In der Nacht vom 7. auf 8. Dezember haben sich Gerüchte bewahrheitet, die Generationen von Syrern für unmöglich gehalten hätten: Bashar Al Assad, Präsident der Syrischen Republik, war mit seiner Familie aus Syrien geflohen. Wenig später meldete sich die russische Regierung zu Wort und teilte mit, man habe die Familie Assad aus „humanitären Gründen“ in Moskau aufgenommen.
Syrien im Umbruch
Die Ära Assad ist zu Ende – und nun?
Syrische Frauen feiern bei einer Kundgebung in Duisburg ausgelassen das Ende des Assad-Regimes
© Jochen Tack/Imago
Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der sich verschiedene Rebellenfraktionen aus dem Nordwesten des Landes, zunächst im Norden, sodann Richtung Süden ausbreiten konnten. Innerhalb von nur zehn Tagen fielen große Teile des Landes in Rebellenhände, Regierungstruppen ergaben sich weitestgehend widerstandslos. Die halbherzige Unterstützung durch russische Streitkräfte konnte keine größeren Wirkungen zeigen.
Tausende von „Verwaltungsinhaftierten“ wurden nach teils über zehn Jahren aus den Foltergefängnissen des Assad-Regimes befreit, Jubelstimmung machte sich nicht nur in Syrien, sondern auch in syrischen Gemeinschaften weltweit breit. Bashar-al Assad, dessen Familie seit 54 Jahren das Land despotisch regiert hatte, und der bei seinem Amtsantritt aufgrund vorsichtiger Liberalisierungsschritte zunächst vom Westen hofiert worden war, entwickelte sich schnell zu einem „Schlächter am eigenen Volk“. Seine Taten sind in der jüngeren Geschichte des an Kriegen und Menschenrechtsverletzungen nicht armen Nahen Ostens vergleichslos geblieben.
Mit Assad ist ein wichtiger Akteur in der geopolitischen „Achse des Widerstands“, der israelfeindlichen Allianz unter Führung des Iran, gefallen. Der Sturz kommt zu einer Zeit, zu der auch andere Beteiligte dieser Allianz, vor allem die libanesische Hisbollah, deutlich geschwächt sind. Nachdem sich in den kommenden Tagen die Freude über den Sturz Assads erwartungsgemäß beruhigen wird, werden wichtige Schritte unternommen werden müssen, um eine langfristige Stabilität des Landes sicherzustellen - auch, um ein glaubwürdiges Rückkehrangebot an die Millionen von Flüchtlingen machen zu können. Syrien braucht nach den für die kommenden Wochen zu erwartenden aufflammenden kleineren Konfliktherden vor allem Stabilität und qualifizierte Syrerinnen und Syrer, die tatkräftig am Wiederaufbau mitwirken können.
Die Kräfte im Land stärken
Eine Einschätzung der mittelfristigen Entwicklungen fällt aktuell sehr schwer. Die siegreiche Opposition, die sich in der Öffentlichkeit betont versöhnlich gibt, entstammt einem islamistischen Milieu. Der Führer der Koalition, Ahmed Al-Shara, der bislang unter seinem Kampfnamen Abu Muhammad al Julani fungierte, und aktuell der Hayat Tahrir ul Sham (Bewegung zur Befreiung Syriens) vorsteht, kämpfte in den Reihen des „Islamischen Staats“ und von „Al Qaida“. Er gilt als Gründer der Nusra-Front, dem syrischen Ableger der Al Qaida. Pragmatisch betrachtet wird Al-Shara bewusst sein, dass die Durchsetzung seiner Ideologie aus früheren Jahren nicht zu einer Einigung in Syrien führen wird. Syrien ist hinsichtlich seiner Bevölkerung ein sehr diverses Land mit vielfältigen religiösen und ethnischen Gruppierungen. Zahlreiche dieser Gruppierungen, seien es Christen, oder nicht-sunnitische Muslime (wie Schiiten oder Ismailiten) fürchten eine (jihadistische) Islamisierung des Rechtssystems und eine Verfolgung von Minderheiten im täglichen Leben. Nur eine Einbindung aller Minderheiten wird eine nachhaltige Stabilität innerhalb des Landes, aber auch in der Region zur Folge haben.
Es wird nun Aufgabe und Herausforderung für die gesamten Staatenwelt sein, reformorientierte (syrische) Kräfte innerhalb des Landes zu stärken. Nur diese können nach dem verheerenden Bürgerkrieg, grassierender Misswirtschaft und umfangreichen internationalen Sanktionen an einem nachhaltigen Wiederaufbau des Landes mitwirken.
Dies gilt umso mehr, als der designierte US-Präsident Donald Trump angekündigt hat, sich aus Syrien zurückziehen zu wollen. Ein zweites „Afghanistan“ in unmittelbarer Nachbarschaft zur Türkei, und damit auch zur EU, kann aktuell niemand wollen.
Deutschland kommt hier eine besondere Rolle zu: Es ist Heimat der größten syrischen Exilcommunity außerhalb der direkten Nachbarschaft Syriens und wichtiger entwicklungspolitischer Akteur im Nahen Osten Ein intensiver, ergebnisoffener Dialog mit syrisch-stämmigen Menschen muss nun schnellstmöglich aufgenommen und vertieft werden. Im Zentrum des Aufbaus sollten syrische Stimmen und Kompetenzen stehen. Nur so kann mittel- und langfristig eine Perspektive für Syrien geschaffen werden. Hierbei können und müssen Deutschland und die Europäische Union auf zuverlässige Partner in der Region, wie zum Beispiel das Haschemitische Königreich Jordanien, setzen.
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