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Europäische Energiesicherheit im globalen Kontext
Unser Rohstoff-Problem

Autor: Silke Franke

Energie ist mehr als Wirtschaftspolitik. Eine sichere Energieversorgung ist zentrale staatliche Aufgabe und berührt dabei auch Felder der Außen- und Sicherheitspolitik. Welche Auswirkungen haben die zum Teil dramatischen Veränderungen der globalen Energiemärkte auf Europa? Wer verfolgt welche Interessen?

„Nichts wäre gefährlicher für einen Wirtschaftsstandort, als die Energieversorgung und ihre internationalen Dimensionen zu vernachlässigen“, sagte Dr. Frank Umbach, Forschungsdirektor am Europäischen Zentrum für Ressourcen und Energiesicherheit des King‘s College in London, gleich zu Beginn seines Vortrags. Dies sei uns in Europa spätestens mit dem Ukraine-Konflikt klar geworden, der plötzlich die Gasversorgungsfrage in Europa zu einem Thema gemacht hat. Ohne diese Krise wäre eine gemeinsame europäische Energie- und Klimapolitik sehr viel langsamer vorangekommen.“

Herausforderungen und Verwundbarkeiten?

Dass nationale bzw. europäische Energiestrategien immer auch in einen internationalen Kontext eingebettet sind, skizzierte Umbach anhand von Beispielen:

Rohstoff-Abhängigkeit. Trotz positiver Diversifizierungsmaßnahmen ist Europas Importabhängigkeit von fossilen Energien nach wie vor hoch. Global betrachtet haben die Netto-Öl- und Gasabhängigkeiten, mit Ausnahme der USA, eher zugenommen. Selbst wenn es uns gelänge, weitere technologische Fortschritte im Bereich der erneuerbaren Energien zu erzielen, so Umbach, müsse man doch bedenken, dass diese Technologien oft bestimmte Rohstoffe benötigen – Stichwort „seltene Erden“ oder Lithium für Batterien – die wir ebenfalls  importieren müssen. Gerade bei den seltenen Erden besitzt China mit rund 90% der Vorkommen ein globales Förder- und Export­mono­pol.

Die Kohle-Frage. Angesichts der angestrebten Decarbonisierung wird die weitere Kohlekraftnutzung in Frage gestellt. Doch nationale Anstrengungen in Deutschland, die CO2-Emissionen durch einen Kohleausstieg zu reduzieren, wären wenig zielführend, wenn stattdessen weniger effizient geförderte Kohle über lange Transportwege aus dem Ausland importiert würde. Die USA haben aufgrund der Erfolge in der Gasförderung ihren Kohleverbrauch und damit ihren CO2-Ausstoß drastisch senken können. Auf globaler Ebene ist dieser Effekt aber vergleichsweise gering, da zeitgleich die Emissionen in China stark angestiegen sind. Die Kohle-Industrie spielt dort nach wie vor eine große Rolle. China ist der weltweit größte Investor in Kohlekraftwerke und Minenbetreiber  (übrigens aber auch der größte Investor in Erneuerbare Energien). Global betrachtet hat allein die Kohle im Zeitraum von 2000-2010 einen fast ebenso starken Zuwachs in der Weltenergienachfrage verbucht wie alle anderen Primärenergiequellen zusammen. 

Markt und Preise. Die Energiepreise sind in Europa hoch. Die Unterschiede der Energiekosten zwischen Europa und den USA sind beträchtlich und das wirkt sich trotz hoher Standards der Wirtschaft in Qualität und Effizienz auf die Wettbewerbsfähigkeit aus. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA)  könnte das der EU  Marktanteilen bei energieintensiven Gütern kosten.

Schwierige Prognosen

Bei Energiefragen sei es gefährlich, rein linear zu denken, warnte Umbach. Prognosen seien oft nicht eingetroffen: „Vor Jahren wurde vor einem 'Peak Oil' gewarnt. Nun scheint die Ölversorgung weniger eine Frage der Endlichhkeit der Ressource zu sein, als der (sinkenden) Nachfrage nach diesem Rohstoff. Wer hätte z.B. gedacht, dass die USA, einst Energieimporteur, dank neuer Frackingtechnologien zu einem Energieexporteur aufsteigen würde? Wer hätte gedacht, dass zusätzlich zu dem Zieldreieck aus Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz auch zunehmend Fragen der Sicherheit (Cybersecurity) und der Akzeptanz von Infrastrukturanlagen eine so große Rolle spielen würden?“ Viel wichtiger als die lineare Fortschreibung bisheriger Entwicklungen ist für ihn daher, verschiedene Szenarien durchzuspielen und damit auf alternative Entwicklungen vorbereitet zu sein.

Geopolitische Akteure

Im zweiten Teil seines Vortrags skizzierte Umbach noch seine Einschätzung zu einigen regionalen Entwicklungen, u.a.

Europa: Brexit

Der Austritt des Vereinigten Königsreichs (UK) aus der EU wird auch Folgen für die Energie- und Klimaarchitektur der EU und insbesondere für UK selbst haben. UK war bislang ein wichtiger Partner nicht nur für die Versorgungssicherheit, sondern auch für die Kompromissfindung, etwa bei der Liberalisierung der Energiemärkte, dem Strommarktdesign und Emissionshandelssystem, bei der Durchsetzung von klimapolitischen Zielen oder Fragen der Energieaußenpolitik.

Rußland: Nord Stream II

Es ist davon auszugehen, dass Russland der wichtigste Gaslieferant für Europa bleiben wird, auch wenn sich die globalen Gasmärkte dramatisch verändert haben, da mit den USA oder Australien neue Exporteure auf den Markt drängen. Angesichts der globalen Überversorgung könnte es durchaus zu einem Preiskrieg zwischen russischem Pipelinegas und Flüssiggas-Importen, vor allem aus den USA, in Europa kommen (dies hängt aber im Wesentlichen von der Nachfrage- und Preisentwicklung in Asien ab). So geht es bei dem Bau der Nord Stream II Pipeline auch gar nicht in erster Linie um die Lieferung von zusätzlichem Gas von Russland nach Europa, denn angesichts der vorhandenen Kapazitäten bedarf es keiner  neuen Gasinsfrastruktur: Das Vorhaben ist ein eher von geopolitischen Interessen geleitetes Projekt, mit dem Russland die Ukraine umgehen will. Dies hätte negative Auswirkungen nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die EU-Mitgliedsstaaten Ungarn, Slowakei und Polen. 

Fazit: Energieaußenpolitik notwendig

Es ist wichtig, die Entwicklung der globalen Energiemärkte und geopolitischer Strategien im Auge zu behalten. Eine gemeinsame EU-Energie- und Energieaußenpolitik ist dringend geboten, kann aber nur so stark sein, wie ihre Mitgliedsstaaten sie hierzu befähigen: „Deutschland“, so Umbach in seinem Schlussappell, „hat als größtes und wirtschaftlich stärkstes Mitgliedsland eine besondere politische Verantwortung und sollte das vom Europäischen Rat kodifizierte Solidaritätsgebot selbst vorleben, bevor es dieses bei Energie- und anderen Fragen von anderen EU-Staaten einfordert".

 

 Vortragsfolien von Dr. Frank Umbach (pdf)

Dr. Frank Umbach und Moderator Stefan Geier

Dr. Frank Umbach und Moderator Stefan Geier

Dr. Frank Umbach

Studium der Politikwissenschaften, Osteuropäischen Geschichte und des Staats-, Europa- und Völkerrechtes an den Universitäten Marburg und Bonn; Promotion an der Uni Bonn;

Forschungsdirektor am European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS), King‘s College, London;

Senior Associate am Centre for European Security Strategies (CESS GmbH).

Visiting Professor on “EU Energy (External) Policies and Governance” am College of Europe in Natolin/Warschau (Polen) und Adjunct Senior Fellow an der S.Rajaratnam School of International Studies, Nanyan Technological University (Singapur)

Beratertätigkeiten u.a. für das Auswärtige Amt, das Bundesverteidigungsministerium, die Europäische Kommission und das Europäisches Parlament, für NATO, OSZE, World Energy Council, Energie- und Consultingunternehmen sowie ausländische Regierungen und Investoren.

Stefan Geier

Staatsexamen in Mathematik und Physik
Freier Wissenschaftsjournalist Hörfunk und TV und Moderator von Wissenschaftsveranstaltungen
Zahlreiche Auszeichnungen und internationale Medienpreise

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Leiterin: Silke Franke
Referat II/6: Umwelt und Energie, Städte, Ländlicher Raum
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