Archivale des Monats
„Deutschland auf dem Weg zur Einheit“: Ein Einblick in das ostdeutsche Parteiensystem kurz nach 1990
"Freiheit statt Sozialismus - DSU" Aufkleber der DSU anlässlich der Bundestagswahl 1990
ACSP; HSS, ACSP, KWM 1990 : 11
Die Anfänge der DSU: Eine neue ostdeutsche CSU?
Infolge des Falls der Berliner Mauer und des daraus resultierenden Zusammenbruchs der DDR entstanden auf dem Gebiet der sog. „Neuen Bundesländer“ im Vorfeld der ersten freien Volkskammerwahlen vielerlei neue Parteien und politische Gruppierungen. Im christlich-konservativen Spektrum gründeten sich etwa die Christlich-Soziale Partei Deutschlands (CSPD), die Freie Deutsche Union (FDU) oder die Forum-Partei Thüringen (FPT). Im Januar 1990 schlossen sich diese und weitere Kräfte zu einer neuen politischen Organisation zusammen: Der Deutschen Sozialen Union (DSU). Dass der Parteiname und sein Kürzel an die bayerische CSU erinnern, ist dabei kein Zufall. Der damalige Parteivorsitzende Hans-Wilhelm Ebeling und sein Generalsekretär Peter-Michael Diestel richteten ihre Partei bewusst nach dem programmatischen Vorbild der Unionsparteien aus. Sie verstanden die DSU daher als ostdeutsche Schwesterpartei von CDU/CSU. So übernahm die DSU etwa die Losung „Freiheit statt Sozialismus“, welche die Union bereits im Wahlkampf 1980 verwendete und unterstütze die möglichst schnelle Privatisierung von ehemaligen DDR-Staatsbetrieben. Ebenfalls fällt das nahezu identische mediale Erscheinungsbild (z.B. auf Plakaten) auf: Der grüne Hintergrund sowie das hellblaue, kursivierte Parteikürzel erinnern stark an zeitgenössische Veröffentlichungen der CSU.
Die DSU und die Junge Union Bayern: Kooperation und Zusammenarbeit
Insbesondere die Junge Union Bayern zeigte sich in der Wendezeit als Unterstützer der DSU. So konnten beispielsweise durch die Vermittlung des damaligen JU-Landesvorsitzenden Gerd Müller mehrere Treffen mit DSU-Funktionären und der CSU-Spitze, etwa Ministerpräsident Max Streibl und Generalsekretär Erwin Huber, stattfinden. Trotz inhaltlicher Differenzen unterstützten ab 1990 prominente CSU-Vertreter die DSU in den anstehenden Wahlkämpfen.
Auf der Landesversammlung der JU Bayern, welche im April 1990 in Weiden in der Oberpfalz stattfand, wurde etwa der damalige geschäftsführende DSU-Vorsitzende Joachim Hubertus Nowack als Redner eingeladen. In seinem Grußwort bat dieser unter anderem um die Unterstützung der JU-Mitglieder bei der Gründung einer eigenen DSU-Jugendorganisation und um Hilfe beim Aufbau langfristiger und stabiler Parteistrukturen. (HSS, ACSP, JU Bayern : 33/2)
Plakat für eine gemeinsame Veranstaltung von DSU, JU und CSU für den dezentralen Aktionstag 1990
ACSP; HSS, ACSP, Pl S : 10213
Der dezentrale „Aktionstag Deutschland“ am 20.04.1990
Darüber hinaus organisierte die Junge Union Bayern gemeinsam mit der DSU zur Eröffnung der Landesversammlung einen dezentralen „Aktionstag Deutschland“. Im Rahmen des Kommunalwahlkampfs in Sachsen und Thüringen sollten am 20. April 1990 über 50 gemeinsame Veranstaltungen zwischen den beiden Parteien stattfinden. Der JU-Landesvorsitzende Gerd Müller nahm beispielsweise mit Vertretern der DSU Weimar an einer Kranzniederlegung in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald teil.
Eines der Ziele des Aktionstages bestand darin, dass „Freundschaften entstehen würden, die den gegenseitigen Erfahrungsaustausch fördern.“ (HSS, ACSP, JU Bayern : 33/3) Das JU-Landessekretariat stellte hierbei den Kontakt zwischen JU und DSU-Kreisverbänden, die sich vorwiegend an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze befanden, her. Außerdem bereitete der JU-Landesverband für seine Kreisverbände diverse Materialien vor, um eine reibungslose Durchführung der Veranstaltungen zu gewährleisten. In diesem Kontext ist auch das vorliegende Archivale des Monats zu betrachten. Dieser Plakatvordruck ermöglichte den am Aktionstag teilnehmenden Kreisverbänden ein klares öffentliches Auftreten und ein einheitliches „Corporate Design“.
Ausblick: Die DSU nach 1990
In den Jahren nach 1990 verlor die DSU aufgrund ausbleibender Wahlerfolge als politische Kraft zunehmend an Relevanz. Die CSU baute als Konsequenz ihre Unterstützung für die „Schwesterpartei im Osten“ schrittweise ab bis schließlich die DSU 1993 mit ihrem neuen Vorsitzenden Roberto Rink beschloss, sich auf das gesamte Bundesgebiet auszubreiten. Diese Entscheidung nahmen die Christsozialen zum Anlass, um die gemeinsame Kooperation am 24. April 1993 zu beenden. Heute ist die DSU eine rechtskonservative Kleinstpartei mit Wahlergebnissen von unter einem Prozent.
Beitrag von Lukas Nanos, Werkstudent im Archiv für Christlich-Soziale Politik
Mehr Informationen unter:
Jäger, Wolfgang/Walter, Michael: Die Allianz für Deutschland. CDU, Demokratischer Aufbruch und Deutsche Soziale und Union 1989/90, Köln 1998.
Schulze, Andreas: Deutsche Soziale Union (DSU), in: Decker, Frank/Neu, Viola (Hrsg.): Handbuch der deutschen Parteien, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Wiesbaden 2013, S. 244-246.
Oetzinger, Stefan: Das „Experiment“ DSU, Portal „CSU Geschichte“ der Hanns-Seidel-Stiftung e.V., https://www.csu-geschichte.de/themen/detail/das-experiment-dsu, abgerufen am 06.03.2025.