Es ging am Ende doch erstaunlich schnell: Am 27. November bestätigte das Europaparlament in Straßburg das 27-köpfige Kollegium der Kommissionsmitglieder mit 370 Stimmen von EVP, Sozialdemokraten, Liberalen, aber auch Teilen der Grünen. Zuvor waren die parlamentarischen Anhörungen der Kandidaten in Brüssel eher holprig verlaufen. Grund dafür waren die parteipolitisch motivierten Dispute über die beiden Vizepräsidentenkandidaten Raffaele Fitto (Kohäsionspolitik, rechtskonservative EKR) und Teresa Ribera (Klima und Wettbewerb, S&D), die zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten ausgetragen wurden. Sie konnten aber nur verzögern und nicht verhindern, dass in diesem Jahrhundert zum ersten Mal alle Kandidaten vom Parlament ohne Aufschub bestätigt wurden.
In der zweiten Amtsperiode der alten und neuen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erscheint das seit 1. Dezember amtierende Kollegium der 27 EU-Kommissare diverser, team-orientierter und konservativer. Immerhin mit elf Frauen, sechs der Präsidentin zuarbeitenden Exekutiv-Vizepräsidenten, die das pro-europäische Parteienspektrum bis hin zu Melonis rechtsnationalen Fratelli d’Italia abdecken, und insgesamt 14 Mitgliedern aus den Reihen der bei den Parlamentswahlen vom Sommer siegreichen christdemokratischen EVP. Geführt wird das Kollegium von einer starken Präsidentin, die bewusst in den „Mission Letters“, den Richtlinien für die Kommissare, ihre Schwerpunktthemen wie Sicherheit und Verteidigung oder digitale Transformation und Bürokratieabbau, auf mehrere Schultern verteilt und damit auf ressortübergreifende Zusammenarbeit unter ihrer Ägide setzt.
Das große politische Leitthema der Kommission lautet Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Stärke. Von der Leyen kündigte einen „Kompass für Wettbewerbsfähigkeit“ als erste Initiative ihres neuen Mandats an, mit den drei Säulen Innovation und digitale Transformation, Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit (vom Green zum Clean Industrial Deal) und schließlich Stärkung der wirtschaftlichen Sicherheit (mittels Diversifizierung und mehr Partnerschaften). Diese drei Säulen sollen den Rahmen für die gesamte Mandatsperiode bilden.
In den nachfolgenden Kurzanalysen wollen wir die wichtigsten Themen und Kommissare vorstellen, die die Europapolitik der kommenden 5 Jahre prägen werden.