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Die Zukunft der Pflege
Wie machen wir die Pflege zukunftsfest und finanzierbar?

Autorin/Autor: Dr. Susanne Schmid

Die Pflegeversicherung ist in einer schweren Krise. Die Finanzlage ist so ernst wie nie. Wie können wir die soziale Pflegeversicherung nachhaltiger und generationengerechter aufstellen?

Wie verteilen wir die Finanzlast unter den Pflegebedürftigen sowie den Beitrags- und Steuerzahlern, um niemanden zu überfordern und Gerechtigkeit zu wahren? Über diese und andere Fragen haben wir mit Fachleuten aus Politik, Wissenschaft und Versorgung diskutiert.

Das Pflegesystem in Deutschland steht unter massivem Transformationsdruck. Der demographische, soziale und kulturelle Wandel stellt besonders die Altenpflege in ihrer bisherigen Form vor erhebliche Herausforderungen. Eine wachsende Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen steht einer immer kleiner werdenden Zahl familiär und beruflich Pflegender gegenüber. Die Pflegekosten steigen weiter an, Pflegesettings müssen überdacht und reformiert werden. Zugleich bieten verschiedene Finanzierungsentwürfe ebenso wie die Digitalisierung mögliche Ansätze, um die Zukunft der Pflege zu gestalten und zu sichern. 

Die stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung Kerstin Schreyer bei der Eröffnung der Veranstaltung: „Wie wir mit Pflegebedürftigen künftig umgehen, wird zum Prüfstein der humanitären Qualität unserer Gesellschaft.“

Die stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung Kerstin Schreyer bei der Eröffnung der Veranstaltung: „Wie wir mit Pflegebedürftigen künftig umgehen, wird zum Prüfstein der humanitären Qualität unserer Gesellschaft.“

Pflege in einer alternden Gesellschaft

Die stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Kerstin Schreyer, MdL, betonte in ihrem Grußwort, dass Pflege bereits jetzt ein Megathema sei und im Zuge des demografischen Wandels weiter an Bedeutung gewinnen werde. Bezogen im Jahr 2000 noch etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung (nach SGB XI), so waren es Ende 2023 bereits knapp 5,7 Millionen. Bis 2050 dürften es nach Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamts 7,5 Millionen Menschen sein. Fast neun von zehn Pflegebedürftigen (86 % oder Millionen) wurden Ende 2023 zuhause versorgt. Auch in Bayern ist die Zahl der pflegebedürftigen Menschen stark gestiegen. Demnach erhielten Ende 2023 über 631.000 Menschen Leistungen der Pflegeversicherung, bis 2050 wird ein Anstieg auf 820.000 erwartet. Über 82 % der Pflegebedürftigen (520.000) in Bayern wurden 2023 daheim versorgt, nur rund ein Viertel von ihnen nahm einen ambulanten Pflegedienst in Anspruch. 

Kerstin Schreyer schloss ihre Ausführungen mit den Worten:

„Wie wir mit Pflegebedürftigen künftig umgehen, wird zum Prüfstein der humanitären Qualität unserer Gesellschaft. Doch auch der Umgang der Gesellschaft mit den Pflegenden wird die Versorgungsqualität prägen. – Wir müssen jetzt die richtigen Weichen für die Zukunft stellen.“

Veranstaltung zum Thema

Am 26. Februar 2025 organisierte die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der die Podiumsdiskussion „Die Zukunft der Pflege“.

Impulsgeber und Podiumsteilnehmende waren: 

  • Kerstin Schreyer, MdL, Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung e.V., Staatsministerin a.D.
  • Judith Gerlach, MdL, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention
  • PD Dr. med. Katharina Bürger, Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft München e.V.
  • Prof. Dr. Thiess Büttner, Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insb. Finanzwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Thomas Hackenberg, Leiter der Landesvertretung Bayern des Verbands der Ersatzkassen e.V. (vdek)
  • Dr. Andreas Magg, Landes-Caritasdirektor in Bayern
  • Nikolaus Nützel vom Bayerischen Rundfunk (Moderation)
Staatsministerin Gerlach bedauerte in Ihrer Rede, dass das Thema Pflege im Wahlkampf kaum eine Rolle gespielt hat und versprach, in den anstehenden Koalitionsverhandlungen das Sprachrohr für die Pflege zu sein.

Staatsministerin Gerlach bedauerte in Ihrer Rede, dass das Thema Pflege im Wahlkampf kaum eine Rolle gespielt hat und versprach, in den anstehenden Koalitionsverhandlungen das Sprachrohr für die Pflege zu sein.

Pflege aus politischer Sicht

Die bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, Judith Gerlach, MdL, unterstrich in ihrem Impulsstatement, dass zwar bereits eine ganze Menge auf den Weg gebracht wurde, es aber auch noch viel zu tun gäbe. Sie versprach, in den anstehenden Koalitionsverhandlungen das Sprachrohr für die Pflege zu sein:

„Die kommende Bundesregierung muss das Pflegesystem auf ein solides Fundament stellen. Das ist eine der Kernaufgaben im Gesundheits- und Pflegebereich. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der angespannten Haushaltslage müssen wir eine ehrliche Diskussion darüber führen, wie wir die pflegerische Versorgung in Zukunft sicherstellen können. 

Wir brauchen für die Pflege eine nachhaltige und zukunftssichere Lösung, die alle mittragen! Denn eine einseitig diktierte Lösung – wie etwa bei der Krankenhausreform – wird in der Pflege nicht durchsetzbar sein und schadet am Ende vor allem den Menschen. Ich habe deshalb vorgeschlagen, auf Bundesebene eine Zukunftskommission für die Pflege einzuberufen, die parteiübergreifend zusammenarbeitet und so ein zukunftsfähiges Reformkonzept auf den Weg bringt und Finanzierungsfragen mitdenkt. Es geht um den Schulterschluss aller Akteure in diesem Bereich. Dafür werde ich mich mit großem Nachdruck einsetzen!“

Die Staatsministerin forderte eine umfassende Struktur- und Finanzreform der Pflegeversicherung. Als hierfür nötige Reformvorschläge benannte sie: 

  • Vereinfachung und Flexibilisierung des Pflegeversicherungsrechts: die individuelle Versorgung solle sich nicht nach Versorgungsform, Sektorengrenzen und komplexen Abrechnungsmöglichkeiten richten, sondern danach, was Pflegebedürftige und Angehörige wirklich benötigen.
  • Arbeitsvereinfachung für Pflegeeinrichtungen und Pflegekräfte durch die Aufhebung der Sektorengrenzen im Leistungsrecht und eine einheitliche, auskömmliche Finanzierung der medizinischen Behandlungspflege
  • Finanzierung versicherungsfremder Leistungen aus Steuermitteln, vor allem Zuschüsse der Pflegeversicherung zu den Rentenbeiträgen pflegender Angehöriger
  • Finanzierung der Ausbildungskosten aus Steuermitteln

Etwa 82 % der Pflegebedürftigen in Bayern werden daheim gepflegt, darunter drei Viertel ohne ambulante Pflege. Pflegende Angehörige verdienen höchste Anerkennung und Wertschätzung, daher wurden zu ihrer Unterstützung viele Angebote auf den Weg gebracht:

  • Über 2.800 Angebote zur Unterstützung im Alltag wie Betreuungsgruppen, Helferkreise und Alltagsbegleitung 
     
  • Rund 8.100 registrierte Ehrenamtliche bei den Fachstellen für Demenz und Pflege
     
  • 55 Pflegestützpunkte sowie rund 100 geförderte Fachstellen für pflegende Angehörige und eine Online-Demenzsprechstunde als Modellprojekt 

In Bayern leben derzeit rund 270.000 Menschen mit Demenz. Bereits 2013 wurde die Bayerische Demenzstrategie entwickelt, seit 2019 gibt es die Bayerischen Demenzwochen. 
Die Strategie „Gute Pflege. Daheim in Bayern“ ist ein weiterer wichtiger Baustein um bedarfsgerechte, kommunale Sorge- und Pflegestrukturen zu schaffen und die häusliche Pflege zu stärken.

Prof. Dr. Thiess Büttner, Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied im Experten-Rat Pflegefinanzen kritisierte die sehr hohe Sozialabgabenlast in Deutschland.

Er mahnte an, dass die bisherigen Pflegereformen die Finanzierung der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht nachhaltig stabilisieren konnten. Die jüngsten Beitragserhöhungen dürften bestenfalls bis 2025 eine Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung gewährleisten. Aufgrund der Zunahme von Pflegebedürftigen bei gleichzeitigem Rückgang der Beitragszahler erwartete Büttner weitere Beitragssteigerungen. Er führte aus, dass die soziale Pflegeversicherung keine Versicherung im herkömmlichen Sinne sei, weil sie keine Rücklagen bilden könne. Er warnte vor Verteilungskämpfen und sah die Akzeptanz der Pflegeversicherung gefährdet. Die gesetzliche Pflegeversicherung würde nur einen Teil der pflegebedingten Kosten abdecken, vor allem in der stationären Pflege seien die Eigenanteile hoch. Büttner schlug daher vor, zur Absicherung der Eigenanteile in stationären Pflegeeinrichtungen eine generationengerechte, kapitalgedeckte und gegebenenfalls verpflichtende Pflegezusatzversicherung einzuführen.

Das Thema Lohnersatz oder Pflegelohn für pflegende Angehörige bewertete Büttner kritisch, weil man durch falsche Anreize viel zerstören könne. Er unterstrich diesbezüglich das Subsidiaritätsprinzip, wonach der Mensch sich erst selbst helfen solle, ehe er nach der Hilfe des Staates verlange. 

Thomas Hackenberg, Leiter der Landesvertretung Bayern des Verbands der Ersatzkassen e. V. (vdek), verdeutlichte die dramatische Situation der sozialen Pflegeversicherung: Die Ausgaben hätten sich von 1997 mit 15 Milliarde Euro auf 60 Milliarden Euro in 2024 vervierfacht. Gleichzeitig hätte sich die Zahl der Pflegebedürftigen verdreifacht. Der Beitragssatz hätte sich von 1997 mit 1,7 % auf 2024 mit 3,6 % mehr als verdoppelt. Der Mittelbestand belaufe sich aktuell auf lediglich 40 % einer Monatsausgabe. – Es bestehe dringender Reformbedarf. Notwendige Maßnahmen zur zukunftsfähigen Ausgestaltung der sozialen Pflegeversicherung wurden vom vdek in einem Positionspapier zusammengestellt.  

Als nötige Reformschritte benannte Hackenberg eine faire Lastenverteilung und das Herausrechnen versicherungsfremder Leistungen. Aufgrund der ungleichen Risikoverteilung von privater und gesetzlicher Pflegeversicherung forderte er, dass die private Pflegeversicherung Geld in einen Ausgleichsfond zahlen soll.

Dr. Andreas Magg, Landes-Caritasdirektor in Bayern, erläuterte, dass wegen Personalmangels bereits Abteilungen und Touren bei der Caritas gestrichen werden mussten. 

Fehlendes Pflegepersonal bedeute, dass weniger Heimbewohner betreut werden könnten und dass es weniger Geld aus der Pflegekasse gäbe. Die Situation dürfte sich weiter verschärfen. Zuversichtlich mit Blick auf die Fachkräftegewinnung stimmten ihn die Einführung der „Fast Lane“ für schnellere Anerkennungsverfahren für ausländische Pflegefachkräfte und die Überarbeitung der Ausbildungszugänge. Ebenfalls positiv bewertete er die Fortschritte bei KI-Anwendungen und Robotik. Als Beispiel nannte er das Forschungsprojekt „Smart Home“ des TUM-Campus Garmisch-Partenkirchen, das Pflegebedürftige beim Verbleib in der eigenen Wohnung unterstütze. Magg forderte mehr Entbürokratisierung und eine individuellere Fallgestaltung. Die Nöte pflegender Angehöriger sollte man ernst nehmen und zu ihrer Entlastung die teilstationäre Pflege stärken. 

„Bezüglich Pflege ist es 25 Minuten nach 12 Uhr. Die Versorgung steht vor dem Kollaps, was in der Öffentlichkeit jedoch zu wenig bekannt ist“, so die Aussagen von Dr. med. Katharina Bürger, Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft München e. V.

Die Alzheimer Gesellschaft München besteht seit 40 Jahren und war die erste ihrer Art in Deutschland. Vereinszweck ist Angehörigen- und Betroffenenberatung. Ein besonderer Fokus liegt auf der Früherkennung. Viele Ehrenamtliche unterstützen die Alzheimer Gesellschaft, doch schwinde die Bereitschaft für dauerhaftes Engagement und Mitgliedschaft, so Bürger. Um das System stabil zu halten, sollte man die Ressourcen bündeln. In der Pflegeversicherung bräuchte es einen Konsens hinsichtlich der Prioritätensetzung.

Der Zuwachs an Alzheimerpatienten läge im demografischen Wandel begründet. Bürger plädierte für ein „Dementional Care Management“, das sich bei der Betreuung an den Bedürfnissen des Einzelnen orientiert. Die Gesundheit von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen stünde dabei im Fokus.

Bilder der Veranstaltung

Interview mit der bayerischen Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, Judith Gerlach, MdL

Interview mit der stellvertretenden Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung, Kerstin Schreyer, MdL

Interview mit Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der FAU, Prof. Dr. Thiess Büttner

Interview mit dem Leiter der Landesvertretung Bayern des Verbands der Ersatzkassen e.V., Thomas Hackenberg

Aufzeichnung der Veranstaltung

Kontakt

Leiterin: Dr. Susanne Schmid
Gesellschaftliche Entwicklung, Migration, Integration
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