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Interview – Islamismus
Wieder Terror in Europa?

Nach den islamistischen Anschlägen in Dresden, Paris, Nizza und Wien wird in Europa wieder deutlich, dass der Radikalismus noch nicht besiegt ist. Der führende Islamwissenschaftler, Mathias Rohe, erklärt, warum die islamistische Ideologie der „Wahhabiten“ ein Grund für den Terror ist.

Nach der Zerschlagung des selbsternannten Kalifats der Terrororganisation Islamischer Staat in Syrien und im Irak waren der islamistische Extremismus und seine Grausamkeiten hierzulande aus der öffentlichen Aufmerksamkeit weitgehend verschwunden. Der Bayerische Verfassungsschutzbericht konnte für das zurückliegende Jahr vermerken, dass Deutschland von islamistischen Terroranschlägen verschont geblieben sei. Zugleich warnte er aber davor, dass die Gefahr weiter anhalte, wobei die Täter als Merkmal eines „modernen“ Terrorismus auf eine gewisse Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit setzen würden. Er sollte Recht behalten. Mit den jüngsten Attentaten von Dresden, Paris, Nizza und Wien ist diese Gefahr nun wieder unübersehbar real und präsent – in Deutschland, in Europa, in den Medien, in den politischen Debatten. Wir haben den Rechts- und Islamwissenschaftler Mathias Rohe, der das Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) leitet, um eine erste Einschätzung gebeten.

Rohe blickt ernst in die Kamera

"Der sogenannte „Islamische Staat“ ist letztlich ihr geistiges Produkt" (Prof. Rohe über die Ideologie des Wahhabismus)

Mathias Rohe

HSS: Sehr geehrter Herr Professor Rohe, am 4. Oktober sticht ein junger Syrer, der mutmaßlich der Terrororganisation Islamischer Staat zuzurechnen ist, in Dresden zwei Touristen nieder, einer von ihnen erliegt wenig später seinen Verletzungen. Am 16. Oktober enthauptet ein junger Tschetschene im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine unter „Allahu akbar“ Rufen einen Lehrer, da dieser es gewagt haben soll, den Propheten Mohammed zu erniedrigen. Am 29. Oktober ermordet ein junger Tunesier in der Kirche Notre-Dame-de-l’Assomption in Nizza drei Menschen, auch seine Tat ist eindeutig dem islamistischen Extremismus zuzurechnen. Und in der Nacht auf den 3. November wird die Innenstadt von Wien durch einen Terroranschlag erschüttert, der ebenfalls auf das Konto des Islamischen Staates geht. Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Thema Islamismus. Was geht Ihnen bei einer Aufzählung dieser Vorfälle, die ja keineswegs die einzigen sind, die wir in diesem Jahr erleben mussten, als erstes durch den Kopf?

Prof. Mathias Rohe: Menschliche, aber auch wirksame rechtsstaatliche Solidarität muss allen Opfern krimineller Attacken aus islamisch-religiösem Fanatismus gelten, wie jüngst in Frankreich. Der Rechtsstaat muss sich wehrhaft zeigen gegen diejenigen, die seine Grundlagen – nicht zuletzt Menschenrechte wie Meinungs-, Religions- und Weltanschauungsfreiheit – bekämpfen und unterwandern. Und er muss sich auch wehrhaft zeigen bei der Durchsetzung seiner Ziele.

HSS: Woher rührt der Extremismus?

Im Islam der Gegenwart ist es gewiss nicht alleine, aber prominent die seit Jahrzehnten massiv propagierte, menschenfeindlich-intolerante saudisch-wahhabitische Ideologie, die mit massiven Ressourcen ihr Unheil über die Welt verbreitet: Der sogenannte „Islamische Staat“ ist letztlich ihr geistiges Produkt. Nicht zu vergessen sind aber auch verkrustete soziale und politische Verhältnisse, die gerade in Frankreich breite Bevölkerungsgruppen in abgehängte Banlieues verbannen und Radikalisierung fördern können. Auch ein minderheitenfeindlicher obsessiver Laizismus, der Religiosität allenfalls im privaten Kämmerchen dulden will, löst keine Probleme, sondern nährt sie.

Prof. Dr. Dr. h.c. Mathias Rohe hat Rechts- und Islamwissenschafen in Tübingen und Damaskus studiert. Seit 1997 forscht und lehrt er an der Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Von 2001-2007 war er Richter am Oberlandesgericht Nürnberg. An der FAU gründete er 2008 das in Europa einzigartige Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE). Schwerpunkte seiner Forschung liegen in der Entwicklung des Islam in Europa und damit verbundener Rechts- und Teilhabefragen im Sinne einer gemeinsamen Rechtskultur. Er hat zahlreiche einschlägige Publikationen vorgelegt und weltweit Vorträge und Vorlesungen gehalten. Rohe wirkt an der Deutschen Islam Konferenz seit ihrer Einrichtung 2006 mit und wird vielfach national und international zu Politikberatung angefragt. Er ist Mitglied im Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit beim BMI und im Beirat der Dokumentationsstelle Politischer Islam beim Bundeskanzleramt in Wien. Rohe wurde zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaft gewählt und wirkt in vielen wissenschaftlichen Beiräten mit.

HSS: Wie sehen Sie diese Situation im Vergleich mit Deutschland?

Die religionsoffene säkulare Ordnung Deutschlands hat sich weit besser bewährt als das französische Konzept. Sie ermöglicht ein solides Bildungswesen jenseits obskurer Privatschulen, wie sie offenbar in Frankreich bislang agieren durften, und offene gesellschaftliche Debatten. Sie ermöglicht aber auch die Existenz traditioneller Formen der Lebensführung, die ein Mainstream nicht gutheißen muss.

HSS: Was kann unser Rechtsstaat, was können wir als Gesellschaft insgesamt tun, um der Gefahr des islamistischen Extremismus entgegen zu wirken?

Der Rechtsstaat muss sich mit allen zulässigen Mitteln gegen Angriffe verteidigen. Solidarität verdienen aber auch religiöse Menschen, die aus Empörung oder aus extrem laizistischem Fanatismus grundlos pauschal verdächtigt und in politische Sippenhaft genommen werden. Rechtsstaatliche Solidarität heißt: Bekämpfung des religiösen wie des antireligiösen Extremismus. Rechtsstaatlich und wissenschaftlich unhaltbar sind jedoch nicht mit Fakten untermauerte pauschale Behauptungen wie: „die Moscheen“ oder „die Verbände“ schlechthin, die angeblich alle von Politik und Kirchen „hofiert“ würden, seien die Wurzel allen Übels. Notwendig ist hingegen eine genaue Suche nach den Ursachen von Gewalt und Hetze, ohne falsche Rücksichtnahme, aber mit rechtsstaatlichem Augenmaß. Empörte Pöbeleien etwa aus der politisch rechten Ecke nützen nur den Extremisten, die aus religiösen, politischen oder schlicht menschenfeindlichen Ideologien eine feindselige Wir-oder-Die-Welt schaffen wollen. Nur mit offenen Augen und Augenmaß wird man die breite Mitte der Bevölkerung egal welcher Religion und Weltanschauung zusammenhalten und stärken können, in gemeinsamer Bewahrung rechtsstaatlicher Einigkeit in menschlicher Vielfalt.

HSS: Sehr geehrter Herr Professor Rohe, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Dr. Philipp Hildmann, HSS

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de