Italian-German Strategic Dialogue
Deutschland und Italien im Schulterschluss?
von links: Nicoletta Pirozzi, Head of the EU, Politics and Institutions Programme, IAI, Silke Schmitt, Country Director, HSS Italy/ Vatican, Giancarlo Giorgetti, Minister of Economy and Finance, Thomas Bagger, German Ambassador to Italy and San Marino, Michele Valensise, President, IAI, Federico Castiglioni, Researcher, IAI, Paweł Tokarski, Senior Associate, SWP
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Die Botschaft war eindeutig: Nur durch gemeinsame Kraftanstrengungen bleibt Europa wettbewerbsfähig, resilient und handlungsbereit. Italien und Deutschland können hier gemeinsam einen wichtigen Beitrag leisten – bislang sei das Potenzial dieser Beziehungen noch nicht vollständig ausgeschöpft. Da sind sich die Experten einig.
von links: Johannes Hanneken Economic Counsellor at the German Embassy in Rome, Federico Niglia, Professor at Università per gli Stranieri di Perugia, Hanna Pappalardo, Directorate General for Europe and International Trade Policy, Ministry of Foreign Affairs and International Cooperation
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Relaunch our joint action!
Die Hanns-Seidel-Stiftung hatte hochrangige Vertreter aus Deutschland und Italien zur dritten Ausgabe des Italian-German Strategic Dialogue Ende September nach Rom eingeladen. Zum Auftakt der zweitägigen Konferenz in Zusammenarbeit mit dem italienischen Think Tank IAI und dem deutschen Pendant SVP sprach Italiens Wirtschafts- und Finanzminister Giancarlo Giorgetti in der Residenz des neuen deutschen Botschafters in Italien, Thomas Bagger. Auch hier setzten die Sprecher ein klares Signal: "Relaunch our joint action – Zusammenarbeit und Handlungsfähigkeit zwischen Italien und Deutschland neu beleben!“
Italien sei für Deutschland ein wichtiger strategischer Partner, so der Tenor. Die Zusammenarbeit zwischen 27 Mitgliedsstaaten mit unterschiedlichen Interessen und Schwerpunkten erschwere die Arbeit in der Europäischen Union. Hier sei eine engere Partnerschaft zwischen Deutschland und Italien entscheidend. Eine „schleichende Entfremdung“ zwischen beiden Ländern, wie man sie in der Vergangenheit beobachtet hatte, wäre fatal.
Wettbewerbsfähigkeit als Schicksalsfrage
„Europa darf sich keinen weiteren Rückstand leisten“ – diese Meinung prägte die Diskussionen zur wirtschaftlichen Stärke des Kontinents. Der Draghi-Report sei eine Art „benchmark“- eine Art Richtwert - um den fortschreitenden Niedergang Europas zu vermeiden, so die Experten. Italien und Deutschland seien gemeinsam für 40 Prozent der Industrieproduktion in Europa verantwortlich – dies dürfe nicht unterschätzt werden. Hier liege der Schlüssel zur strategischen Autonomie in der EU.
Die Teilnehmer forderten daher entschlossene Reformen: Vollendung des Binnenmarkts, vor allem bei Kapital und Energie; mutige Industriepolitik in wichtigen Bereichen wie Energie, Digitalisierung und Verteidigung sowie neue europäische Finanzierungsinstrumente, die Investitionen in europäische Zukunftsprojekte ermöglichen.
Denn: Wirtschaftliche Stärke ist mehr als ein ökonomisches Ziel – sie ist die Grundlage für Europas politisches Gewicht in der Welt, so die Experten. Hier müsse das „nationale Ego“ beiseitegelegt und Kompetenzbündelung betrieben werden.
Nicola Verola, Director General for Europe and International Trade Policy, Italian Ministry of Foreign Affairs and International Cooperation, und Dr. Wolf Krug, Leiter des Instituts für Europäischen und transatlantischen Dialog (v.li.)
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Verteidigung: Von der Lücke zur Stärke
Sicherheit ist ein öffentliches Gut – diese Überzeugung zog sich ebenfalls durch die Debatten. Doch Europas industrielle Basis sei nicht in der Lage, die aktuellen Herausforderungen zu stemmen. Daher forderten die Teilnehmer gemeinsame Investitionen und Programme, die an erfolgreiche Rüstungskooperationen der Vergangenheit anknüpfen. Hierzu sei eine zügige Produktionssteigerung und Koordination bei Beschaffung und Planung notwendig. Die Dringlichkeit dieser Forderungen war greifbar: Ohne glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit drohe Europa geopolitisch ins Abseits zu geraten.
von links: Federico Castiglioni, Researcher, IAI, Elio Calcagno, Defence Programme Researcher IAI, Alexander Großklags, Political Affairs Officer at the German Embassy in Rome
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Ukraine: Aufbau braucht Sicherheit – Sicherheit braucht Glaubwürdigkeit
Der Wiederaufbau der Ukraine sei mit erheblichen Governance-Risiken verbunden, so die Experten, insbesondere Korruption. Der Zustrom großer Geldsummen in Verbindung mit bestehenden Machtstrukturen könne Anreize für opportunistisches Verhalten schaffen, wenn es an Kontrollmechanismen fehle. Transparenz, lokale Überwachung und Einbindung der Zivilgesellschaft wurden als unverzichtbar identifiziert.
Auf der Sicherheitsebene stieß das Konzept „Boots on the Ground“ auf breite Skepsis. Statt direkter Stationierung ausländischer Truppen solle der Schwerpunkt auf Unterstützungsgarantien, langfristigen Verpflichtungen zu Militärhilfe, hochentwickelten Waffensystemen sowie auf Ausbildung und verteidigungsindustrielle Kooperation gelegt werden.
Fazit: Vom Reden zum Handeln
Der Dialog endete mit einem klaren Auftrag: Italien und Deutschland sollten ihre enge Partnerschaft nutzen, um Europa handlungsfähiger, widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger zu machen. Ob Binnenmarkt, Industriepolitik, Verteidigung oder Ukraine – überall gilt: Strategische Reflexionen sind wichtig. Entscheidend ist jedoch die Übersetzung in konkrete Maßnahmen. Hier bietet die Umsetzung des deutsch-italienischen Aktionsplans eine gute Grundlage. Nur wenn Europa geschlossen handelt, kann es seine Wettbewerbsfähigkeit sichern, seine Bürgerinnen und Bürger schützen und im internationalen Szenarium eine aktive Rolle einnehmen. Kurz gesagt: Gemeinsam für eine starke, geeinte und handlungsfähige Europäische Union.
Eindrücke des Austauschs:
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