situation in Südkorea einigermaßen unter Kontrolle zu sein: Südkorea hat das erreicht, was man als „flatten the curve“ bezeichnet, d.h. einen sehr, sehr langsamen Anstieg der Corona-Fälle. Damit ist auch gewährleistet, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Am Schwierigsten war die Situation von Mitte Februar bis Mitte März in Daegu und Umgebung, jetzt ist es auch dort ruhiger geworden. Am 3. April hat die Zahl der Erkrankten erstmals die Grenze von 10.000 überschritten, allerdings werden derzeit mehr Personen gesund als krank. Inzwischen entfällt fast die Hälfte der Neu-Infektionen auf Koreaner oder Ausländer, die ins Land kommen, darunter etliche, die Südkorea zurückgeholt hat. Europäer müssen derzeit zum obligatorischen Corona-Test, und danach zwei Wochen in Selbstquarantäne.
„Testing and Tracking“ war ein Grund für den Erfolg Südkoreas bei der Eindämmung von Covid-19
HSS/Korea
Gründe für Südkoreas Erfolg bei der Bekämpfung von Covid-19
Zu den Gründen des Erfolgs von Südkorea zählt sicherlich die geographische Lage: Wie Taiwan, Singapur, Hong Kong und Japan ist Südkorea eine Insel (im Sinne der Einreise, die nur durch Schiff – in den wenigsten Fällen – und Flugzeug erfolgen kann). Bereits seit der SARS-Epidemie erfolgt an allen Einreisestellen die Fiebermessung automatisch; wenn Passagiere mit Flugzeugen aus bedrohten Regionen kamen (etwa bei der MERS- oder Ebola-Epidemie), wurden zusätzlich Gesundheitsfragebögen verteilt, welche die Sitzposition von Passagieren im Flugzeug ebenso wie den Reiseverlauf, die Adresse, Handy-Nummer und Symptome erfassten.
Zweitens ist Südkorea eines der Länder, in dem neue Technologien mit großem Enthusiasmus und Optimismus angenommen werden. Bedenken wegen des Datenschutzes gibt es kaum. Man darf das aber nicht mit der Situation in China verwechseln, wo die Überwachung vor allem politischen Zwecken dient. Dort wird die Adaption neuer Technologien auch zum Instrument von politischen Gegenbewegungen (etwa bei den großen Massendemonstrationen gegen die jeweiligen Regierungen, die oft über Handys mit koordiniert werden). In der Krise macht das deshalb die Akzeptanz von Überwachungsmaßnahmen, die etwa der Einhaltung der Quarantäne oder der Identifizierung von Gefährdeten dient, weitaus einfacher. Auch technisch scheint es in Europa viel größere Probleme zu geben als hier bei der Einführung solcher Maßnahmen.
Drittens ist auch die Politik der sozialen Distanzierung, wie in vielen ostasiatischen Ländern, einfacher durchzuführen. Atemschutzmasken sind schon seit Jahren weit verbreitet wegen der Luftverschmutzung, die in Südkorea in den letzten zehn Jahren leider sehr zugenommen hatte (und jetzt ironischerweise durch den Wirtschaftseinbruch massiv abgenommen hat!). Auch das Händeschütteln ist weitaus weniger verbreitet als in Europa.
Wahlkämpfer tragen in Korea Gesichtsmasken, um sich vor Corona zu schützen
HSS7Korea
Innenpolitik – Parlamentswahlen: Rettet Corona die Moon-Regierung?
In Südkorea sind am 15. April Parlamentswahlen angesetzt. Im bisherigen Parlament hat Präsident Moon Jae-In, der außerhalb des normalen Wahlzyklus durch die Amtsenthebung von Präsidentin Park Geun-Hye an die Macht gekommen ist, nur eine relative Mehrheit. Die bisherige Bilanz seiner Regierung ist schlecht: die Wirtschaft war schon vor der Pandemie in einer schweren Krise, die Arbeitslosigkeit vor allem unter Jugendlichen für koreanische Verhältnisse hoch, die Nordkorea-Politik hat praktisch über ein Jahr lang keine Fortschritte mehr gemacht. Doch die Pandemie bedeutet überall in der Welt die Stunde der Exekutive: Täglich geht die Regierung mit entschlossenen Maßnahmen an die Bildschirme; die Opposition hat dem wenig entgegenzusetzen. Insofern kann man sagen, dass die Pandemie sich politisch für die Regierung sehr positiv auswirkt. Es sieht jetzt wohl so aus, als könne Präsident Moon der Wahl gelassen entgegensehen. Ob es für eine absolute Mehrheit reicht, ist nicht zu sagen. Aber auf jeden Fall sollte sich das Ergebnis für die Regierungspartei nicht verschlechtern und sie kann zumindest mit den kleineren linken Parteien hoffen, das Parlament aktiver als bisher kontrollieren zu können.
Den Rest seiner Amtszeit könnte der Präsident dann damit verbringen, einerseits zu versuchen, die Nordkorea-Politik doch noch, entgegen aller Aussichten, zum Erfolg zu bringen, andererseits damit, den wirtschaftlichen Scherbenhaufen aufzulesen, den erst seine Politik, vor allem die massive Erhöhung der Mindestlöhne und dann die Covid-19-Krise hinterlassen wird.
Wirtschaft und Gesellschaft – Die Suche nach einer Exit-Strategie
Die wirtschaftlichen Folgen sind auch hier dramatisch: Korea ist stark exportabhängig und deshalb wird dieses Jahr eine starke Rezession erfahren. Doch es gibt keinen Lockdown, d.h. im Prinzip arbeiten die Firmen noch, wenn man vom Tourismus absieht, der ganz stark getroffen ist. Die Exit-Strategie ist für alle problematisch. Derzeit werden z.B. Schulen zunächst nur virtuell unterrichten, aber auf Dauer wird das nicht gehen. Die relativ geringe Zahl der Erkrankten bedeutet, dass das Konzept der „Herdenimmunität“ hier nicht greift. Bis wirksame Impfstoffe entwickelt sind, muss der soziale Kontakt weiterhin beschränkt bleiben. Schon jetzt drängen sowohl Firmen als auch Privatpersonen darauf, die bisherigen Beschränkungen nach und nach wieder zu lockern. Ganz ausschließen kann man deshalb eine zweite oder dritte Welle der Epidemie nicht.
Soft-Power und Diplomatie
Schon jetzt ist klar, dass Südkorea mit seiner Strategie weltweit zu einem Vorbild geworden ist. Darauf weisen seit Tagen Kommentare in Deutschland und offizielle Studien hin, wie die des Bundesinnenministeriums. Südkorea ist sich dessen bewusst und gerade jetzt im Wahlkampf lässt Präsident Moon Jae-In keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, welcher ausländische Staatschef ihm wieder gratuliert hat oder ihn um Rat gefragt hat. Das ist durchaus nachvollziehbar, wenn man sich etwa die Entwicklung der Pandemie in Südkorea im Vergleich zu Deutschland oder den USA ansieht. Man darf dabei nicht vergessen, dass eine Kopie der südkoreanischen Strategie unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen wie etwa in Deutschland nicht funktionieren kann. Wenn man etwa eine freiwillige Handy-App zum Covid-19-Tracking anbieten würde, ist es fraglich, ob es in Deutschland genug Menschen geben werde, die sie nutzen würden. Auch der Zeitaspekt spielt eine Rolle: Die südkoreanische Strategie war u.a. deswegen so erfolgreich, weil die entsprechenden Maßnahmen gleich am Anfang, nach dem Schock der ersten Masseninfektionen durch die Sekte Shinjeonchi Church of Jesus, eingeführt wurden. In Deutschland, wo man viel zu lang mit solchen Antworten gewartet hat und jetzt die große Koalition erst nach Ostern wieder über eine Tracking-App reden will, ist das schon viel zu spät.
Sicher ist, dass diese Krise Südkorea eine weitere Zunahme an „soft power“ bringen wird. Das Image Südkoreas hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gewandelt: Es gilt jetzt als Technologieführer und als kulturelle Großmacht („K-Pop“, Oskargewinn…). Nun kommt noch das Image als gekonnter Krisenmanager dazu – durchaus zu recht!
Veronika Eichinger
Leiterin
Leitung