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Tag der Internationalen Pflege
Wie gestalte ich Pflege daheim?

Autor: Konrad Teichert

In der letzten Lebensphase stellen sich neue und wichtige Fragen. Ist es möglich, die Pflege zu Hause durchzuführen? Was sind die Wünsche des Pflegebedürftigen und wie kann die Belastung für alle reduziert werden? Auf welche Möglichkeiten der Unterstützung kann man zurückgreifen? Am internationalen Tag der Pflege blicken wir genauer auf ein Thema, das für jeden von uns einmal relevant wird.

Deutschland wird immer älter. Die Prognosen zeigen, dass schon im Jahr 2050 die Anfang 70-Jährigen und die 50-Jährigen zu den zahlenmäßig stärksten Jahrgängen in Bayern zählen werden. Mit der Anzahl pflegebedürftiger Menschen steigt auch die Belastung auf die Pflegenden, zumeist Angehörige.

Vor dieser Herausforderung muss das Thema Pflege neu gedacht werden. Modelle und Wohnformen für pflegebedürftige Menschen, Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige und viele innovative Projekte bieten neue Möglichkeiten der Versorgung an.

Es lohnt sich für jeden, sich frühzeitig um die eigene Zukunft Gedanken zu machen.

Christine Scheck und Bettina Wurzel, die beiden Expertinnen aus unserer aktuellen Pflege-Online-Reihe, geben Tipps zu den wichtigsten Aspekten der Pflege zu Hause und Möglichkeiten der Vorsorge.

Eine ernst blickende Dame, lehnt lässig  an einer Wand, die Arme verschränkt.

Die Anwältin Christine Scheck aus Regensburg ist Expertin für Pflegethemen.

Christine Scheck

Was muss ich beachten, an welche Punkte muss ich denken?

Wurde ein Familienmitglied aktuell zum Pflegefall, gilt es viel zu beachten und kurzfristig in die Wege zu leiten. Die nachfolgende Checkliste, die Frau Wurzel und Frau Scheck zur Planung der eigenen Pflege erarbeitet haben, soll Ihnen einen „Fahrplan“ und Halt in einer schwierigen Situation geben:

  • Wie ist das familiäre und häusliche Umfeld?
  • Stehen Verwandte oder sonstige Vertrauenspersonen zur Verfügung, die bereit wären, bei der Pflege mitzuwirken und zu unterstützen? Wurden die Pflegepersonen auf ihre Bereitschaft hin bereits angesprochen?
  • Sind die Pflegepersonen ausreichend mit Vollmachten, insbesondere einer umfassenden Vorsorgevollmacht ausgestattet?
  • Gibt es zusätzlich eine Betreuungsverfügung und eine Patientenverfügung? Kennt der Bevollmächtigte deren Inhalt und hat er im Notfall Zugriff auf die Originale?
  • Welche ambulante Unterstützungsangebote für die pflegenden Angehörigen gibt es vor Ort in der Kommune?
  • Gibt es geeignete Hilfsmittel, die auf ärztliche Verordnung erhältlich sind?
Frau Wurzel lächelt in die Kamera

Die diplomierte Sozialpädagogin Bettina Wurzel ist die kommunale Behindertenbeauftragte der Stadt Bayreuth und Leitung der örtlichen Betreuungsbehörde.

Bettina Wurzel

  • Welche körperlichen, kognitiven und psychischen Einschränkungen hat der oder die zu Pflegende?
  • Besteht ein Grad der Behinderung oder ist dies beantragt?
  • Welche Finanzmittel können für die Pflege eingesetzt werden. Werden Angehörige im Rahmen der Unterhaltspflicht herangezogen?
  • Gibt es Barrieren im häuslichen Umfeld? Ist eventuell ein Umzug oder ein Umbau erforderlich?
  • Bin ich über Fördermittel beim barrierefreien Umbau, Landespflegegeld, Pflegegeld und die Leistungen der Hilfe zur Pflege informiert? Kenne ich meine Ansprechpartner vor Ort?
  • Ein Blick auf das Testament, Erbvertrag oder Bestattungsvorsorge lohnt. Ist alles geregelt? Ist alles noch aktuell?

Wer auch im Alter und trotz immer größerer gesundheitlicher Einschränkungen eine Wohnumgebung wünscht, die nach wie vor durch möglichst viel Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geprägt ist, muss selbst aktiv tätig werden.

Wichtig ist auch, finanziell vorzusorgen, denn die gesetzliche Pflegekasse übernimmt nur die Grundversorgung. Die Kosten für Pflege sind bereits heute hoch und werden in den nächsten Jahren weiter steigen.

Eine ältere Dame geht mit einer jungen Frau durch einen herbstlichen Wald spazieren. Beide lachen glücklich.

Gute Organisation lindert die Belastung für Pflegebedürftige und Pflegende gleichermaßen.

Ridofranz; ©HSS; IStock

Für die Pflege daheim reichen die Leistungen aus der Pflegepflichtversicherung meist kaum aus. Es empfiehlt sich hier auf jeden Fall individuelle Beratung und private Absicherung.

Drei wichtige Punkte für die häusliche Pflege:

  • Rechtliche Vorsorge
  • Pflegeberatung
  • Finanzielle Hilfen

 

Unsere Frage an die Expertinnen:

Auf die pflegenden Angehörigen geht kaum jemand ein, sie kommen aber auch irgendwann an ihre Grenzen. Was raten Sie ihnen?

Christine Scheck:

Pflegende Angehörige sollten sich bereits im Vorfeld, noch „in guten Zeiten“, immer bewusst sein, dass sie die zentrale Schlüsselposition haben werden. Sie sollten daher schon vor Eintritt eines Pflegefalls darauf hinwirken, dass innerhalb der Familie einvernehmlich geklärt wird, wer später „das Ruder übernehmen soll“. Sie sind diejenigen, die darauf achten sollten, dass entsprechend eindeutige und ausreichende Vorsorgevollmachten vorhanden sind. Tritt der „Fall der Fälle“ dann tatsächlich ein, müssen diese Angehörigen von sich aus aktiv das Ruder übernehmen, kurzfristig professionelle Pflegeberatung ins Boot holen und auf dieser Grundlage ein Pflegekonzept entwickeln, das dem pflegebedürftigen Angehörigen einerseits gerecht wird und andererseits finanzierbar ist. Wenn pflegende Angehörige alle bestehenden Möglichkeiten kennen und ausschöpfen, sollte in der Regel auch eine Überbelastung der Pflegeperson vermeidbar sein. Denn auch der achtsame Umgang mit den eigenen Ressourcen der Pflegeperson muss immer mit notwendiger Bestandteil des „Pflegekonzepts“ sein.

Bettina Wurzel:

Besonders in diesem Bereich setzen viele Maßnahmen an, z. B. die Entlastungsangebote für Angehörige werden immer stärker differenziert. Sie gehen von Entlastungsbeträgen bis hin zu Angebote von Selbsthilfegruppe und individueller Pflegeberatung. Wichtig ist, dass Sie sich über diese Entlastungsangebote informieren und diese dann auch  wahrnehmen, um aufzutanken und ihre Kraft zu erhalten.

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