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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Therese Giehse

Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Therese Giehse - Mutter Courage und Oma der Münchner Geschichten.

Im Jahr 2021 leben Jüdinnen und Juden nachweislich seit 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschland. Um das zu feiern, finden in der gesamten Bundesrepublik das ganze Jahr über Veranstaltungen statt. Ziel des Festjahres ist es, jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem erstarkenden Antisemitismus entgegenzuwirken.

Die Hanns-Seidel-Stiftung beteiligt sich an diesem Jubiläumsjahr mit vielfältigen Aktivitäten. Auch wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, das Judentum in Geschichte und Gegenwart als untrennbaren und prägenden Teil unseres Landes und unserer Gesellschaft erfahrbar zu machen. Als ein Baustein hierzu dient eine Reihe von Portraits jüdischer Persönlichkeiten, die in ihrem je eigenen Wirkungsbereich Bemerkenswertes und Bereicherndes geleistet haben. Auf diese Weise haben sie Deutschland im Allgemeinen und Bayern im Besonderen zu dem gemacht, was sie heute sind.

Therese Giehse - Mutter Courage und Oma der „Münchner Geschichten“

Therese Giehse (6. März 1898 – 3. März 1975) war eine jüdische Schauspielerin, die sich nicht unterkriegen ließ. Im Jahr 1933 musste sie vor den Nationalsozialisten flüchten; nach 1945 war sie nach Bayern zurückgekehrt. Hier spielte sie brillante Rollen bis 1975, dem Jahr ihres Todes in München. Sie war bekannt dafür, den Eindruck zu vermitteln, als gäbe es nicht viele Dinge, die sie erschrecken könnten.

Der Werdegang als Schaupielerin

Therese Giehse kam in München im Jahr 1898 als Therese Gift, Tochter des jüdischen Kaufmannsehepaars Gertrude und Salomon Gift, zur Welt.

Von 1918 bis 1920 ließ sie sich in München zur Schauspielerin ausbilden. Schon im Jahr 1920 nahm sie den Künstlernamen Therese Giehse an. In den nächsten fünf Jahren folgten Engagements an verschiedenen renommierten Bühnen in ganz Deutschland. Ihr Debüt gab Giehse im Jahr 1920 als Büßerin in dem Stück „Kausikas Zorn“ in München. Ihre Bemühungen, in den Jahren 1920 bis 1924 in Berlin eine Rolle zu finden, scheiterten; sie musste sich mit Saisonengagements arrangieren.

In den Jahren 1924/25 spielte sie im damaligen Breslau (heute: Wroclaw/Polen) unter dem Intendanten Paul Barney (1884-1960). Von ihm wurde Giehse den Münchner Kammerspielen empfohlen; somit konnte sie 1925 nach München zurückkehren und unter dem Regisseur und Theaterdirektor Otto Falckenberg (1873-1947) an den Münchner Kammerspielen meist Rollen als ältere, herbe und unsympathische Frau spielen. Giehse war in politischen Stücken, aber auch in Possen und harmlosen Faschingsspäßen zu sehen. Bekannt wurde sie vor allem durch herbe Charakterrollen.

Emigration und Flucht

Zusammen mit den befreundeten Geschwistern Klaus und Erika Mann, den beiden ältesten Kindern von Thomas Mann, gründete sie am 1. Januar 1933 das literarische Kabarett „Die Pfeffermühle“. In diesem Kabarett stand die Satire gegen die Nazis im Vordergrund. Mit diesen Inhalten mussten die drei bereits wenige Wochen nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten emigrieren. Als Jüdin lag für Therese Giehse die Emigration sowieso nahe. Bereits am 13. März 1933 flüchteten sie nach Zürich in das Gasthaus „Zum Hirschen“, wo sie in der Folgezeit über Monate ein volles Haus hatten.

Mit Erika Mann verband Giehse eine lesbische Partnerschaft. Nach der Zeit in Zürich flüchteten sie von 1934 bis 1936 über Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Österreich bis in die Tschechoslowakei. Am 26. April 1936 erlebte die „Pfeffermühle“ ihre tausendste Vorstellung in Amsterdam. Anschließend zog die kleine Gruppe nach England. Dort heiratete Therese Giehse im gleichen Jahr den homosexuellen Schriftsteller John Hampson-Simpson. Auf diese Weise konnte sie die britische Staatsbürgerschaft erlangen und war so vor den Nationalsozialisten in Sicherheit.

Therese Giehse porträtiert von Günter Rittner als „Mutter Courage und ihre Kinder".

Therese Giehse porträtiert von Günter Rittner als „Mutter Courage und ihre Kinder".

Günter Rittner; Wikimedia Commons; (CC BY 3.0)

Neuanfang

In den 1940er Jahren zog es Giehse wieder nach Zürich. Dort spielte sie die Titelrolle in der Uraufführung von Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“. Dann folgen etliche weitere Brecht-Rollen, durch die Giehse zum Maßstab für weibliche Besetzungen in Brecht-Rollen wurde. Sie spielte außerdem in ihrem ersten Film „Menschen, die vorüberziehen“ unter der Regie von Max Haufler (1910-1965) mit.

Als der Krieg zu Ende war, kam Giehse zurück nach Deutschland. In Berlin und später in München nahm sie Angebote an den Kammerspielen wahr.

1949 spielte Giehse wieder auf der Bühne der Münchner Kammerspiele, aber auch bis 1952 in vier Gastspielrollen im Berliner Ensemble, welches nun im Ostteil der Stadt lag und in Zürich (bis 1966). In Berlin führte sie in Kleists „Der zerbrochene Krug“ (1952) selbst die Regie, in Zürich spielte sie die Claire Zachanassian in „Der Besuch der alten Dame“ (1956) und die Irrenärztin Mathilde von Zahnd in „Die Physiker“ (1962), beides Stücke von Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). Die Rolle als Irrenärztin gehörte zu den Glanzleistungen von Therese Giehse. In den 1950er Jahren folgten noch weitere Stücke. Recht früh in ihrem Leben spielte sie vor allem ältere Frauen.

In den 1960er Jahren machte der Protest auch vor den Theatern nicht halt. Giehse radikalisierte sich selbst ein wenig in diesen Jahren: In der Zeit des Vietnamkriegs Ende der 1960er Jahre las sie öffentlich pazifistische Texte von Brecht und engagierte sich für die Abrüstung. Mit unterschiedlichen Brecht-Abenden ging sie dann Anfang 1974 auf Tournee durch die Bundesrepublik. Dabei las und sang sie Brecht-Texte mit musikalischer Begleitung.

Oma Anna in den Münchner Geschichten

In den 1970er Jahren schaffte sie es, ihren Bekanntheitsgrad zu vergrößern. Sie erhielt in Helmut Dietls „Münchner Geschichten“ eine der Hauptrollen. Diese Rolle brachte ihren Charakter sehr zur Geltung. Darin waren ihre Augen, die alles Niederträchtige zu durchschauen, aber alles Menschliche zu verzeihen schienen, wöchentlich auf den Fernsehschirmen zu sehen. Durch die Oma des Berufsjugendlichen und Hallodris Tscharlie Häusler, dargestellt vom blutjungen Günther Maria Halmer, kam die im Jahr 1933 in München und Bayern ausgetriebene Moderne nun wieder in Film und Theater nach München zurück. Die „Münchner Geschichten“ nahmen die Zeitenwende im Guten wie im Schlechten in den Fokus. Hier standen Themen wie der Zwiespalt zwischen Moderne und Tradition, die Veränderung der Stadt oder insbesondere des Stadtviertels Lehel sowie der Antisemitismus im Fokus.

In einer der letzten Folgen der „Münchner Geschichten“ musste Anna Häusler (Therese Giehse) in das damals noch neue Wohngebiet Neuperlach ziehen. Der Blick über die Trabantenstadt stürzte die Film-Oma in tiefe Depression. Therese Giehse überlebte ihre Rolle nicht einmal drei Jahre. Sie starb am 3. März 1975.

Wenige Jahre später wurde eine Straße in Neuperlach nach ihr benannt; es war genau die Straße, die Giehse als Film-Oma in Neuperlach vom Fenster sehen konnte. Neben dem Filmband in Silber im Jahr 1955 erhielt Giehse 1988 das Portrait auf einer Briefmarke der Dauermarken-Serie „Frauen der deutschen Geschichte“. Darüber hinaus tragen viele Straßen, Schulen, Plätze oder sogar ein Zug (Intercity 815 von Wismar nach München) ihren Namen.

Autorin: PD Dr. Karin B. Schnebel ist Hochschullehrerin für Politikwissenschaften an der Universität Passau und Vorsitzende des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts für Zukunftsfragen München.

Helga Keiser-Hayne: Erika Mann und ihr politisches Kabarett „Die Pfeffermühle“ 1933 – 1937. Reinbek 1995.

Sven Panthöfer: Therese Giehse 1898-1975. 14.09.2014. Abrufbar unter: https://www.dhm.de/lemo/ biografie/therese-giehse [Stand: 27.05.2021].

Renate Schmidt: Therese Giehse. „Na, dann wollen wir den Herrschaften mal was bieten!“ Biografie. München 2008.

Therese Giehse – Tscharlies jüdische Oma. 8.9.2011. Abrufbar unter. Abgerufen am 25.05.2021.

www.br.de/themen/religion/juden-bayern-therese-giehse-100.html

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