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Wertewandel in der Demokratie

Wie definieren wir unsere Werte? Welche Werte sind für uns von Bedeutung und wie haben sich diese im Lauf der Zeit verändert? Mit diesen Kernfragen setzten sich am 4. November 2015 Experten aus Rechtswissenschaft, Politik, Philosophie und Religion im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung auseinander.

Joachim Frank, Kea-Sophie Stieber, Silke Launert, Hans-Jürgen Papier, Hans O. Seitschek,Vural Ünlü

Joachim Frank, Kea-Sophie Stieber, Silke Launert, Hans-Jürgen Papier, Hans O. Seitschek,Vural Ünlü

Gesellschaftliche Werte in der Demokratie wurden seit jeher durch diverse Faktoren geprägt. Insbesondere Religion und Recht beeinflussen die Entwicklung stetig. Dies lässt sich an Urteilen, wie dem des Bundesverfassungsgerichts zur Anbringung des Kruzifix in öffentlichen Schulen vor 20 Jahren und die sich daran anschließenden Kopftuchurteile eindrucksvoll nachzeichnen.

Hans-Jürgen Papier

Hans-Jürgen Papier

Der berühmten Gretchenfrage folgend nahm der ehemalige Bundesverfassungsgerichtspräsident, Prof. em. Dr. Dres. h.c. Hans-Jürgen Papier, die Haltung des deutschen Staates zur Religion zwischen Laizismus und Staatskirche unter dem Thema „Der deutsche Staat und die religiösen Werte“ in den Blick. Die Entfaltungs- und Darstellungsmöglichkeit der hier angesiedelten Weltanschauungs- und Religionsgemeinschaften ist nach wie vor unter dem Leitbild der religiösen Vielfalt ein Anliegen des deutschen Säkularstaates und grundgesetzlich gewährleistet. Allerdings ist es unumgänglich, dass der Staat für eine friedliche Koexistenz verschiedener Glaubensansätze selbst Neutralität wahrt. Dennoch sieht Papier die neue Kopftuch-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts kritisch. Die Grenzen der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit in Ausübung eines öffentlichen Amtes sind regelmäßig enger zu ziehen als die einer Privatperson. Die Unterscheidung ist dann zu treffen, wenn Amtsträger der Kirchen in eben dieser Funktion als Lehrkraft tätig werden und ihre religiöse Amtskleidung tragen.

Aiman A. Mazyek

Das gleiche Thema aus anderem Blickwinkel behandelte der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek. Aus seiner Sicht haben Werte identitätsstiftenden Charakter. Dies birgt bei ständigem Wandel das Potenzial der Verunsicherung. Ist die eigene Identität gefestigt, könne Fremdes eher angenommen werden. Ausschlaggebend dabei ist die Wechselseitigkeit. Mazyek befindet aus diesem Grund beispielsweise die teils unter Muslimen geforderte Umbenennung des St. Martinsfestes in  Lichterfest als unnötig, da die Werte des Festes (Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft) allen Religionen – auch den muslimischen Werten entsprächen.

Doch er warnte auch vor der Gefahr von Ideologien. Diese verleiten gegen die eigenen Werte zu verstoßen: Eine Umfrage ergab, dass mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung eine Einschränkung der muslimischen Religionsausübung befürworten würde. So könne es passieren, dass zeitgleich Toleranz und Intoleranz werte- und ideologisch basiert auftreten.

Wie haben sich die Werte unseres Familienbildes geändert? Während 1949 Familie noch als „Keimzelle der menschlichen Gesellschaft“ galt, in der sowohl Kinder als auch Senioren betreut wurden, seien solche Aufgaben heute an den Staat übertragen worden. Die Bundestagsabgeordnete und Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Silke Launert, MdB, zeigte Entwicklungen in Eheschließung, -scheidung und neuen Familienformaten wie Patchwork und gleichgeschlechtlichen Paaren auf. Die Frau ist heutzutage in der Regel unabhängig. Unterstützt durch Verhütungsmöglichkeiten kann sie Kind, Karriere und Familienstand selbst beeinflussen. So habe es in den vergangenen Jahrzehnten einen Wertewandel hin zur vordergründigen Selbstverwirklichung der Frau gegeben, innerhalb derer die Familien ihren früheren Stellenwert eingebüßt hätte. Doch es gäbe keineswegs eine „Ent-Wertung der Gesellschaft“, schließlich habe man die Gleichstellung der Frauen und Toleranz im Umgang mit Homosexualität dazugewonnen.

Dr. Hans Otto Seitschek näherte sich der Thematik aus philosophischer Perspektive. Dabei warnte er davor den Wertbegriff inflationär zu benutzen, indem Wert(e) heute fast willkürlich gesetzt und konstruiert werden. Die Frage, was ein Wert ist beantwortet er in folgenden fünf aussagekräftigen Punkten:

  • eine Tugend, wie Besonnenheit oder Höflichkeit
  • ein Prinzip, ein Grundsatz des Denkens oder Handelns, wie Widerspruchsfreiheit oder Verlässlichkeit
  • eine Grundlage (ähnlich dem Prinzip), wie die Rechtsstaatlichkeit als Grundlage einer Gesellschaft
  • eine Grundhaltung, wie Offenheit gegenüber anderen Meinungen oder die Bereitschaft, abweichende Positionen zu tolerieren (auszuhalten)
  • ein Brauch, eine allgemeine Gewohnheit

Genauigkeit im Umgang mit Sprache und ein präziser Ausdruck vermögen es, ideologische Aufladungen zu vermeiden und so den Wertbegriff in seiner ursprünglichen Natur beizubehalten.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Bayern, Dr. Vural Ünlü, diskutierte unter der Moderation von Joachim Frank (Chefkorrespondent der DuMont Mediengruppe) mit den anderen Teilnehmern noch einmal eingehend die Problematik des teilweise undifferenzierten Inhalts des Begriffes „Wert“ und dessen Wandel. In dieser Debatte betonte Ünlü, Werte in ihrer Eigenheit könnten für Migranten nicht zwanghaft sein. Sie seien weitgehend subjektiv geprägt und damit im Gegensatz zu Recht und Gesetz in ihrer rein objektiven Natur, nicht justiziabel.  Eine Erwartung an Migranten zur Assimilation an deutsche Werte könne man setzen, aber nicht erzwingen. Integration hingegen schließe die rechtliche Ordnung hingegen selbstverständlich mit ein. In Bezug auf Werte geht es in diesem Zusammenhang eher um ein gegenseitiges Verständnis. Insgesamt müsse der interreligiöse Konsens durch die verstärkte Einbeziehung aller Gemeinschaften dazu beitragen, die Herausforderungen zu lösen.